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Ballonfahren am Walchsee: “Wenn Engel steigen, öffnet der Himmel”

Die Vorfreude ist riesig, denn heute werde ich machen, was ich schon Jahre  vorhabe, trotz mehrerer Versuche aber nie zu Stande gekommen ist: eine Fahrt mit einem Heißluftballon. Die Hoffnung auf dieses Erlebnis ist um so größer, denn lange hat es so ausgesehen, als dass unsere Tour wieder nicht würde stattfinden können.

Pilot Norbert Schneider montiert den Gasbrenner.

Pilot Norbert Schneider montiert den Gasbrenner.

36 Stunden vor dem geplanten Start wird uns mitgeteilt, dass die Wettervoraussagen es nicht zulassen, in die Luft zu gehen. Die Winde seien momentan zu stark. Diese seien zwar in der Luft nicht das Hauptproblem, versichert man uns, aber die Landung sei bei diesen Gegebenheiten viel zu riskant. Die Enttäuschung ist groß. Wir werden auf den nächsten Tag vertröstet mit den Worten: “Vielleicht ändert sich ja das Wettergeschehen.”

Dem Föhn sei Dank

Und tatsächlich. Wir bekommen am Abend des nächsten Tages die Mitteilung, dass sich die Prognosen für eine Fahrt in den frühen Morgenstunden schlagartig verbessert hätten, einer südlichen Föhnströmung sei Dank.

Ich bin – ganz entgegen meinem Naturell – beim Zubettgehen die Ruhe selbst. Normalerweise bin ich schon arg aufgeregt, wenn etwas ansteht, was ich zum ersten Mal mache, oder wenn ich irgendetwas nicht selbst steuern kann. Von Aufregung, Beklemmung oder Muffensausen jedenfalls keine Spur. Auch vor dem frühen Aufstehen gegen 4.15 Uhr ist mir nicht bange. Um 22.30 Uhr falle ich in einen angenehmen Tiefschlaf und wache sogar einige Minuten vor dem Klingeln des Weckers auf. Ich bin auch jetzt noch nicht nervös, fühle mich total ausgeruht. Ganz anders als ein Teil meiner Mitfahrer, die vor lauter Aufregung fast kein Auge zugemacht haben und total verschlafen aus der Wäsche schauen.

Um Punkt 5 geht`s los

Kalte Luft wird in den Ballon geblasen.

Kalte Luft wird in den Ballon geblasen.

Um Punkt 5 Uhr werden wir von unseren beiden Piloten und der Begleitcrew abgeholt. Insgesamt sind wir elf Ballonfahrer, die sich später auf zwei Ballone verteilen werden. In wenigen Minuten haben wir unseren Startplatz, die Driving Range eines Golfplatzes am Walchsee im österreichischen Kaiserwinkl, erreicht. Nach einer kurzen Einweisung durch Norbert Schneider, unseren Piloten, müssen wir alle tatkräftig mithelfen, den Ballon fahrtüchtig zu machen. Bei Schneider und seinem “Erdferkel” Gustl Heiß sitzt jeder Griff. Als “Erdferkel” titulieren Ballonpiloten leicht despektierlich diejenigen, die das “Luftschiff” vom Boden aus mit dem Auto verfolgen, die Besatzung nach der Landung abholt und zum Startplatz zurückbringt. “Man kann die Bodenmänner auch Verfolger nennen,” merkt Schneider an”, aber ich finde Erdferkel ganz in Ordnung.”

Alles geht von jetzt an ziemlich schnell. Mittels eines großen Ventilators gelangt kalte Luft in die riesige Ballonhülle; diese wird kurz darauf mit Hilfe eines Gasbrenners erwärmt. Der Ballon richtet sich allmählich auf, nach und nach steigen die Mitfahrer in den Korb. Der ist so klein, dass ich laut denke, “da können doch keine sechs Menschen Platz drin haben.” “Keine Angst”, sagt Norbert,” wir haben’s da oben sehr kuschelig.” Um 5.40 Uhr hebt D-OPTA ab.

Lautlos schweben wir nach oben

Die kalte Luft wird erwärmt; danach stellt sich der Ballon relativ schnell auf.

Die kalte Luft wird erwärmt; danach stellt sich der Ballon relativ schnell auf.

Lautlos schweben wir nach oben. Etwas mulmig ist mir nun schon in der Magengegend, aber das ist nur ein kurzes temporäres Problem. Nach wenigen Minuten gehen wir in “Wartestellung” und halten inne, bis der zweite Ballon startet. Der wird gesteuert von Irmi Moser, einer der ersten und erfahrensten Ballonpilotinnen Österreichs.

Unser “Chef” ist ganz in der Nähe beheimatet, im oberbayerischen Traunstein, 48 Jahre alt und seit 1988 hauptberuflich Ballonpilot. Er hat seither 4500 Stunden in einem Heißluftballon verbracht, und ist fast täglich in der Luft. So viel Erfahrung beruhigt mich und die anderen ungemein. Man weiß ja nie…

Bald stellt sich heraus, wohin die Reise unserer beiden bunten Kugeln geht. Denn ein Freiballon ist ja nur sehr begrenzt steuerbar, ist voll und ganz den Luftströmungen ausgesetzt. Meine Hoffnung, Richtung Wilder Kaiser und Zahmer Kaiser zu fahren, erfüllt sich nicht. Wir werden ins “Bayerische” getrieben. Die Staatsgrenze ist überquert. Norbert kennt scheinbar jeden Baum, jedes Haus, jede Ortschaft sowieso. Es ist sein Revier.

Los geht`s: Unser zweiter Ballon mit der Aufschrift Kaiserwinkl hebt in Kürze ab.

Los geht`s: Unser zweiter Ballon mit der Aufschrift Kaiserwinkl hebt in Kürze ab.

Angenehmes Wohlfühlambiente

Er erklärt uns auf sehr amüsante Weise das Ballonfahren und alles, was dazu gehört. Immer wieder erhöht er zwischendurch die Temperatur in der Ballonhülle, indem er den Gashahn öffnet. Das ist zwar einigermaßen laut, aber durch die entstehende Wärme angenehm für uns. Meine Bedenken, in luftiger Höhe müsse es doch kalt sein, sind unbegründet. Außerdem verursacht das “Kuscheln” ein angenehmes Wohlfühlambiente.

Unsere Blicke kreisen von Ost nach West, von Nord nach Süd, es ist ein herrliches Gefühl, so leicht wie eine Feder dahinzuschweben. Wir steigen Meter um Meter, hinter uns die Gipfel des Kaisergebirges, schräg unter uns der romantische Walchsee. Die Wälder ruhen sanft, die Felder liegen wie gemalt, das Gelb des Rapses beruhigt die Seele auch derer, die mit mulmigem Gefühl in den Korb gestiegen sind.

Norbert spielt mit mir “Wer wird Millionär”. Er will wissen, wie viel Hüllenvolumen der Ballon hat. Als Hilfestellung gibt er mir mit auf den Weg, dass die Innentemperatur so um die 100 Grad Celsius habe. Bravo. Danke für diese großartige Handreichung. Ich habe keine Ahnung. Auch meine Mitfahrer sehen sich verdutzt an. Allzu lange lässt uns Norbert jedoch nicht im Unklaren – es sind 4500 Kubikmeter.

Ballonfahren und nicht Ballonfliegen

Norbert Schneider ist ein ganz erfahrener Ballonpilot.

Norbert Schneider ist ein ganz erfahrener Ballonpilot.

Im Gegenzug will ich wissen, warum es Ballonfahren heißt und nicht Ballonfliegen. “Da gibt es drei Möglichkeiten“, sagt Norbert Schneider,” am besten ist es aber, nichts zu hinterfragen.” Er erklärt es trotzdem: “Erstens gibt es Luftfahrzeuge, die leichter als Luft sind, sich mittels statischem Auftrieb in der Luft halten und ohne Kraftantrieb vorwärts kommen, also Ballons, das nennt man fahren. Und es gibt Luftfahrzeuge, die schwerer sind als Luft, die mittels dynamischen Auftriebs in der Luft bleiben, das nennt man fliegen. Zweitens gab es vor 130 Jahren, als die Brüder Montgolfier das Ballonfahren erfunden haben, den Begriff fliegen noch nicht, und drittens, sei ehrlich, lässt Du doch einen fahren, wenn du Blähungen hast und die Luft entweichen muss, oder?” “Norbert”, sage ich, “Du hast es auf den Punkt gebracht.”

Wir haben die Autobahn A 8 überquert und nehmen Kurs auf den Chiemsee, der die ersten Sonnenstrahlen abbekommt. Das “bayerische Meer” liegt gülden und träge vor uns. Dahinter, ganz am Horizont, kann man schemenhaft einen Gebirgszug erkennen, und wir glauben es nicht, als uns Norbert aufklärt, dass dies der Bayerische Wald ist. Unfassbar! Wir haben einen genialen Morgen erwischt. Die Sicht ist grandios, die Stimmung der Natur und auch bei uns im Korb fabelhaft. “Wenn Engel steigen, öffnet der Himmel”, gibt Norbert zu Protokoll. Auch er genießt die Fahrt in vollen Zügen.

Die Zeit rast

Der Chiemsee im morgendlichen Licht.

Der Chiemsee im morgendlichen Licht.

Mittlerweile haben wir 2100 Höhenmeter erreicht, und sind mit 26 km/h unterwegs. Die Zeit rast. Norbert hält alle paar Minuten Kontakt zu Irmi im zweiten Ballon, und natürlich auch zu “Erdferkel” Gustl am Boden, den er fachmännisch von oben aus dirigiert. Denn in 20 Minuten werden wir wieder festen Boden unter den Füßen haben. Die Landung ist einer der heikelsten Momente einer Ballonfahrt. Norbert verdeutlicht: “Ich muss gleichzeitig auf die Bodenwinde und die Luftwirbel in den Kammlagen achten.”

Unser Pilot hat mit seinen Adleraugen schon seit Längerem eine Landestelle auserkoren, aber der Wind lässt nicht zu, dort herunterzukommen. Außerdem ist das Feld mit frischer Jauche getränkt. Das muss ja wohl nicht sein. Vorausschauend mit der Höhe arbeiten, das ist das Gebot der Stunde.

Norbert gibt – im wahrsten Sinne des Wortes – noch einmal Gas, damit wir auch problemlos über ein nicht allzu großes Wäldchen hinweg schweben können, dann “stellen” sich eine Handvoll Bauernhöfe in den Weg. Unten winken uns ein paar Frühaufsteher zu, nun ist es geschafft. Auf einer Wiese in Achenmühle ist unsere Reise nach gut 1 ½ Stunden zu Ende – Schade. Es hätte ruhig noch ein paar Minuten weitergehen können.

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein...

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…

Sanfte Punktlandung

Norbert hat eine sanfte Punktlandung hingelegt. Es ist 7.15 Uhr. Wir steigen aus, der Pilot natürlich als Letzter, und packen mit Hilfe von “Erdferkel” Gustl, der mit seinem Auto direkt zum Landeplatz gekommen ist, Ballon und Gerätschaft zusammen. Dafür benötigen wir nicht einmal 20 Minuten. Dann geht’s mit dem Pkw zurück an den Walchsee, wo die Ballontaufe auf uns wartet.

Nach einem ausgedehnten Ballonfahrer-Frühstück müssen die neun Teilnehmer an unserer Fahrt vor den beiden Piloten niederknien und den Taufspruch aufsagen. Dann wird der Autor dieser Zeilen nach überlieferter Zunft und Ordnung der Aerostatik auf den adligen Namen “Baron Dieter, interessiert das Luftgefährt hinterfragender Himmelsfalke” getauft und mit Feuer und Spiritus Vini in den Adelsstand der Ballonfahrer erhoben.

Wir sind sicher gelandet; die Luft aus unserem Ballon entweicht rasch.

Wir sind sicher gelandet; die Luft aus unserem Ballon entweicht rasch.

Der Rest des Tages ist bis zum Einschlafen zu großen Teilen der Erinnerung geschuldet über das Erlebte in den Morgenstunden. Und der Entschluss reift, dass diese Fahrt nicht die Letzte gewesen sein soll. Eine Alpenüberquerung, das wäre doch etwas… Und wer wäre da nicht prädestinierter als Norbert Schneider, der im Winter seine 100. “Königsfahrt” antreten will, und der der erfahrenste Ballonpilot im Chiemgau ist.

Norbert Schneider hat schon viel erlebt

Pilot Norbert Schneider ist ein äußerst erfahrener Ballonpilot und hat dementsprechend schon viel erlebt. So gehören Starts in Großstädten wie Berlin und Hamburg ebenso zu seinem Ballonfahrerleben wie Landungen in großen Metropolen. Und immer gilt: „Viel Wind und kleine Landeflächen, da wird man gefordert.“

Seine spektakulärste Landung legte der Traunsteiner am Matterhorn in der Schweiz hin, knapp unterhalb des Gipfels. Schneiders Augen leuchten: „Ich war allein und mit einem sogenannten „Airchair“ unterwegs. Das war schon eine heikle Sache, aber es blieb mir nichts anderes übrig als dort zu landen.“ So ein „Luftstuhl“ ist kein klassischer Ballonkorb, sondern ein Brettchen, auf dem man während der Fahrt sitzt, und durch Gurte gesichert ist. Diese „Airchairs“, auch „Cloudhopper“ genannt, sind ausschließlich für ein oder zwei Personen geeignet.

Auch am Mont Blanc in Frankreich, dem höchsten Berg Europas, legte Schneider schon eine Landung hin.

Ein kostspieliges Unternehmen

Meine Taufurkunde; in Ballonfahrerkreisen werde ich ab sofort “Baron Dieter, interessiert das Luftgefährt hinterfragender Himmelsfalke” genannt.

Meine Taufurkunde; in Ballonfahrerkreisen werde ich ab sofort “Baron Dieter, interessiert das Luftgefährt hinterfragender Himmelsfalke” genannt.

In Deutschland sind zirka 1100 Heißluftballons gemeldet, es gibt etwa 1500 Piloten. Die Ausbildung, die einen praktischen und theoretischen Teil beinhaltet, dauert ungefähr 1 ½ Jahre. Während dieser Zeit wird immer mit einem Lehrer gefahren, erst danach mit Passagieren. Der Pilotenschein kostet 8500 Euro, bei einem Ballon muss man mit 100 000 Euro kalkulieren. Allein die Hälfte kostet die Ballonhülle.

In diesem Jahr will der 48-Jährige noch seine 100. Alpenüberquerung in Angriff nehmen. Ob er dann auch wieder so weit aufsteigen wird wie vor einigen Jahren, als er mit 8,3 Kilometer seinen bislang höchsten Punkt mit einem Heißluftballon erreicht hat?

“Nichts wird jemals in meinem Leben der frohen Empfindung gleichkommen, die mich erfüllte, da ich mich über die Erde erhob; es war kein Vergnügen, es war wirkliches Glück. Den fürchterlichen Qualen des Hasses und der Verleumdung entflohen, fühlte ich, dass ich alle meine Feinde beschämte, indem ich mich über sie erhob”. – So beschreibt Professor Jacques Alexandre César Charles sein Gefühl, als er als einer der ersten Menschen am 1. Dezember 1783 mit einem Gasballon in die Lüfte steig. Das Ballonfahren hat seither nichts von seiner Faszination verloren.

Informationen: Pioneer Travel, Isingerstraße 13, D-83339 Stöttham, Tel.: (08664) 463; www.pioneer-travel.de; pioneer-travel@t-online.de

Fotos: Dieter Warnick

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