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Taganana – das Idyll eines längst verlorengeglaubten Teneriffas

Wer an Teneriffa denkt, der hat vermutlich Sonne, Meer, Palmen und Kakteen vor Augen, große klimatisierte Hotelanlagen, ein buntes Gewimmel aus Touristen aller Nationen, vielleicht auch Attraktionen wie den Loro Parque. Doch im Norden der Insel, im Anagagebirge, kann man ein völlig anderes Teneriffa kennenlernen: Abgeschieden, idyllisch, grün, mit spektakulären Bergen und wie aus einem vergangenen Jahrhundert.

Tagana - so nah an der Inselhauptstadt Santa Cruz und doch so weit entfernt.

Taganana – so nah an der Inselhauptstadt Santa Cruz und doch so weit entfernt.

Im größten Ort dieses Gebirges, in Taganana, kann man eine Ahnung davon bekommen, wie das Leben auf Teneriffa mal ausgesehen haben muss – ein Leben vor dem Massentourismus. Auch wenn der abgeschiedene Ort mit der malerischen Lage zwischen Bergmassiven und dem Meer nur 22 Kilometer von der Hauptstadt Santa Cruz entfernt ist, kann man hier ein längst verlorengeglaubtes Teneriffa erkunden, das unbedingt eine Reise wert ist.

Fahrt in die Abgeschiedenheit

Abendstimmung.

Abendstimmung.

Die Fahrt nach Taganana beginnt für uns in den quirligen Straßen von Santa Cruz. Es geht vorbei an kleinen Lebensmittelgeschäften, Restaurants, Bars, Friseuren, Banken, dann rauf auf die Schnellstraße und schließlich, nach einigen Minuten: Hinein in eine gigantische Gebirgswelt, die mit jedem Kilometer grüner, höher, wilder und schöner wird. Es ist nur schwer zu glauben, dass man noch vor kurzem in einer großen, modernen Stadt war – die Zivilisation scheint plötzlich von der unwirtlichen Natur völlig verschluckt worden zu sein.

Die fünfzigminütige Fahrt über gibt es nichts als zerklüftete Bergen, hohe Gipfel, Bachläufe und grüne Abhänge; in der Ferne entdecken wir kleine Wasserfälle und bestellte Felder mitten im Nirgendwo. Die Minuten vergehen wie im Flug und schon bald wird der Blick freigegeben auf ein kleines Dörfchen. Weiße Häuser stehen weit versprengt in kleinen Grüppchen und auf den unterschiedlichsten Höhenlagen; auf den ersten Blick ist Taganana wahrlich keine Schönheit. Wir bitten den Busfahrer, uns an unserer Haltestelle Bescheid zu geben – eine Durchsage wird hier nicht mehr gemacht und große Haltestellenschilder sucht man vergebens. Wir steigen aus, nehmen unserer Rucksäcke, und sind plötzlich allein auf der Straße in einem völlig anderen, scheinbar älteren Teneriffa. Das laute Motorengeräusch des Busses wird schon bald von den Felsen verschluckt; was bleibt, ist absolute Ruhe und das entfernte Krähen eines Hahnes. Ungläubig sehen wir uns um und steigen die Straße hinauf, von der wir hoffen dass es die richtige zu unserer Ferienwohnung ist.

In den Bergen rund um Tagana.

In den Bergen rund um Taganana.

Dass es hier weniger hektisch zugehen würde, haben wir schon vor der Anreise gewusst: Taganana ist ein nur schwer zugänglicher Ort, der vor einigen Jahrzehnten noch überhaupt nicht mit dem Auto erreicht werden konnte, und so bis heute größtenteils vom Tourismus verschont blieb. Dass es hier so abgeschieden und verschlafen ist, hat uns dennoch überrascht. In unseren zwei Wochen begegnen wir nur ein einziges Mal deutschen Urlaubern im Ort – ansonsten zeugen nur die Informationstafeln zur Ortsgeschichte davon, dass auch hier der Tourismus seine Spuren hinterlassen hat. Hier haben wir die breiten Straßen und vielen Souvenirgeschäfte von Santa Cruz getauscht gegen steile, schmale Gassen. Statt großer Werbeschilder für Walsafaris, Jetski-Touren und Paragliding finden wir Ruhe, das Meer und absolute Abgeschiedenheit. Das bunte Wirrwarr verschiedenster Sprachen und Straßenlärm wird ersetzt durch freundliche Einwohner und eine einmalige Soundkulisse aus quakenden Kröten, krähenden Hähnen, gackernden Hühnern, blökenden Schafen, bellenden Hunden und dem Läuten der alten Kirchenglocke. Der Ort wirkt fast wie ausgestorben, so wenig Menschen sind hier unterwegs. Wenn man einige Zeit in einem touristischen, brummenden Ort Teneriffas verbracht hat, ist man zuerst erschlagen von alldem, das so gar nicht zu Teneriffa zu passen scheint. Aber wenn man sich darauf einlässt, erkennt man die wahre Schönheit dieses längst verlorengeglaubten Idylls und kann Einmaliges erleben.

Taganana – ein sehenswertes Örtchen mit Geschichte

Die Straße nach Tagana.

Die Straße nach Taganana.

Taganana ist ein Ort, wo man die Geschichte und den Ursprung Teneriffas so unverändert sehen kann wie wohl nirgends sonst. Wären die hohen Stromleitungen nicht, würde man sich völlig in das vergangene Jahrhundert versetzt fühlen. Noch nicht einmal ein moderner Supermarkt hat es in den Ort geschafft – stattdessen werden die Einwohner von einem Tante-Emma-Laden versorgt und einem Fischwagen, der mit einem Megafon bewaffnet durch die Straßen fährt und laut auf sich und sein Angebot aufmerksam macht. So kann man sich ganz ungestört in die Vorstellung hineinversetzen, wie das Leben in Teneriffa früher gewesen sein muss, bevor die Touristen und mit ihnen die Souvenirgeschäfte, Erlebnis-Veranstalter, Restaurants und Hotelketten kamen. In Taganana spürt man aber nicht nur ein völlig anderes Lebensgefühl, sondern kann auch zahlreiche interessante Relikte aus vergangener Zeit besichtigen.

Beispielsweise das Stadtviertel der Zuckermeister, die sich im 16. Jahrhundert in Taganana ansiedelten und einen noch heute bestehenden Serpentinenweg bauten. Besonders bekannt ist die Kirche aus den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts, die Iglesia de Nuestra Señora de Las Nieves, deren Glockenschlag noch weit über die Ortsgrenzen hinaus zu hören ist. Nach einem Spaziergang durch Taganana kann man dann in der Bar und Hamburgueseria am Kirchplatz bei einem Kaffee oder selbstgemachten Smoothie die Eindrücke sacken und die Ruhe auf sich wirken lassen.

Ein Paradies für Wanderer

Wanderung zum Casa Forestal .

Wanderung zum Casa Forestal .

Vor allem Tagestouristen fahren nach Taganana, um den beschaulichen kleinen Ort einmal gesehen zu haben. Wer gern wandern geht, sollte aber nicht bloß für einen kurzen Ausflug nach Taganana fahren. Von hier aus gibt es verschiedenste Wanderrouten, bei denen man die landschaftliche Vielfalt Teneriffas auf einzigartige Weise entdecken kann. Ob atemberaubende Küstenlinie, karge Felsenlandschaft, spektakuläre Formationen aus Vulkangestein oder üppiger Nebelwald: Das alles kann man hier bei einer einzigen Wanderung sehen. Das Gute dabei: Ein Verlaufen ist schier unmöglich, da es meist nur einen einzigen Pfad gibt, dem man schlichtweg folgen muss. So kann man sich ohne Bedenken aufmachen und die verschiedenen Wanderrouten erkunden. Wer eine gute Fitness, Trittsicherheit und Liebe zur Natur mitbringt, wird hier sein ganz persönliches Paradies finden. Die Wanderwege bestehen größtenteils aus naturbelassenen Trampelpfaden, in den Fels gehauenen Treppen und alten Steinwegen aus dem 16. Jahrhundert – genau die richtigen Wege für Naturburschen und Abenteurer.

Wir sind die beiden Rundwege zum Casa Forestal und nach Afur gewandert, hätten aber noch einige andere Strecken gerne wandern wollen. Vor allem die erste Wanderung zum Casa Forestal hat uns begeistert. Denn nach einem schweißtreibenden Aufstieg und einer spektakulären Sicht über Taganana findet man sich plötzlich in einem immer dichteren Wald aus moosbewachsenen Lorbeerbäumen und Farnen wieder. Das gebrochene Licht und die skurrilen Formen der Felsen verströmen eine magische Stimmung, die man auf diesem Weg meist völlig ungestört genießen kann. Doch ganz egal ob als Tagestourist, als Wanderer oder als Urlauber, der sich auf das Wesentliche besinnen möchte: Taganana ist ein wunderschönes, verlorengeglaubtes Idyll, das wirklich eine Reise wert ist.

Fotos: Jana Kucharczyk

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