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Ladinien – ein Land, das es gar nicht gibt

Die Welt treibt mitunter schon seltsame Blüten. Da gibt es arme und reiche Länder, große und kleine, miteinander verfeindete und miteinander befreundete, es gibt Entwicklungsländer und Hochtechnologieländer, es gibt Zwergstaaten und Fürstentümer, Inselstaaten, ja sogar den Vatikanstaat gibt es. Aber es gibt auch ein Land, das es gar nicht gibt. Es liegt mitten in Norditalien, ist umgeben von beeindruckenden, majestätischen Dolomitengipfeln, erstreckt sich über fünf Täler, dessen Bewohner über drei Provinzen verstreut leben, und es ist von München aus in drei Autostunden zu erreichen. Dieses Land heißt Ladinien. Es ist kein offizieller Staat, doch pflegen die Ladiner ihre eigene, uralte Sprache, und ihre alpine Kultur. Die Ladiner sind Südtiroler und damit italienische Staatsbürger. Ihre Fahne hat die Farben blau (für den Himmel), weiß (für die schneebedeckten Berge) und grün (für die Wiesen) – eine Ehrerbietung für die einmalige Dolomitenlandschaft!

Fünf  Täler in drei Provinzen

Das Land der Ladiner erstreckt sich auf etwa 1300 km2. Auf der Fanes-Alm scheint die Zeit still zu stehen. – Foto: Luis Kostner

Das Land der Ladiner erstreckt sich auf etwa 1300 km2. Auf der Fanes-Alm scheint die Zeit still zu stehen. – Foto: Luis Kostner

Rund 30 000 Ladiner wohnen in fünf Tälern (in drei Provinzen), die sternförmig vom Sella-Massiv (3153 Meter) ausgehen: im Nordosten das Gadertal mit Enneberg (auch Abteital * genannt, mit Corvara und Stern als touristische Zentren), im Nordwesten das Grödnertal (St.  Ulrich, St. Christina, Wolkenstein), wobei beide Täler zur Provinz Bozen gehören. Im Osten liegt das Boitetal in den Ampezzaner Alpen mit Cortina d`Ampezzo, im Südosten Buchenstein (mit Arabba als wirtschaftlichem Zentrum) – beide gehören zur Provinz Belluno –, und im Südwesten das Fassatal (Provinz Trient) mit Canazei und Campitello als bekannteste Ortschaften. Das gesamte Gebiet erstreckt sich auf etwa 1300 km2. Die Täler sind über folgende Pässe miteinander verbunden: Grödnerjoch, Sellajoch, Campolongo-Pass, Pordoijoch, Valparola und Falzarego.

* Alta Badia = Hochabteital. Gemeint ist das obere Gadertal; es ist jedoch nur ein touristische Marke und keine geographische Bezeichnung.

Bei einem ladinischen Haus darf der Blumenschmuck natürlich nicht fehlen. – Tourismusverband Alta Badia

Bei einem ladinischen Haus darf der Blumenschmuck natürlich nicht fehlen. – Tourismusverband Alta Badia

Die ersten Siedlungen im jetzigen Ladinien gehen zurück auf die Bronzezeit. Es lässt sich seitdem eine kontinuierliche Besiedlung dieser Gebiete vermuten und die verschiedenen Völker entwickelten ab dem 5. Jahrhundert vor Christus eine beachtliche Kultur. Die Römer bezeichneten diese ansässigen Völker, als sie das Gebiet um 15 vor Christus eroberten, mit dem Sammelbegriff  Räter.

Eine romanische Sprache

Das Ladinische ist eine romanische Sprache, die auch noch in Teilen Graubündens und im Friaul gesprochen wird, und sie hat ihren Ursprung, wie gesagt, im Lateinischen. Das hat natürlich auch seinen Grund: Nachdem wenige Jahre vor Christi Geburt die Römer diese alpine Region eroberten, übernahm die einheimische Bevölkerung in der Folgezeit das Volkslatein der Beamten und Soldaten, ohne aber auf ihre eigene Sprache zu verzichten. Das Gebiet war damals sehr groß – es reichte im Norden von der Donau bis an den Gardasee im Süden, und vom St. Gotthard-Pass im Westen bis nach Triest im Osten – die ladinische Sprache wurde dann aber zur Zeit der Völkerwanderung immer weiter zurückgedrängt und es wurden ferner andere sprachliche Einflüsse wie germanisch, alemannisch, bairisch, norditalienisch oder slawisch wirksam. Das gegenwärtige Sprachgebiet erstreckt sich auf drei Sprachinseln.

Und dennoch wird der Begriff „rätoromanisch“ häufig missverstanden. Ladinisch ist nämlich eine neulateinische Sprache, wie im Übrigen auch Französisch (das man als „Galloromanisch“ bezeichnen könnte). Ladinische Familien achten darauf, ihre Kinder in der ladinischen Sprache auf das Leben vorzubereiten. Deutsch und italienisch sind zunächst zweitrangig.

Der „Ortsnamenfälscher“

St. Christina im Grödnertal hat fast 2000 Einwohner. Direkt über dem Dorf erhebt sich der sanft ausgeprägte Picberg (links) und die Puezgruppe. – Foto: Val Gardena/Gröden-Marketing

St. Christina im Grödnertal hat fast 2000 Einwohner. Direkt über dem Dorf erhebt sich der sanft ausgeprägte Picberg (links) und die Puezgruppe. – Foto: Val Gardena/Gröden-Marketing

Erst im19. Jahrhundert ging man daran, die Kultur des ladinischen Volkes zu bewahren und zu schützen. Die Initiative ging von einheimischen Dichtern, Historikern, Philosophen und Forschern aus. Doch die beiden großen Weltkriege des 20. Jahrhunderts haben bei diesem jungen Pflänzchen – sprich der Bevölkerung und ihrer Kultur – tiefe Spuren hinterlassen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im Jahr 1918 kommt Ladinien mit Südtirol zu Italien, und die Faschisten teilen im Jahr 1923 bzw. 1927 die ladinischen Täler nach dem Prinzip „divide et impera“ („teile und herrsche“) in die drei Provizen Bozen, Trient und Belluno auf.

Bald äußerste der aufkommende Faschismus sein Vorhaben, Südtirol zu italienisieren und die Identität der Ladiner und Südtiroler auszulöschen. 1939 vereinbarten Hitler und Mussolini die Umsiedlung der deutschsprachigen Südtiroler, und auch die Ladiner wurden als „allogeni“  (Fremdstämmige) zur Auswanderung gedrängt (Option). Die Bevölkerung wurde aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. 1943 marschierten deutsche Truppen ein und die Umsiedlung wurde gestoppt. Bei Kriegsende 1945 gab es in Südtirol eine NS-Besatzung und danach die Enttäuschung über den Verbleib in Italien. Im Rahmen der Pariser Friedensabkommen im Jahre 1946 wurde für die deutsche und ladinische Minderheit ein Autonomiestatut vereinbart.

Typisch für das Gadertal sind „Les Viles“, die ladinischen Weiler. Diese Wohnsiedlungen orientieren sich in ihrer Struktur an der rätischen „tambra“, der ursprünglichen Form der Berghütte. – Foto: Tourismusverband Alta Badia

Typisch für das Gadertal sind „Les Viles“, die ladinischen Weiler. Diese Wohnsiedlungen orientieren sich in ihrer Struktur an der rätischen „tambra“, der ursprünglichen Form der Berghütte. – Foto: Tourismusverband Alta Badia

Auch wurden deutsche und ladinische Vor- und Familiennamen italienisiert, ebenso Berge, Flüsse, Wälder, und zwar nach einem eigens dafür von dem Nationalisten Ettore Tolomei (1865-1952) erstellten Verzeichnis. Ortsnamen mussten geändert werden, weshalb Tolomei bald als „Ortsnamenfälscher“ bezeichnet wurde. Ortsschilder in den ladinischen Gemeinden sind heute im Übrigen dreisprachig: ladinisch, deutsch und italienisch, bzw. zweisprachig (ladinisch und italienisch).

Dass jedoch sehr viele ladinische Familiennamen schon unter Maria Theresia (1717-1780) germanisiert wurden, ist wenig bekannt. Die Eindeutschung ladinischer Namen wurde nie rückgängig gemacht. Einige Beispiele: Aus Costa wird  Kostner, aus Murada/Mureda wird Moroder, und aus Raugaudie/Runcaudie wird Rungaldier.

Als Verwaltungssprache anerkannt

Ursprünglicher geht es nicht mehr, wie der Alfarëi-Hof zeigt: Das Haus besteht aus „ciasa“, dem Wohnbereich im oberen Stockwerk, Keller, Vorratslager und einer Werkstatt im Untergeschoss, „majun“ dem (gemauerten) Stall und „tablé“, dem Heustadel aus Holz. – Foto: Dieter Warnick

Ursprünglicher geht es nicht mehr, wie der Alfarëi-Hof zeigt: Das Haus besteht aus „ciasa“, dem Wohnbereich im oberen Stockwerk, Keller, Vorratslager und einer Werkstatt im Untergeschoss, „majun“ dem (gemauerten) Stall und „tablé“, dem Heustadel aus Holz. – Foto: Dieter Warnick

Aber es gibt auch positive Zeichen. Die ladinische Sprache wurde im Jahr 1989 als Verwaltungssprache in den ladinischen Gemeinden Südtirols mit Dekret des Präsidenten der Republik vom 15. Juli 1988 Nr. 574 eingeführt. Seit 1993 ist ladinisch auch im Fassatal Amtssprache, nicht jedoch in Buchenstein und Ampezzo. In der „Union Generela di Ladins dla Dolomites“ haben sich 195 die ersten drei Sektionen der Ladinervereine (Union di Ladins de Gherdëina. Uniun di Ladins dla Val Badia und Union di Ladins de Fassa) als Dachorganisation aller Dolomitenladiner zusammengeschlossen. Heutzutage gibt es noch zwei weitere Sektionen (Union de Ladins da Fodom und jene aus Colle Santa Luzia für Buchenstein und die Union di Ladins d’Anpezo).

Das italienische Staatsfernsehen RAI überträgt täglich zwei Nachrichtenmagazine und kurze Radiosendungen in ladinischer Sprache. Und die Wochenzeitung „La Usc di Ladins“ erhält Artikel in allen fünf Idiomen (Gadertalisch, Grödner-Ladinisch, Fassa-Ladinisch, Buchensteinisch und Ampezzanisch) sowie Berichte von allgemeinem Interesse in Ladin Standard.

Drei Kulturinstitute

Hereinspaziert in die gute Stube – Ladiner lieben die Gemütlichkeit. – FotHereinspaziert in die gute Stube – Ladiner lieben die Gemütlichkeit. – Foto: Freddy Planinscheko: Freddy Planinschek

Hereinspaziert in die gute Stube – Ladiner lieben die Gemütlichkeit. – Foto: Freddy Planinschek

Mit der Entwicklung, der Förderung und dem Schutz von Sprache und Kultur beschäftigen sich die drei ladinischen Kulturinstitute „Micurà de Rü“ (in St. Martin in Thurn und Wolkenstein), das „Majon di Fascegn“ (in Vigo di Fassa), die „Cesa de Jan (in Colle Santa Lucia) sowie das Museum „Ladin Ciastel de Tor“, das ihren Sitz ebenfalls in St. Martin hat, und das „Museo Ladin de Fascia“ in Vigo. Alle fünf Einrichtungen bieten einen tiefen Blick in die sprachlich-kulturelle Situation der Ladiner, und können natürlich besichtigt werden.

Das Ladinische Landesmuseum „Ciastel de Tor“ im Gadertal ermöglicht ferner einen Einblick in die Geschichte, Sagenwelt, Archäologie, Tourismus und Handwerk der Dolomitentäler. Zudem trägt es dazu bei, dass die Bräuche und Traditionen nicht in Vergessenheit geraten. Im Innenhof des Schlosses mit seinem charakteristischen Wohnturm finden zudem Sonderausstellungen, Konzerte und Seminare zu verschiedenen Themen der Ladiner statt. Eine Zweigstelle des Museums in St. Kassian zeigt Exponate des „ursus ladinicus“ aus der Conturineshöhle und etliche für die Dolomiten typische Fossilien.

Paritätischer Unterricht

Tirtles mit einer Spinat-Quark-Füllung – ein kulinarisches Gedicht. – Foto: Freddy Planinschek

Tirtles mit einer Spinat-Quark-Füllung – ein kulinarisches Gedicht. – Foto: Freddy Planinschek

1948 wird die paritätische Schule in den ladinischen Tälern eingeführt. Das heißt für Schüler aus dem Gader- und Grödnertal, dass in der ersten Klasse Grundschule in italienisch und in ladinisch oder in deutsch und in ladinisch unterrichtet wird. Von der zweiten Grundschulklasse an bis zur dritten Klasse der Mittelschule und dann auch in den Oberschulen rückt ladinisch in den Hintergrund, der Unterreicht wird paritätisch gestaltet, das heißt zur Hälfte in deutsche und italienisch, mit zwei Unterrichtsstunden ladinisch pro Woche.

Für die Ladiner, die im Trentino zur Schule gehen, ist erst seit 1988 ladinisch als eigenes Unterrichtsfach vorgesehen. In der Pflichtschule ist fassanerisch Pflichtfach. Seit 1997 ist ladinisch in allen Klassen der Grund- und Mittelschule im Umfang einer einzigen Wochenstunde vertreten. Dazu wird ein weiteres Fach in ladinisch unterrichtet.

Für Buchenstein und Cortina gilt das gesamtstaatliche Modell, was nichts anderes heißt, als dass in den Schulen bis vor kurzem ladinisch nicht unterrichtet wurde. Seit dem Schuljahr 2014/15 ist ein Ladinischunterricht eingeführt worden.

Allmählich kommt etwas Wohlstand in die Täler

Cortina ist der Mittelpunkt des Ampezzo. – Foto: Bandion

Cortina ist der Mittelpunkt des Ampezzo. – Foto: Bandion

Ganz besonders stolz sind die Ladinier auf ihr Traditionsbewusstsein, ihre Tüchtigkeit, ihre Wertschätzung gegenüber Landwirtschaft und Handwerk, ihre Gastfreundlichkeit sowie die Tatsache, dass sie sehr viel Aufmerksamkeit auf Südtiroler Qualität und Genuss legen (siehe dazu auch „Eine sehr traditionelle  Küche“ weiter hinten im Text). Besonders bemüht sind sie, alte Bräuche, die oft mit religiösen Feiern und spaßhaften Hochzeitszeremonien einhergehen, originalgetreu zu überliefern.

Was die Handwerkskunst anbetrifft, so suchten die Bauern ab dem 18. Jahrhundert, ihrem kärglichen Leben, vorwiegend während der Wintermonate, neue Einnahmequellen zu verschaffen. Im Grödnertal entwickelte sich die sakrale Holzschnitzerei und das Fertigen von Holzspielzeug. Im Gadertal wurden Truhen hergestellt, daneben blühte die Kunstweberei. Im Fassatal entstand der Beruf des Dekorationsmalers; er verzierte Möbel und Stuben. In Cortina d’Ampezzo verbreitete sich die Silberfiligranarbeit, und in Buchenstein die Kunst des Schmiedeeisens. Dadurch kehrte in die Täler etwas mehr Wohlstand ein.

Der Krieg tobt in den Bergen

Hölzerne Freunde huldigen ihrer Heimat Ladinien. – Foto: Sophie Hütte

Hölzerne Freunde huldigen ihrer Heimat Ladinien. – Foto: Sophie Hütte

Doch kaum dass es der Bevölkerung ein bisschen besser ging, vereinnahmten die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts die ladinischen Täler. Die Front erstreckte sich vom Lagorai bis zum Monzoni, von der Marmolada bis zum Col di Lana, vom Lagazuoi bis zur Tofana. Die Gemeinde Buchenstein wurde von der Front entzwei gerissen. Die Kämpfe in den Bergen tobten mit unverminderter Härte. Das ging sogar soweit, dass italienische Soldaten den Gipfel des Col di Lana sprengten – im Winter 1916. Bis zum Kriegsende hatten Tausende von italienischen und österreichischen Soldaten dort ihr Leben verloren – der Berg bekam deshalb den Beinahmen „Col di Sangue“ – Blutberg. Weitere zig-Tausende Menschen wurde Opfer der extremen Kälte, viel wurden von Lawinen begraben.

Als der Krieg dann endlich ein Ende gefunden hatte, waren die ladinischen Männer unter den Kriegern arg dezimiert. Auf allen Friedhöfen erinnern Gedenktafeln an die zahlreichen Gefallenen. Die Überlebenden begannen mit viel Geduld und Ausdauer, ihre Heimat wieder aufzubauen. Ende 1918 marschierten italienische Soldaten in die ladinischen Dörfer ein und hissten die Fahne in den Nationalfarben grün-weiß-rot, was kurze Zeit später zur Folge hatte, dass die ladinischen Täler zerstückelt wurden.

Traditionsbewusst sind die Ladiner allemal. – Foto: Val Gardena/Gröden Marketing

Traditionsbewusst sind die Ladiner allemal. – Foto: Val Gardena/Gröden Marketing

Am 10. September 1919 wurde Südtirol an Italien angeschlossen. Dem Wunsch der Ladiner, bei Österreich bleiben zu dürfen, wurde nicht entsprochen. Die italienische Sprache wurde in den Schulen, in der Toponomastik (Ortsnamen) und im allgemeinen Gebrauch eingeführt.

Florierender Fremdenverkehr

Heutzutage ist dank des florierenden Fremdenverkehrs ein gewisser Wohlstand eingekehrt, auch wenn Landwirtschaft und Handwerk weiter eine gute Rolle einnehmen. Diese bleibt aber dem Urlauber meist verborgen. Der sieht eher stattliche Herbergen, von der bestens ausgestatteten Ferienwohnung bis zum Vier-Sterne-S-Hotel. Industrie gibt es kaum. Die traditionelle Lebensweise ist allerdings oft verschwunden.

Luis Trenker gilt nach wie vor als die Symbolfigur südtiroler und ladinischer Heimatverbundenheit. – Foto: Val Gardena/Gröden Marketing

Luis Trenker gilt nach wie vor als die Symbolfigur südtiroler und ladinischer Heimatverbundenheit. – Foto: Val Gardena/Gröden Marketing

Die Entwicklung des Tourismus begann etwa um 1850. Erst entdeckten gut situierte Menschen die höher gelegenen Regionen zur Sommerfrische, später konnten sich auch Familien einen Urlaub in den Dolomiten leisten. Die Frauen der (Berg)bauern vermieteten Zimmer mit Frühstück, um sich ein paar Groschen dazuzuverdienen. Gasthöfe reagierten auf den steigenden Tourismus und renovierten ihre Zimmer, die ersten Hotels schossen aus dem Boden, vergrößerten im Lauf der Jahre ihr Angebot. Zahlreiche Nobelherbergen verwöhnen heute den Gast rund um die Uhr. Ihre Ausmaße sind enorm. Das Bild der Dörfer hat sich dadurch grundlegend verändert. Die Ladiner waren auch die Pioniere des Wintertourismus‘; die Nachbartäler haben von den Errungenschaften sichtlich profitiert.

Eine sehr traditionelle Küche

Einer vielseitigen Mischung von italienischen und alpenländischen, tiroler Geschmacksrichtungen unterliegt die ladinische Küche, die sehr traditionell daherkommt, sehr würzig und schmackhaft ist, und auf die Produkte der vier Jahreszeiten aufbaut. Ohne großen Schnickschnack oder Verfeinerungen wird die traditionelle Küche gepflegt, damit sie ihren unverfälschten Charakter erhält.  Die wenigen und einfachen Zutaten werden geschmackvoll aufbereitet. Wegen der harten Arbeit im Freien waren die Speisen sehr sättigend und meist in Fett gebacken. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

Ladiner gelten auch als modebewusst. Das war schon vor über 100 Jahren so. – Foto: Val Gardena/Gröden Marketing

Ladiner gelten auch als modebewusst. Das war schon vor über 100 Jahren so. – Foto: Val Gardena/Gröden Marketing

Roggen und Hafer bilden die Grundlage für die Zubereitung von Brot; Maismehl bildet die Basis für Polenta-Gerichte, und Buchweizen (Schwarzplentenmehl) für Süßspeisen; Kartoffeln, Rüben, Kohl (vor allem für Sauerkraut), Zwiebeln und Pilze werden zu deftigen Mahlzeiten verarbeitet. Bevorzugtes Fleisch ist das vom Schwein. Würste, Rippchen, Koteletts, Hax’n und geräuchertes Selchfleisch sind äußerst beliebt und ein Muss jeder ladinischen Hausfrau oder jedes (Hobby)Kochs. Natürlich kommen auch Wildgerichte (Rehgulasch) auf den Teller. Waldfrüchte und Milchprodukte sind für Desserts prädestiniert. Von allen geliebt wird der Apfelstrudel!

Am wichtigsten und auf der Grundlage aller Gerichte basierend ist Brot. Trockenes und Altes wurde und wird in Milch eingeweicht und dann zu einem Knödelteig weiterverarbeitet. Mit Spinat, Roten Rüben, Leber oder Käse verfeinert, entstehen ganz traditionelle Mahlzeiten. Sie werden als Vorspeisen, auch in Fleischbrühe gereicht, oder als Beilage zu Sauerkraut und Fleischgerichten. Unersetzlich in der alpinen Küche ist auch der geräucherte Speck.

Ein Symbol der ladinischen Küche sind die „crafuncins“ („cajinci im Gadertal und cajoncie im Fassatal genannt), die Schlutzkrapfen, die Ravioli ähneln, und mit Kartoffeln und anderen Zutaten wie zum Beispiel Quark, Spinat oder Trockenobst gefüllt werden. Hauptsächlich wurden diese vorwiegend deftigen Leckereien an Feiertagen serviert. Eine sämige Gersten-oder Graupensuppe (in Gröden und im Gadertal „panicia“ genannt) darf auch niemals fehlen.

In Butter oder Butterschmalz herausgebackene, frittierte Teigtaschen sind „tirtles“, die es herzhaft gibt, oder ansonsten süß (mit Marmelade oder Mohn gefüllt), sind es „crafons“ (Krapfen). „Fanedes“, auf deutsch Strauben, sind eine runde, flache Mehlspeise.

Als Alternative zu den üppigen Süßspeisen ist natürlich Käse nicht wegzudenken. Eine besondere Spezialität ist im Fassatal der „Puzzone“, ein weicher Käse mit starkem Duft und einem eigenwilligen, kräftigen Geschmack, oder sein „Konkurrent“ der „Nostrano Val di Fassa“, ein halbfester Käse mit einem weichen, angenehmen, eher süßen Geschmack.

Exportschlager: Die Mädchen-Band Ganes

Die Holzschnitzkunst hat im Grödnertal eine Jahrhunderte lange Tradition. – Foto: Val Gardena/Gröden Marketing

Die Holzschnitzkunst hat im Grödnertal eine Jahrhunderte lange Tradition. – Foto: Val Gardena/Gröden Marketing

Im Jahr 2009 haben sich Elisabeth Schuen, ihre Schwester Marlene und deren Cousine Maria Moling zusammengetan und die Band „Ganes“ gegründet; mittlerweile sind die drei der Exportschlager Nummer eins Ladiniens. Denn sie singen fast ausschließlich in ihrer Muttersprache und tragen nicht unmaßgeblich mit dazu bei, dass diese romanische Mundart nicht vergessen wird und somit am Leben bleibt.

Aufgewachsen in dem kleinen Gadertaler Ort La Val, hat es die Bandmitglieder nach Deutschland und Österreich verschlagen und machen von dort aus Karriere. Der Bandname „Ganes“ geht auf Sagenfiguren in der ladinischen Mythologie zurück, auf hexenähnliche Wasserfeen, die die Menschen verzaubern wollen. Und die drei Gadertalerinnen haben das mit ihrer Musik und ihren vier CDs mittlerweile auch schon erreicht. Alle drei standen im Übrigen auch als Musikerinnen in der Band von Hubert von Goisern auf der Bühne.

Das Pop-Trio schreibt alle Stücke selbst, die folkloristischen Klänge ergänzen sich mit der exotischen Sprache auf das Beste.

Ladinien umfasst fünf Talschaften und erstreckt sich auf etwa 1300 km2. Die Täler sind über die Pässe Grödnerjoch, Sellajoch, Campolongo-Pass, Pordoi-Pass, Valparola und Falzarego miteinander verbunden. – Grafik: Istitut Ladin „Micurà de Rü“

Ladinien umfasst fünf Talschaften und erstreckt sich auf etwa 1300 km2. Die Täler sind über die Pässe Grödnerjoch, Sellajoch, Campolongo-Pass, Pordoi-Pass, Valparola und Falzarego miteinander verbunden. – Grafik: Istitut Ladin „Micurà de Rü“

Weitere Infos unter www.valgardena.it, www.altabadia.org, www.cortina.dolomiti.org, info@fassa.com, info@arabba.it

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Ein Gedanke zu „Ladinien – ein Land, das es gar nicht gibt

  1. Gratuliere!
    Sehr gut und ausführlich geschrieben.
    Eine sehr gute information für diejenigen die sich mal in den Ladinischen Täler umsehen möchten.
    Eine Traumlandschaft!!

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