zurück

Finnmark: Die nördlichste aller Herausforderungen

Wenn man die Finnmark, den nördlichsten Zipfel von Norwegen besucht, muss man schon einiges an Masochismus und Fatalismus mitbringen, denn einfach wird einem das nicht gemacht. Abgesehen von der Strecke, die man da zurückzulegen hat (von Oslo sind es weitere zwei Stunden Flug) ist vieles an diesem Land gewöhnungsbedürftig. Wer es gerne warm und sonnig – oder wenigstens schneefrei und klar – mag, ist hier meist fehl am Platz: Bei 14 Grad und bedecktem Himmel würden sich die Norweger am liebsten alle Kleider vom Leib reißen (was sie aber nicht tun, nicht einmal in der Sauna) und freuen sich über den herrlichen Sommertag. Bei einer sommerlichen Durchschnittstemperatur von elf Grad irgendwie verständlich.

Alles ist sehr, sehr teuer

Das Nordkap ist nicht der nördlichste Punkt Europas, es ist jedoch ein bedeutendes touristisches Reiseziel. Im Sommer gibt es für etwa zweieinhalb Monate die Mitternachtssonne, im Winter dagegen gelangt die Sonne etwa zweieinhalb Monate lang auch tagsüber nicht über den Horizont.

Das Nordkap ist nicht der nördlichste Punkt Europas, es ist jedoch ein bedeutendes touristisches Reiseziel. Im Sommer gibt es für etwa zweieinhalb Monate die Mitternachtssonne, im Winter dagegen gelangt die Sonne etwa zweieinhalb Monate lang auch tagsüber nicht über den Horizont.

Wer es bequem und kultiviert mag, unterhaltsam und kontaktfreudig, wer gerne auf Schnäppchenjagd oder überhaupt gerne Shoppen geht, sollte sich eine andere Urlaubsdestination suchen: Alles ist teuer, sehr teuer. Wer keinen Fisch mag und lieber Gemüse isst, wird hier wahrscheinlich verhungern – wobei der ganz köstlich ist, wenn er nicht gerade getrocknet als Chips angeboten wird. Und so ein Rentiergulasch ist etwas Wunderbares. Besonders, wenn man in den Klippen über Hammerfest Mikkel Lämmen besucht, der nicht nur seinen Erdbau mit offener Feuerstelle und den etwas, na ja, seltsamen Gesang der langen Winternächte vorstellt, sondern auch erwähntes Saftfleisch serviert.

Man kann natürlich mit der Hurtigroute ganz bequem dieses durch Fjorde tiefgezackte Land entlangschippern und dann über die Hafenstädte herfallen wie die Birkenschädlinge über viele der ohnehin schmächtigen Wälder (die bei Befall aussehen wie nach einem Waldbrand). Aber die mächtige, schweigende, leere und endlose Natur Norwegens kann man nur spüren, wenn man sich mit Rucksack und Regenschutz auf den Weg macht. Mit guten Schuhen, genug Proviant und einer Wasserflasche (die man dann gut in den klaren Bächen nachfüllen kann), denn bewirtschaftete Hütten gibt es nicht.

Der Weg ist das Ziel

Nur noch zwei Kilometer: Gamvika liegt an der Küste der Barentssee in der Osthälfte der Halbinsel Nordkyn. Mit dem Kap Kinnarodden liegt der nördlichste Punkt Kontinentaleuropas auf dem Kommunegebiet. Bis zum Jahr 2000 war Gamvika der nördlichste Anlegepunkt der Hurtigruten.

Nur noch zwei Kilometer: Gamvika liegt an der Küste der Barentssee in der Osthälfte der Halbinsel Nordkyn. Mit dem Kap Kinnarodden liegt der nördlichste Punkt Kontinentaleuropas auf dem Kommunegebiet. Bis zum Jahr 2000 war Gamvika der nördlichste Anlegepunkt der Hurtigruten.

Wenn der Spruch je passte, hier ist er zu Hause: Der Weg ist das Ziel. Man wandert zu diesem Gipfel und jenem Küstenpunkt, findet Steinmonumente und bizarre Felsformationen. Man kann sich daran freuen, jetzt am weltweit nördlichsten Zipfel des Festlandes zu stehen, oder am nördlichsten Zipfel der nördlichsten Insel; aber sonst findet man außer Einsamkeit und Weite nicht viel.

Nord-Norwegen ist durchaus reizvoll und lädt zur einen oder anderen Wanderung ein.

Nord-Norwegen ist durchaus reizvoll und lädt zur einen oder anderen Wanderung ein.

Man muss sich hier auf die kleinen Dinge konzentrieren. Die vielen verschiedenen Blüten der Bodendecker, die Gräser und Moose, die Windmuster auf den unzähligen größeren und kleineren Seen, an denen man vorbeikommt. Oder auf die großen, die ungestörten Ausblicke, die Inseln und Berge, die aus der Weite des Meeres ragen, auf die Felswellen, die die unbändige Macht aus dem Erdinneren nachzeichnen, und die glättende Kraft des Gletschereises.

Kein Land der Leichtigkeit

Wer Hammerfest (Hammer = Stein, fest kommt von Boote festmachen) besucht, den besten Ausgangspunkt für Nordsehnsucht (siehe Fridtjof Nansen), muss sich schon bemühen, um der nördlichsten Stadt der Welt (seit 1998 ist es Honningsvåg, aber das wird eifersüchtig ignoriert) etwas Charme abzugewinnen. Aber Norwegen ist kein Land der Leichtigkeit.

Hammerfest: Über 100 000 auf der Flucht

Eine nette Zuflucht ist der Eisbärenclub, „The Royal and Ancient Polarbear Society“.

Eine nette Zuflucht ist der Eisbärenclub, „The Royal and Ancient Polarbear Society“.

Eine nette Zuflucht ist der 1963 gegründete Eisbärenclub, „The Royal and Ancient Polarbear Society“, der besonders stolz darauf ist, Elvis Presley 1974 als Mitglied abgewiesen zu haben, einfach, weil er nie da war, und ausschließlich Besucher diesen Status erhalten können. Dort erfährt man viel über die arktische Geschichte und es gibt immer wieder Vorträge und Veranstaltungen zu den „Polartagen“. Auch das Wiederaufbaumuseum macht die harte Lebensweise und die tragische Geschichte der Norweger ein bisschen begreiflicher.

Der Rettungsschwimmreifen deutet es an - Hammerfest ist nicht mehr weit.

Der Rettungsschwimmreifen deutet es an – Hammerfest ist nicht mehr weit.

Durch die Deutsche Wehrmacht bedroht, flohen weit über 100.000 Einwohner, und nur ein kleines Häuflein versteckte sich in selbst gegrabenen Höhlen – 25.000 Hammerfester wurden zu Höhlenmenschen. Dort lebten sie jahrelang, immer in der Hoffnung, dass diese furchtbare Situation nur noch ein paar Monate dauern würde. Sie mussten zusehen, wie Hammerfest dem Erdboden gleichgemacht wurde, um den Russen keinen Unterschlupf zu lassen.

Getrockneter Fisch gilt als Delikatesse.

Getrockneter Fisch gilt als Delikatesse.

Die Stadt wurde nach dem Zweiten Weltkrieg komplett wieder aufgebaut, im Einheitsstil, sogar bei der Inneneinrichtung. Was den Reiz einer Stadt nicht wirklich erhöht: Die meisten Häuser wirken wie bessere Baracken, und so sieht auch die Haupt- und Geschäftsstraße wie jede andere Straße aus, nur ein bisschen breiter. Keine großen Namen, keine verlockenden Reklamen, keine herausragenden Geschäftsschilder – wahrscheinlich auch dem recht unerbittlichen Klima geschuldet, mit 200 Regentagen und vielen Nebelschwaden. Dafür gibt es kaum Arbeitslosigkeit (unter zwei Prozent), und fünf Energiequellen, die den Reichtum des Landes ausmachen: Wind, Öl, Gas, Gezeiten und Wasser.

Aus der Not eine Tugend machen

Ein Norweger in landestypischer Kleidung

Ein Norweger in landestypischer Kleidung

Die Norweger haben offenbar eine völlig andere Sichtweise auf das Klima, machen aus der Not eine Tugend: „Wir haben neun Monate Winter und drei Monate, in denen man nicht so gut Skilanglaufen kann“, witzeln sie selbst. Und freuen sich nach den zwei Monaten Helligkeit im Sommer auf die dunklen Tage. „Denn dann muss man nicht dauernd hinaus, weil man glaubt, sonst den Tag zu vertrödeln.“

Und wie sie hinaus wollen oder müssen, die Norweger, Ourdoorsports sind ein ständiges Gesprächsthema. Man wandert, man fischt (im Fluss Alta wurden in zwei Monaten schon 12 000 kg bester Lachs aus den Stromschnellen gezogen) und schippert mit dem Kanu herum, fährt Ski und schwimmt im eisigen Wasser, man radelt und bestreitet Rentierschlitten-Rennen.

6500 Jahre alte Zeichnungen

Immer wieder trifft der Wanderer auf gut erhaltene Felszeichnungen.

Immer wieder trifft der Wanderer auf gut erhaltene Felszeichnungen.

Oder man besucht mit der Familie das Freilicht-Museum in Alta und bewundert 6500 Jahre alte Felsritz-Zeichnungen, die rührende Geschichten erzählen, von riesigen Fischen, Rentiergehegen, Bootsausfahrten und Jagdglück, von Bärenhöhlen und schwangeren Frauen, Kindern und Vogelschwärmen. Faszinierend.

Schroffe Steinmonumente trifft man überall.

Schroffe Steinmonumente trifft man überall.

Wer also einmal einen ganz anderen Urlaub machen will, der sollte Norwegen zum Ziel machen. Mit unglaublichen Himmeln, selbst wenn kein Polarlicht zu sehen ist. Mit urgewaltigen Weiten, säuselndem Wind und dem Gefühl für eine menschenlose Urzeit lang vor oder nach uns.

Infos: www.visitnorway.com/active-holiday; www.northernorway.com (hier kann man geführte Touren ab Hammerfest buchen, für etwa 70 Euro); www.hammerfest-turist.no (Kajaktouren auf dem Fluss Alta, fünfstüdnige Halbtagstour inkl. Mittagessen am Ufer, frisch gegrillt, 175 Euro; www.glodalta.no (Wiederaufbaumuseum in Hammerfest: www.gjenreisningsmuseet.no); www.alta.museum.no

Fotos: Elisabeth Hewson

Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.