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Notizen aus Bangladesch – Teil 9

Neben all den vielen, meist auffällig schlanken Menschen, Frauen in farbenfrohen Saris in stolzer Haltung und freundlichen, neugierigen Kindern sieht man in Bangladesch auch unzählige Hühner, Enten, Gänse, Ziegen, Hunde und Katzen auf den Straßen.

Herrenloser Hund in Dhaka.

Herrenloser Hund in Dhaka.

Wir haben unterwegs sehr viele herrenlose Hunde gesehen. Nur wenige Menschen in Bangladesch halten sich einen Hund als Haustier.

Die meisten Hunde sind herrenlos, leben auf der Straße und ernähren sich von Abfällen. Erstaunlicherweise scheinen die wenigsten Hunde unterernährt zu sein. Leider vermehren sie sich sehr.

Blutige Ziegenköpfe.

Blutige Ziegenköpfe.

An fast jeder Straßenecke werden Ziegen gehalten. Auch sie ernähren sich oft von Abfällen oder werden gefüttert. Auf den Märkten sieht man bei den Schlachtern viele blutige Ziegenköpfe aneinander gereiht. Kein schöner Anblick. Obwohl wir Deutschen uns da ja bei unseren Methoden der Tierhaltung und Schlachtung kein Urteil erlauben dürfen.

Elektrik in Dhaka.

Elektrik in Dhaka.

Kleine Ziegen und Lämmer warten neben den Schlachtern auf ihr Ende. Die taten mir schon furchtbar leid. Man sollte wirklich kein Fleisch essen, egal ob in Deutschland oder Bangladesch oder sonstwo.

Die Elektrik in der Stadt war für mich auch mehr als faszinierend. Ein einziges Kabelgewirr über den Straßen Dhakas, wobei irgendwie doch alles funktioniert.

Bei Khukies Eltern fiel ab und zu der Strom aus. Dann sprang aber sofort ein Notstromaggregat an und überbrückte die stromfreie Zeit.

Unsere Patenkinder

Patenkinder - was sie wohl erwartet? Noch blicken sie ungläubig.

Patenkinder – was sie wohl erwartet? Noch blicken sie ungläubig.

Bei einem Gebäudeeinsturz in Sabhar, einer Stadt etwa 25 km nordwestlich von der Hauptstadt Dhaka, wurden im April 2013 mehr als 1.100 Menschen getötet und Tausende verletzt. Viele Kinder wurden dadurch zu Waisen. Wir haben die Unglücksstelle bei unserer Reise angeschaut. Das war sehr schockierend. Wir haben auch persönlich mit Überlebenden des Einsturzes gesprochen.

Gleich werden die neuen Räder getestet.

Gleich werden die neuen Räder getestet.

Das achtstöckige Gebäude gehörte dem bangladeschischen Politiker Sohel Rana. Im Gebäude waren mehrere Textilfirmen untergebracht. Uns wurde erzählt, dass am Vortag der Tragödie Risse am Gebäude festgestellt worden waren. Deshalb verbot die Polizei den Zutritt. Der Fabrikbesitzer zwang die Arbeiter und Arbeiterinnen trotzdem, ihre Arbeit aufzunehmen. Aus Angst um ihre Existenz leisteten die Menschen Folge und bezahlten dies mit ihrem Leben. Es waren mehr als 3.000 Menschen im Gebäude als das Gebäude kollabierte, größtenteils Textilarbeiterinnen. Wir sprachen mit einer Frau, die vier Tage unter den Trümmern verschüttet war. Sie atmete während diesen furchtbaren Tagen viel Staub ein. Heute, zwei Jahre später, kann sie immer noch nur sehr schwer atmen und auch kaum sprechen.

Mein Sohn Rainer wurde nach dem Einsturz der Fabrik sehr schnell aktiv und konnte mit Hilfe seiner bangladeschischen Freundin Hema, einer beindruckenden Frau, für 15 Kinder von Opfern Patinnen und Paten finden. Auch wir haben eine Patenschaft für ein Kind übernommen. Das Kind heißt Khushi und ist inzwischen 16 Jahre alt. Mit unserem Beitrag
wird dieses Mädchen gut versorgt. Sie kann in die Schule gehen und bekommt eine Ausbildung. Auch Kleidung, Essen und Gesundheitsversorgung sind abgedeckt. So hat sie eine Chance auf ein menschenwürdiges, selbstbestimmtes und hoffentlich glückliches Leben. Einige Freundinnen und Freunde unserer Familie sowie Verwandte haben auch Patenschaften übernommen, ein Freund sogar gleich vier.

Korrupte Regierung

Große Freude.

Große Freude.

In der internationalen Berichterstattung wurde diese Tragödie gerne als Beweis für die Bösartigkeit der globalen Textilindustrie präsentiert. Aber das Problem ist viel weitreichender. Es liegt meiner Meinung nach auch daran, dass die Regierung von Bangladesch inkompetent und korrupt ist und sich nicht darum schert, die Industrie
wirksam zu regulieren. Die Fabriken zu schließen kann keine Lösung sein, da die Näherinnen dann gar keine Arbeit mehr haben. Die Fabrikbesitzer häufen Millionen an, während ihre Arbeiterinnen fast wie Sklaven behandelt werden. Wenn also H&M, Kik, usw. umdenken würden (was dringend notwendig wäre), würde das alleine nicht helfen. Auch das System in Bangladesch müsste sich ändern.

Blinder Vater mit zwei Söhnen. Die Familie hat beim Einsturz der Textilfabrik die Mutter verloren.

Blinder Vater mit zwei Söhnen. Die Familie hat beim Einsturz der Textilfabrik die Mutter verloren.

Von unseren Patenkindern, von denen wir einige während unseres Besuchs in Bangladesch getroffen haben, war ich tief beeindruckt. Man merkt, wie sehr sie immer noch traumatisiert sind. Sie standen total ehrfürchtig vor uns und Dankbarkeit, aber auch Angst, stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie sind allesamt sehr eifrig in der Schule und nutzen jede Minute, um zu lernen. Sie wissen sehr wohl, dass das ihre Chance ist und Bildung ihnen die Möglichkeit für einen guten Beruf eröffnet. Damit können sie dann ihre restliche Familie aus dem Elend holen.

Das Bruderpaar, das von meiner Cousine Helga unterstützt wird, hat die Mutter verloren und der Vater ist blind. Er war auch dabei bei unserem Treffen mit den Patenkindern. Da wird einem das Herz schwer.

Neue Fahrräder für Patenkinder

Das erste Lächeln.

Das erste Lächeln.

Alle Patinnen und Paten hatten uns Geld für jeweils ein Fahrrad für die Buben mitgegeben. Ein solches kostet in Bangladesch neu ca. 50 €. Das war unglaublich… Die Buben trauten sich kaum, die Fahrräder anzufassen. Sie standen völlig ungläubig davor und wussten nicht wirklich, ob das jetzt wahr ist. Diese Gesichter werde ich nie vergessen. Nach mehrmaligem Auffordern fassten sie zögerlich die Lenker an. Ich habe noch nie im Leben so ungläubige und gleichzeitig freudige und staunende Augen gesehen.

Ein Junge hatte seit dem Unglück noch kein einziges Mal gelacht. Hema, die das Treffen für uns organisiert hatte, sagte uns, er sei ihr größtes Sorgenkind, weil er sich total in sich zurückgezogen hätte. Als er das Fahrrad sah, war auf einmal ein Strahlen auf seinem Gesicht, als wenn die Sonne aufgehen würde. Allein dieses Gesicht war die Reise wert.

Außer Rand und Band - ein Vierjähriger freut sich sehr über sein neues Rad.

Außer Rand und Band – ein Vierjähriger freut sich sehr über sein neues Rad.

Die Mädchen erhielten andere Geschenke, freuten sich aber nicht weniger.

Die Mädchen erhielten andere Geschenke, freuten sich aber nicht weniger.

Ein kleiner Junge, der erst vier Jahre alt war, bekam ein kleines Fahrrad. Wir konnten ihn kaum mehr bändigen. Er war mit dem Fahrrad so außer Rand und Band, dass er sich selbst nicht mehr kannte. Wir hatten Mühe, ihn danach noch auf ein Gemeinschaftsfoto zu bringen, weil er nur noch mit dem Fahrrad beschäftigt war.

Hema ist eine geniale Frau. Sie hat ihren Job in Kanada aufgegeben, wo sie viele Jahre lang gelebt hatte, ist nach Bangladesch zurück gegangen und widmet sich nun 24 Stunden am Tag ihrer Organisation Sneha, die sich um die Patenkinder kümmert. Ich bin mit ihr per E-Mail in Kontakt. Was sie alles leistet, da kann man nur sagen: Alle Achtung!

Den Mädchen haben wir andere Geschenke gebracht, weil es nicht üblich ist, dass Mädchen in Bangladesch Fahrrad fahren, was sich nur sehr langsam ändert.

Fotos: Margit Ebert

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