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Biathlon-Schnupperkurs: 50 Meter können verdammt weit weg sein

Wie angenehm es doch ist, daheim im Fernsehsessel zu sitzen und sich Biathlon anzusehen. Eine Sportart, die sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Event gemausert hat, das die Massen anzieht, egal ob an den Fernsehgeräten oder live vor Ort. Eine Sportart begeistert Millionen. Die TV-Quoten sind stabil hoch, das Zuschaueraufkommen in den Weltcup-Orten kaum zu überbieten. Ob in Ruhpolding oder Oberhof, ob in Oslo oder Trondheim, ob in Chanty-Mansijsk, Antholz, Pokljuka, Hochfilzen, Östersund, Kontiolahti oder an einem anderen Weltcuport – Biathlon erfreut sich nach wie vor einer äußerst großen Wertschätzung. Aber erst derjenige, der es ausprobiert hat, wie es ist, diesen Sport zu betreiben, kann ein wenig nachvollziehen, was jeder einzelne dieser Sportler leistet. Ein Schnupperkurs ist da genau das Richtige.

Ein Fixpunkt im Terminkaldender

Das Biathlon-Zentrum in Antholz ist weit über die Grenzen Italiens hinaus bekannt. - Foto: Dieter Warnick

Das Biathlon-Zentrum in Antholz ist weit über die Grenzen Italiens hinaus bekannt. – Foto: Dieter Warnick

Schauplatz dafür ist das Antholzertal in Südtirol, ein beschauliches Nebental des Pustertals. Die „Südtirol Arena Alto Adige“ ist Jahr für Jahr ein Fixpunkt im Kalender der Biathleten; in dieser Saison gastieren die Weltbesten von ihnen vom 19. bis 22. Januar hier. Vier Tage lang steht dann das Tal Kopf. Davor und danach können sich Feriengäste an diese komplexe Sportart heranwagen. Die Skischule Antholzertal bietet Tages- und Wochenkurse für Anfänger und Erwachsene an, Gaudi-Rennen, Gästeschießen und andere Specials.

Aber auch ein nur gut einstündiges Hineinschnuppern hat es in sich. Willi, ein versierter Trainer der Skischule, macht die Teilnehmer erst einmal mit dem Prozedere des Biathlonsports vertraut, und erklärt, warum bei einem Schnupperkurs zuerst geschossen wird und es erst danach auf die Loipe geht. Im „wirklichen Leben“ ist es ja umgekehrt, da wird erst gelaufen und dann geschossen. Und wieder gelaufen und wieder geschossen. Bis zum Zieleinlauf.

Allen Kursteilnehmern ist klar, warum dies so ist. Weil natürlich im ausgeruhten Zustand die Chance größer ist, die eine oder andere Zielscheibe zu treffen, als wenn man abgehetzt von der durchaus großen körperlichen Anstrengung, und mitunter durchgeschwitzt, nach einer Runde auf der Loipe an den Schießstand geht. Feingefühl ist gefragt, der gesamte Körper muss stabil sein. Dies würde nicht funktionieren, wenn zuerst gelaufen werden würde. Logisch!

Ein Gewehr ist eine gefährliche Waffe

Biathlon-Trainer Willi gibt erste Anweisungen und erklärt den Umgang mit dem Kleinkalibergewehr. - Foto: Dieter Warnick

Biathlon-Trainer Willi gibt erste Anweisungen und erklärt den Umgang mit dem Kleinkalibergewehr. – Foto: Dieter Warnick

Willi verdeutlicht auch, dass ein Gewehr ein Gewehr ist, also eine gefährliche Waffe und kein Spielzeug. „Damit kann man ohne Weiteres einen Menschen töten. Also Vorsicht!“ Und: Eine Kugel ist schneller als der Schall, wenn abgedrückt wird – unglaublich. Mit sage und schreibe 350 Metern pro Sekunde verlässt die Munition vom Kaliber 5,6 den Lauf, das sind umgerechnet 1200 Kilometer in der Stunde. Ungläubiges Staunen und Kopfschütteln. Welcher Laie hätte das gedacht.

Bei einem Biathlongewehr handelt es sich um eine Kleinkaliberwaffe, die mindestens 3,5 Kilogramm wiegen muss. Das Abzugsgewicht muss 500 Gramm betragen. Die Schießentfernung beträgt einheitlich für das Stehend- und das Liegendschießen 50 Meter.

Und los gehts. Die fünf schwarzen Zielscheiben sind klein, und scheinen immer kleiner zu werden, je länger man sie anvisiert. Aber sie sind, wie erwähnt, nur 50 Meter entfernt. Normalerweise erscheinen 50 Meter viel kürzer. Jetzt hat es den Anschein, als ob die Scheiben 80 Meter oder mehr entfernt wären. So kann man sich täuschen.

Die Position muss stimmen

Und los gehts: Kimme – Korn und Schuss. - Foto: Dieter Warnick

Und los gehts: Kimme – Korn und Schuss. – Foto: Dieter Warnick

Bäuchlings liegend – auf einer Gummimatte als Untergrund – demonstriert Willi zu Beginn, wie man sich richtig zu positionieren hat. Die Beine sollen dabei ein wenig seitlich platziert sein. Das Magazin mit den fünf Schuss hat der Trainer schon in den Kolben eingeführt. Das Gewehr liegt auf einem kleinen Holzgestell. Warum das so ist? Ganz einfach. Weil man dann schon in eine Position kommt, in der das Ziel, die Scheiben also, in einer „Flucht“ quasi mit dem Gewehr ist.

Jetzt heißt es, mit der Visiereinrichtung klar zu kommen. Diese besteht aus dem Ringkorn, das sich am vorderen Ende oben auf dem Lauf befindet. Und das sogenannte „Absehen“. So wird die Markierung im Fernrohrbild bezeichnet, die das Zielen ermöglicht. Umgangssprachlich wird es auch als Fadenkreuz bezeichnet. Allmählich kommen die fünf Scheiben ins Blickfeld. Die volle Konzentration gilt zuerst der ganz linken.

Geschossen wird auf die im Durchmesser 11,5 Zentimeter großen Scheiben, die die Profis für das Stehendschießen benutzen. Im Liegendschießen beträgt der Durchmesser im Wettkampf 4,5 Zentimeter, für Anfänger viel zu klein.

Und schon ist es zu spät…

Schießen im stehenden Anschlag ist um einiges schwieriger als im Liegen. - Foto: Manuel Kottersteger

Schießen im stehenden Anschlag ist um einiges schwieriger als im Liegen. – Foto: Manuel Kottersteger

Selbst die vermeintlich große Scheibe ist winzig klein. Dennoch mittlerweile ganz gut zu sehen. Die Hand ist ruhig, der Zeigefinger am Abzug. Jetzt gilt es, sich an das Abzugsgewicht, das ja 500 Gramm beträgt, heranzutasten. Und schon ist es zu spät. Der erste Schuss hat sich gelöst. Daneben. Dafür sitzt der Zweite. Ein gewisses Glücksgefühl kommt auf. Na also, es geht doch. Bei der Bundeswehr – vor langer, langer Zeit – hat das mit dem Schießen doch auch geklappt. Gelernt ist gelernt. Und schon ist es vorbei mit der Konzentration. Der dritte Schuss geht auch daneben. „Rechts hoch“, höre ich Willi sagen. Also, nochmals sammeln. Tief durchschnaufen. Schuss. Voll ins Zentrum. Willi motiviert: „Komm, der letzte geht auch noch“, sagt er. Ich bin wieder voll bei der Sache. Und drücke ab. Und treffe wieder ins Schwarze.

Die anderen Kursteilnehmer, die mich mit Argusaugen beobachtet haben, wovon ich aber rein garnichts mitbekommen habe, klatschen. Ich stehe auf. Willi reicht mir die Hand und gratuliert. „Drei von fünf, das sind 60 Prozent“, meint er, „gar nicht so schlecht.“

Jetzt kann die Langlaufrunde kommen. Was soll da noch passieren? Höchstens ein Sturz…

Und plötzlich liegt man im Schnee

Biathlon-Trainer Willi und das Kleinkalibergewehr warten auf den ersten Schützen. – Foto: Dieter Warnick

Und tatsächlich, ehe ich mich versehe, liege ich im Schnee. Kaum sind die Langlauflatten angeschnallt – ist das schon für den Laien eine nicht ganz einfache Aufgabenstellung – ist es um die Balance geschehen. Die Bretter sind aber auch schmal… Aber ich bin nicht allein, der auf dem Hosenboden zu sitzen kommt. Plötzlich liegen alle flach. Wäre der Anblick, den die Gruppe abgibt, nicht so lächerlich, müsste man herzhaft juchzen. Mit einer kurzen Verzögerung lachen alle – es ist zum Umfallen.

Das Aufstehen ist dagegen sehr viel schwieriger als das Hinfallen. Die Latten unter den Füßen sind nämlich nicht nur dünn, sie sind auch verdammt lang. Zwar leicht, aber lang. Unnötig lang, wie ich finde. Und so hat jeder damit zu tun, wieder einigermaßen rasch in die Senkrechte zu kommen. Ohne ernsthafte Verrenkungen – und den einen oder anderen Fluch auf den Lippen – ist das aber nicht zu machen.

Willi steht etwas abseits und schaut sich das verzweifelte Treiben seiner „Langlaufgruppe aus der Schnuppertruppe“ genüsslich an. Eine Hilfestellung ist er nicht gerade. „Auf gehts“, schallt es herüber, „jetzt konzentriert euch doch. Stellt euch nicht so an. Da kann man ja gar nicht hinschaun.“

„Recht hoscht, Bursch!“

Feuer frei, es kann losgehen. - Foto: Dieter Warnick

Feuer frei, es kann losgehen. – Foto: Dieter Warnick

Sich schon wieder konzentrieren, die Gedanken zusammenhalten – ungeduldig wie ich bin, beschließe ich, auf die Laufeinheit zu verzichten. Außerdem rückt die Dämmerung heran. Willi blickt sorgenvoll auf die Uhr: „Wenn ihr noch eine Runde drehen wollt, dann müsst ihr aber Gas geben.“ Von wegen: Ganz langsam und wie auf Eiern gehend, begeben sich meine Mitstreiter in die Loipe. Nicht ohne den einen oder anderen Sturz, logisch. Ich jedoch habe an diesem Tag, dank meines Entschlusses, Feierabend zu machen, mein inneres Gleichgewicht zurückgewonnen. Und der Willi schmunzelt: „Recht hoscht, Bursch!“

Informationen: Südtirol Arena Alto Adige 33, I-39030 Rasen/Antholz, Tel.: (0039 0474) 49 23 90; Skischule Antholzertal, Tel.: (0039 0474) 49 24 46, E-Mail: info@skischule-antholz.it; Tourismusverein Antholzertal, Tel.: (0039 0474) 49 21 16; info@antholzertal.com

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