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Weltnaturerbe Wattenmeer: Mit dem Kutter auf Krabbenfang – 4. Teil

Normalerweise sollte die Gruppe schon an Bord des Krabbenkutters sein. Doch das Wasser fließt heute nicht so rasch ins Hafenbecken des kleines Fischerortes Fedderwardersiel wie üblich. Deshalb verzögert sich die Abfahrt um eine knappe halbe Stunde. Kein Problem: Bei einer Tasse heißen Tees in einer kleinen Kneipe gegenüber des Hafenbeckens lässt es sich gut aushalten – der Wind hat nämlich mächtig aufgefrischt.

Norddeutsche Coolness

Boarding": Die "FED8" steht im Kutterhafen von Fedderwardersiel bereit zur Abfahrt. - Foto: Dieter Warnick

„Boarding“: Die „FED8“ steht im Kutterhafen von Fedderwardersiel bereit zur Abfahrt. – Foto: Dieter Warnick

Alle in unserer Gruppe sind ein bisschen aufgeregt, aber niemand lässt sich etwas anmerken. Landratten zeigen norddeutsche Coolness. Die leichte Nervosität ist aber normal, weil es erstens etwas ganz Besonderes ist, mit einem Krabbenfischer auf hohe See hinauszufahren und ihm bei der Arbeit über die Schulter zu schauen, und zweitens, weil es nicht gerne gesehen wird, Gäste mitzunehmen.

Auf hoher See trifft "FED8" auf ihren Schwesterkutter "FED7". - Foto: Dieter

Auf hoher See trifft „FED8“ auf ihren Schwesterkutter „FED7“. – Foto: Dieter

So ist die Gruppe auch mächtig stolz, dass Kapitän Martin Sievers eine Ausnahme macht. Bei Hafenfesten, die es an der Nordseeküste zur Genüge gibt, ist das etwas anderes; dann dürfen Besucher auf Anfrage mit aufs Schiff und hinaus auf See.

Fedderwardersiel (gehört zur Nordsee-Halbinsel und zur Gemeinde Butjadingen in der Wesermarsch) ist ein beschaulicher Kutterhafen, aber von großer Bedeutung: Denn er gehört neben Dorum und Greetsiel zu den bekanntesten Kutterhäfen an der niedersächsischen Nordseeküste. Von hier aus fahren noch traditionelle Kutter zum Krabbenfang hinaus auf die Nordsee – im Zeitalter der industriellen Fischerei keine Selbstverständlichkeit.

Leinen los

Kapitän Martin Sievers hat alles im Griff. - Foto: Dieter Warnick

Kapitän Martin Sievers hat alles im Griff. – Foto: Dieter Warnick

Dann heißt es Leinen los, die Flut hat die Ebbe abgelöst: Kapitän Martin Sievers startet „FED8“. Krabbenkutter sind ganz spezielle Schiffe, die eigens für den Fang von Nordseegarnelen (auch Krabben oder Granat genannt) gebaut werden. Sievers hat den Beruf des Fischwirts erlernt, ein Beruf mit langer Tradition. Er erfordert selbstständiges Arbeiten in der Natur – bei Wind und Wetter und unregelmäßigen, oft langen, anstrengenden Arbeitszeiten, vor allem auch in der Nacht. Die dreijährige Ausbildung ist vielfältig, mit dem Fang von Fischen allein ist es lange nicht getan. Grundvoraussetzung sind technische Begabung und handwerkliches Geschick, denn einen Krabbenkutter zu pilotieren heißt: jeder Handgriff muss stimmen.

Volle Konzentration

Ohne hochmoderne Navigationgeräte geht es auch auf dem einfachsten Krabbenkutter nicht mehr. - Foto: Dieter Warnick

Ohne hochmoderne Navigationgeräte geht es auch auf dem einfachsten Krabbenkutter nicht mehr. – Foto: Dieter Warnick

Vor allem dann, wenn der Mast mit den beiden riesigen Auslegern für den Fang zu Wasser gelassen und später wieder an Bord geholt wird. Dann muss ein Kapitän voll konzentriert ans Werk gehen. Wenn die Fangnetze im Wasser sind, werden sie, an Rollen gleitend, über den Meeresboden gezogen; dabei werden die Krabben aufgeschreckt, hochgescheucht und eingefangen. Die Pflege der überdimensionalen Netze gehört genauso zum Berufsbild eines Fischwirtes wie betriebswirtschaftliches Verständnis und das Interesse für fischereibiologische Vorgänge. Nicht zuletzt muss ein Krabbenfischer mit dem Be- und Verarbeiten seines Fanges vertraut sein.

Verarbeitung direkt an Bord

Ohne hochmoderne Navigationgeräte geht es auch auf dem einfachsten Krabbenkutter nicht mehr. - Foto: Dieter Warnick

Das erste Netz wird zu Wasser gelassen. – Foto: Dieter Warnick

Eine Garnele ist nämlich ein empfindliches Wesen und muss an Ort und Stelle, also an Bord, sortiert, gekocht und ein zweites Mal, je nach Größe, sortiert werden. Denn ist eine Krabbe tot, kann sie nicht mehr verwertet werden. Also ist eine schnelle Verarbeitung ganz wichtig. Dies geschieht direkt im entnommenen Seewasser in einem Kochkessel, was den Tieren ihr spezielles Aroma verleiht. Sieben bis zehn Minuten dauert diese Prozedur.

Knapp über der Wasseroberfläche: jeden Moment wird das Netz an Bord geholt. - Foto: Dieter Warnick

Knapp über der Wasseroberfläche: Jeden Moment wird das Netz an Bord geholt. – Foto: Dieter Warnick

Danach geht es zum Abkühlen in den bordeigenen Kühlschrank – erst dann ist der Fang zum Verzehr geeignet. Doch halt: Die Garnelen müssen zuvor noch gepult (geschält) werden.

Die kleinen Tierchen sind aber auch schlau. Wenn das Wasser klar ist, in den Monaten Mai und Juni etwa, erkennen sie die Netze und springen einfach weg. Da hat ein Fischer schon mal das Nachsehen. Ist eine Krabbe jedoch im Netz, dann hat sie nur eine Chance, wieder ins Freie zu gelangen, wenn sie durch das Sieb der Sortiermaschine entwischen kann und im Meer landet. Der bei der Verarbeitung angefallene Abfall wird meist über Bord geworfen, weshalb Krabbenkutter fast immer von einem Schwarm Möwen verfolgt werden.

Keine Verwendung für das Steuerrad

Für zu klein empfunden: Dieser Winzling darf zurück ins Wasser. - Foto: Dieter Warnick

Für zu klein empfunden: Dieser Winzling darf zurück ins Wasser. – Foto: Dieter Warnick

Kapitän Sievers ist ein ruhiger Zeitgenosse. Er erzählt nicht viel, gibt nur Antwort, wenn er gefragt wird. Und das kurz und prägnant. So erfährt die Gruppe, dass er sich vor ein paar Jahren selbstständig gemacht hat, dass er einen Angestellten hat, Tristan Schulz, der sich an Bord um die „Außenarbeiten“ kümmert, während er, im „Führerstand“ verweilend, einen Joystick und allerlei andere Hebel und technische Geräte bedient, von denen der Laie keine Ahnung hat.

Die riesigen Netze sind breiter als der Krabbenkutter selbst. - Foto: Dieter Warnick

Die riesigen Netze sind breiter als der Krabbenkutter selbst. – Foto: Dieter Warnick

Nebenher muss er noch Computer, Navigationsgeräte, die Fahrrinne und andere Dinge im Blick haben. Wahrlich kein leichter Job. Da muss sich der eine auf den anderen verlassen können. Zu hundert Prozent. Nur das Steuerrad hat keine Verwendung mehr. „Damit könnte ich heutzutage nichts mehr anfangen. Es ist nur noch zur Zierde da,“ verrät Sievers.

„FED8“, Baujahr 1981 (Sievers: „wie ich“) hat 220 PS, macht sich allmählich bereit, den Fang zu heben. Die eh schon steife Brise hat zugenommen, das Meer ist unruhig. Jetzt müssen bei Tristan Schulz alle Handgriffe sitzen. Mit Wollmütze und Gummihose steht er an der Reeling und kümmert sich um das Tagwerk. Daumen hoch bedeutet, dass sich heute die Mühen gelohnt haben. Vielleicht sind es 200 Kilo, oder gar ein paar mehr. Bei dieser Quote spricht der Fischer von „einen guten Fang gemacht.“

Seeluft mach hungrig

Die Krabben, die ins Netz gegangen sind, werden direkt an Bord verarbeitet. - Foto: Dieter Warnick

Die Krabben, die ins Netz gegangen sind, werden direkt an Bord verarbeitet. – Foto: Dieter Warnick

Fünf Kutter haben ihren Liegeplatz im Hafen von Fedderwardersiel. Diese teilen sich die Fangquote vor Ort. Konkurrenz gibt es nicht, während der Saison, die von März bis Dezember dauert, kommt jeder auf seinen Anteil.

Unsere Gruppe verlässt „FED8“. Etwas durchgefroren zwar, aber um viele Eindrücke reicher. Ein tolles Erlebnis. Die ersten Schritte an Land sind noch ein wenig wackelig, aber glücklicherweise rebelliert der Magen nicht. Die Brötchen mit den fangfrischen Krabben, die auf uns warten, werden bald verzehrt sein. Diesen Hochgenuss sollte man sich nicht entgehen lassen. Seeluft macht hungrig!

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