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Hospitalschiff Gil Eannes: Im Dienste der Stockfisch-Flotte

Eitrige Schnittwunden, faulige Zähne und Knochenbrüche: Für die Mediziner an Bord des Hospitalschiffs Gil Eannes waren das die harmloseren Malaisen; bei heftigem Seegang mussten die Ärzte schon mal einen Blinddarm entfernen. Von 1955 an kreuzte die Gil Eannes für drei Jahrzehnte im Dienst der portugiesischen Kabeljau-Flotte durch den Nordatlantik. Heute ankert sie als Museumsschiff im Hafen von Viana do Castelo im Norden Portugals und gibt staunenden Touristen Einblick in die raue Welt des Stockfisch-Fangs.

Sehenswerte historische Altstadt

Die Gil Eannes ankert als Museumsschiff im Hafen von Viana do Castelo im Norden Portugals.

Die Gil Eannes ankert als Museumsschiff im Hafen von Viana do Castelo im Norden Portugals.

Die Kleinstadt Viana do Castelo liegt an der Mündung des Lima-Flusses zirka 70 Kilometer nördlich von Porto. Viana ist vor allem wegen seiner historischen Altstadt, der Wallfahrtskirche Santa Luzia und deren malerischer Lage auf einem Hügel bekannt. Die Aussicht vom Monte Santa Luzia gilt als eine der schönsten Portugals: Pinienwälder, sonnengelbe Sandstrände und tiefblaues Wasser bis zum Horizont. Und im nördlichen Hinterland erstrecken sich Weinberge mit Vinho-Verde-Reben bis an die Ufer des Minho.

Viana war viele Jahrhunderte wichtiger Handelshafen und Werftstandort. Im 17. Jahrhundert unterhielt die Stadt als Zentrum des Weinhandels enge Handelsbeziehungen zur englischen Krone. Und von hier aus stach bis Mitte der 1970er Jahre auch die portugiesische Stockfisch-Flotte Richtung Neufundland in See – medizinisch unterstützt vom Hospitalschiff Gil Eannes.

Erinnerungen an einen besonderen Seefahrer

Für die Praça da República ist Viana do Castelo bekannt.

Für die Praça da República ist Viana do Castelo bekannt.

Im Hafen von Viana do Castelo legt die Gil heute Zeugnis ab von Blüte, Härte und Niedergang des Bacalhau-Fangs. Ihr Name erinnert an den Seefahrer Gil Eannes, der im frühen 15. Jahrhundert die Grenzen der damals zur See befahrbaren Welt sprengte.

Im Auftrag von Heinrich dem Seefahrer umsegelte er erstmals Kap Bojador an der südmarokkanischen Küste. Auf einem Denkmal in Eannes Geburtsstadt Lagos (Algarve) steht deshalb der Satz: „Er öffnete das alte Meer dem modernen Menschen.“

Das Tor zum Überleben

Eine Fotowand gibt staunenden Touristen Einblick in die raue Welt des Stockfisch-Fangs.

Eine Fotowand gibt staunenden Touristen Einblick in die raue Welt des Stockfisch-Fangs.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Hospitalschiff. Es öffnete unzähligen Seemännern das Tor zum Überleben in rauer Umgebung. Die Stockfisch-Flotte war jeweils von April bis Oktober unterwegs. Das Leben an Bord war hart, die Ernährung mäßig. Außer Kichererbsen, Bohnen und Fisch bekamen die Seemänner kaum etwas zwischen die Zähne. Arbeiten mussten sie dafür umso härter: An Bord hatten die Schiffe eine Vielzahl kleiner Ein-Mann-Jollen, die für den Fischfang zu Wasser gelassen wurden. Von Morgengrauen bis zum späten Nachmittag angelten die Seemänner – Mann für Mann in seiner Nussschale auf sich gestellt, mit einfachen Schnüren und Harpunen, von Schleppnetzen keine Spur. Danach versorgten sie auf dem Mutterschiff die Beute des Tages: säubern, zerlegen, einsalzen, lagern.

Ein faszinierend-schauriger Einblick

Das Panorama vom Monte Santa Luzia gilt als eines der schönsten Portugals.

Das Panorama vom Monte Santa Luzia gilt als eines der schönsten Portugals.

Ein Rundgang durch das Museumsschiff gibt einen faszinierend-schaurigen Einblick in den medizinischen Alltag auf See: Hinab in den Bauch des Schiffes führt ein Krankenaufzug. Behandlungszimmer, Labor, Krankensaal, Zahnarztstuhl, Röntgengerät und ein OP-Tisch mit kardanischer Aufhängung, damit bei der Blinddarm-Operation auch bei Seegang nicht zu tief geschnitten wurde. Allein im Jahr 1964 versorgte die Ärzte-Crew fast 1100 Kranke, riss 542 faulige Zähne, führte 16 große und 91 kleinere chirurgische Eingriffe durch. 38 000 Dosen Penicillin verabreichte sie ihren Patienten an Bord. Weitere 69 000 verteilte sie an die Schiffe der Kabeljau-Flotte, damit sich die Seemänner selbst therapieren konnten, wenn die Gil Eannes den Anker lichtete.

Auch als Versorgungsschiff im Einsatz

An klaren Tagen reicht der Blick fast bis Porto.

An klaren Tagen reicht der Blick fast bis Porto.

Denn die Gesundheitsversorgung war nicht ihre einzige Aufgabe. Die Gil Eannes war auch als Versorgungsschiff im Einsatz. Sie lieferte jede Saison tausende Tonnen gefrorenen Köder, hunderte Tonnen Trinkwasser und Brennstoff aus.

Außerdem war sie Postschiff, Seelsorger, Eisbrecher, Gerichtsschiff und Schlepper für im Nordmeer havarierte portugiesische Boote. Amadeu Costa, pensionierter Lehrer aus Viana do Castelo, war als junger Mann in den 1960ern auf dem Hospitalschiff Maschinist. Später erinnerte er sich: „Das Leben war zwar erbarmungslos hart. Aber wenn es irgendein Problem gab, an Bord der Gil wurde es gelöst.“

Liebevoll restauriert

Die von Gustave Eiffel erbaute Stahlbrücke führt über den Rio Lima.

Die von Gustave Eiffel erbaute Stahlbrücke führt über den Rio Lima.

Gemeinsam mit der Bacalhau-Flotte wurde die Gil Eannes Ende der 1970er Jahre außer Dienst gestellt. Der Stockfischfang mit Schnur und Harpune war gegen die Trawler mit ihren Riesennetzen chancenlos. Die Gil Eannes rostet mehrere Jahre in den Docks des Lissaboner Hafens vor sich hin; 1997 sollte sie verschrottet werden.

In Ein-Mann-Booten fischten die Seeleute den Bacalhau.

In Ein-Mann-Booten fischten die Seeleute den Bacalhau.

Doch dagegen regte sich in Viana do Castelo Widerstand, zu eng waren Stadt und Schiff verbunden. „Die Gil war ja nicht nur hier gebaut worden, sie hat auch vielen Männern das Leben gerettet“, so Amadeu Costa. Für 250 000 Euro kaufte Viana die Gil Eannes zurück und restaurierte sie. Mit viel Farbe und unglaublicher Liebe zum Detail erinnert sie seit 1998 an die Zeit, als Bacalhau-Fang noch Handarbeit war.

Weitere Infos: Gil Eannes, Doca Comercial, Viana do Castelo, www.fundacaogileannes.pt; Eintritt: Erwachsene: 4 Euro, Familien: 9 Euro, Kinder bis sechs Jahre: frei. – Öffnungszeiten: 9.30 bis 18 Uhr (Winter), 9.30 bis 19 Uhr (Sommer).

Fotos: Hans-Georg Nagel

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