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Unterwegs im Wattenmeer: einmal Abenteuer und zurück!

„Da, ein Seehund!“, ruft plötzlich einer der Teilnehmer. Was? Wo denn? Ja, da! – schallt es durch die Gruppe und alle zücken ihre Kameras. „Ja, ja, ein Seehund“, wiederholt Gerke Ennen mit gepielter Begeisterung. Schließlich hat der erfahrene Wattführer für die Teilnehmer seiner Wattwanderung gerade einen Schlangenseestern aus der Nordsee gefischt. Dafür ist er tief in die Nordseewellen gestapft, um seinen kleinen Kescher immer wieder durch das auflaufende Wasser zu ziehen. Er wird am Ende nicht der einzige mit nasser Hose sein.

Da war noch Watt

Hinein ins Watt.

Hinein ins Watt.

Um 16:30 Uhr fängt am Strand von Schillig (Wangerland) alles ganz harmlos an: Kleine und große Wanderfreunde versammeln sich am Panorama Restaurant 8 Grad Ost. Nach einer kurzen Einweisung von Gerke Ennen geht es los über den Strand, hinein ins Watt. Weil die Gruppe so groß ist, hat er sich Verstärkung mitgebracht: Wattführer Klaus war früher Rettungsschwimmer und hat während seiner Tätigkeit die Liebe zum Wattwandern entdeckt.

Wattführer Gerke Ennen vermittelt seinen Gästen viel Wissen über das Watt.

Wattführer Gerke Ennen vermittelt seinen Gästen viel Wissen über das Watt.

Auf dieser fünfstündigen Wattwanderung hält Gerke Ennen immer wieder an, erzählt viel über die Bedeutung des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer und die damit zusammenhängende Auszeichnung zum UNESCO-Weltnaturerbe im Jahr 2009. Auf dem Weg zur Minsener Oog werden ein paar Herzmuscheln ausgegraben. Das gleißende Sonnenlicht gefällt den kleinen Lebewesen jedoch nicht und so fangen sie kurze Zeit später an, sich in den Wattboden einzugraben. Muscheln haben nämlich einen Grabefuß, sagt Gerke.

Priel-Durchquerung macht nasse Füße.

Priel-Durchquerung macht nasse Füße.

An einer echten Seltenheit kommen wir ebenfalls vorbei: Eine Feuerqualle hat es nicht geschafft mit dem ablaufenden Wasser in die Nordsee zu treiben und liegt nun im Watt. Unser Wattführer erklärt, weshalb wir das Tier nicht berühren sollten: „Die Nesselkapseln, die die Qualle abschießt, brennen wie Feuer.“ Ein Rezept für etwas Linderung verrät er uns auch. „Rasierschaum hilft, dennoch dauert es mehrere Tage, bis die brennenden Schmerzen nachlassen“, warnt Gerke.

Nach einem Priel geraten wir in feines Schlickwatt. Ich sinke bis weit über die Knöchel ein. Jetzt heißt es, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen, sonst liegt man gleich komplett im Schlick. Soll zwar gesund sein, riskieren will das aber niemand.

Stippvisite beim Vogelwart

Auf der Vogelschutzinsel Minsener Oog.

Auf der Vogelschutzinsel Minsener Oog.

Zwei Stunden nach dem Start kommen wir auf der Vogelschutzinsel Minsener Oog an. Zwei Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung, darunter auch Vogelwart Holger, warten schon auf uns. Wer möchte, kann sich eine halbe Stunde im Sand ausruhen. Die wenigsten lassen sich jedoch das Erlebnis entgehen, die geschützte Insel zu betreten. „Wir sind hier Gäste auf der Insel! Also benehmt euch auch entsprechend“, warnt Gerke mit erhobenem Zeigefinger. Ohne Widerworte trotten alle über einen schmalen Pfad dem Vogelwart hinterher.

Der Ausblick von der Düne ist klasse. Von hier oben lässt sich die komplette Insel überblicken. Am Horizont fahren dicke Pötte vorbei. Selbst der Verkehr auf dem Deutschen Schifffahrtsweg lässt sich von hier aus beobachten. Während Holger ein paar „Geheimnisse“ der Insel preisgibt, nutzen wir die Gelegenheit, um die Energiereserven für den Rückweg aufzufüllen. Den Müll nehmen wir natürlich wieder mit, nicht mal den kleinen Rest vom Apfel werfe ich in die Dünen!

Kinder und technische Ausrüstung zuerst

Auf dem Rückweg merken wir, wie stark das Wasser bereits aufgelaufen ist. Werden wir es noch schaffen? Erst vor einigen Tagen musste eine Gruppe Wattwanderer schon auf dem Hinweg umkehren, weil die Pegelstände ungewöhnlich hoch waren. Wird es uns heute ebenso ergehen? An einer Fahrwassermarkierung, einer sogenannten Pricke, zeigt Gerke, wie hoch das Wasser bei Flut steht. Über 3,5 Meter! Einige Teilnehmer werden nervös, sie wollen vorankommen, schnellstmöglich die Priele passieren. Die romantische Sonnenuntergangs-Tour scheint bei vielen gänzlich vergessen, als wir im nächsten Priel bis zum „Mors“ im Nordseewasser versinken. Bei ca. 19 Grad Wassertemperatur im August ist das nicht schlimm, unangenehm ist es im ersten Moment dennoch. Kinder und Technik werden „huckepack“ genommen, damit sie nicht nass werden.

Das Wasser kommt zurück, die Sonne senkt sich langsam.

Das Wasser kommt zurück, die Sonne senkt sich langsam.

Und dann passiert es: Bei wenig bewölktem Himmel versinkt die rotglühende Sonne langsam im Wattenmeer. Was für ein Anblick! Das Wasser in den Prielen glitzert und die Sonne taucht die Wattflächen in ein rot-gelb-braunes Farbspektakel. Das Telefonat mit Gerke zur Anmeldung für die Wattwanderung kommt mir wieder in den Sinn: „Die Wettervorhersagen sind gut. Wir werden einen tollen Sonnenuntergang erleben.“ Recht hatte er. Und so stehen rund 35 Wattwanderfreunde der Küste abgewandt im Watt, um diesen Augenblick zu genießen. Neben uns sprudelt das auflaufende Wasser über den trockengefallenen Meeresgrund. Wir müssen weiter. Und dennoch wenden wir uns immer wieder diesem seltenen Naturspektakel zu. Es lässt die Anstrengungen und alle Ängste vergessen.

Und dann passiert es: Bei wenig bewölktem Himmel versinkt die rotglühende Sonne langsam im Wattenmeer. Was für ein Anblick!

Und dann passiert es: Bei wenig bewölktem Himmel versinkt die rotglühende Sonne langsam im Wattenmeer. Was für ein Anblick!

Entlang der Wasserkante geht es nun endgültig zurück zur Küste. Der Mond steht nun deutlich sichtbar am Himmel. Kurz vor dem Ziel halten wir ein letztes Mal. Einen typischen Bewohner des Wattenmeeres haben wir nämlich bislang noch nicht gesehen. Der Wattführer geht in die Knie und gräbt drei stattliche Wattwürmer aus. „Wer möchte denn mal einen Wattwurm ganz vorsichtig in die Hand nehmen?“, ruft Gerke. Drei kleine Jungs können es kaum erwarten und strecken ihm die Hände entgegen. Zusammen mit einer Portion Schlick legt Gerke die Wattenmeerbewohner auf die Handflächen. Auch ich übernehme für einen kurzen Moment so einen behäbigen Kollegen. Instinktiv gräbt sich der Wattwurm durch den Schlick, Richtung Handfläche. Es kitzelt ein wenig und ich spüre ganz deutlich, wie er versucht den nassen Sand einzusaugen. Wenig später lege ich ihn ins Wattenmeer zurück. Er hatte schließlich genug Aufregung.

Zurück am Strand erinnert unser Wattführer noch einmal an einen sorgsamen Umgang mit der Natur. „Alles, was wir ins Meer kippen, kommt irgendwann wieder“ mahnt Gerke. Denn über die Tiere des Wattenmeeres und der Nordsee kommen schädliche Stoffe, die  wir  gedankenlos entsorgen, auf unsere Teller zurück. Ich nehme mir vor, in meinem Alltag ein paar Dinge zu ändern.

Kurz bevor ich am späten Abend das Licht ausknipse, schau ich noch schnell meine Fotos durch. Schön war’s, ein richtiges Abenteuer im Wattenmeer.

Fotos: Katja Benke

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