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Boeing, Jazz und Microsoft

Was immer auch über ein Land im Atlas steht, nimmt man als gegeben hin. Über Seattle erfährt man beispielsweise, dass die größte Stadt des US-Bundesstaates Washington knapp 500 000 Einwohner zählt. Doch der Atlas ist nicht alles. Denn Seattle ist auch die Stadt von Boeing, Jazz und Microsoft.

Die Skyline von Seattle. Foto: Tim Thompson

Die Skyline von Seattle. Foto: Tim Thompson

Die Silhouette aus Glas und Stahl und Beton über dem tiefen Dunkelblau der Bucht wirkt fast wie ein Ausschnitt von New York. Und spätestens jetzt fällt einem wieder dieses Bild ein aus dem kitschigen und doch wunderschönen Film mit Meg Ryan und Tom Hanks, “Schlaflos in Seattle”, wo er von ihr und sie von ihm träumt, aber die gemeinsame Zukunft der beiden dann doch in der Metropole am Hudson-River beginnt, als sei die kleine Schwester am anderen Ende des Landes irgendwie nicht groß genug für das ganz große Glück.

Musik liegt in der Luft

Mal ehrlich, wer hätte gewusst, dass die Hauptstadt des Jazz und Blues (nach New Orleans) Seattle ist? So etwas steht nicht im Atlas. Viele Zuwanderer aus dem Süden, ein liberales, freies Klima in der Stadt begünstigten die Entwicklung des Jazz. Bekannte Plattenlabels wurden hier gegründet, auf den zahlreichen Festivals präsentierten sich spätere Stars der Branche erstmals einem größeren Publikum. Noch heute gibt es in Seattle die meisten Jazz-Lokale Amerikas, gerechnet auf die Einwohnerzahl.

Kunst im öffentlichen Raum spielt in Seattle eine wichtige Rolle. Foto: Tim Thompson

Kunst im öffentlichen Raum spielt in Seattle eine wichtige Rolle. Foto: Tim Thompson

Die Fans stehen bis auf die Straße

“Jazz Alley” in der 4th Avenue ist Mainstream, hier stehen die Fans bis auf die Straße. Im “Tula’s” in der Second Avenue trifft sich das avantgardistische Publikum, der Eintrittspreis ist hoch, und die Getränke sind obendrein teuer. Klein, verraucht und jovial zeigt sich dagegen das “New Orleans Café” in der First Avenue, nahe am Hafen. Hier wird der Musik nicht nur andächtig gelauscht, sondern, falls irgendwie möglich, mitgetanzt.

„The most famous son“: Bill Gates

Nun ist anzunehmen, dass der berühmteste Bürger der Stadt ein Musikus ist, aber nein. “The most famous son of Seattle” ist einer, der mit dem Künstlerischen wenig zu tun hat. Dafür ist er der reichste Mann der Welt, wenn man die Scheichs am Golf mit ihren großen Familien mal weglässt. Bill Gates. Nicht der Erfinder des Computers, nein, aber immerhin der Mann, der den meisten von uns einfällt, wenn von elektronischen Rechnern die Rede ist. Ob er nun 50 oder 100 Milliarden Dollar besitzt, so genau weiß das keiner, aber fest steht, dass viele Leute in Seattle meinen, wenn sie nur damals, vor 30 Jahren, etwas heller gewesen wären, dann könnten sie heute auch im Geld baden.

Ein Wahrzeichen: Die Weltraumnadel "Space Needle", rechts das Experience Music Project, ein Museum für populäre Musik. Foto: Tim Thompson

Ein Wahrzeichen: Die Weltraumnadel “Space Needle”, rechts das Experience Music Project, ein Museum für populäre Musik. Foto: Tim Thompson

Da erzählt einem wirklich jeder zweite Taxifahrer Mitte 40, dass er damals mit diesem verklemmten Typen auf der Highschool war, na klar, auch ihn hätte Bill um jene berühmten 5000 Dollar angepumpt, die dann das Startkapital für seine Garagenfirma waren. Ach, hätte ich ihn nur nicht unterschätzt, aber er war ja auch zu schräg, wenn ich nur das Geld von meinem Vater geklaut hätte, wenn, wenn, wenn… Mit seiner Firma Microsoft ist Gates heute der zweitgrößte Arbeitgeber der Stadt, hinter dem Flugzeughersteller Boeing, der so ungefähr alles liefert, was weltweit am Himmel unterwegs ist. Wie ein Bauwerk aus einem Science-Fiction-Film weist dessen Symbol, der Turm “Space Needle” (Weltraumnadel), hoch über alle anderen Häuser.

Der Kreis schließt sich

Obwohl, so ganz korrekt war das nicht mit dem unkünstlerischen Haus Microsoft. Gates’ Nachfolger Paul Allen hat durchaus eine musikalische Ader und hier schließt sich wieder der Kreis zur Stadt des Jazz. Denn in Seattle steht, von Allen gegründet und finanziert, das größte Museum zur Rock- und Pop-Geschichte, und das ist ausnahmsweise mal kein typischer, überstrapazierter amerikanischer Superlativ.

Seattle tanzt etwas aus der Reihe im American Way of Live, folgt nicht hemmungslos jedem Trend des Landes. Das Uramerikanische, der Spaß an der Hektik, die Stimulanz durch Stress: hier, wo das riesige Land fast aufhört, wo das nationale Lebensmotto “Go West” anhand der pazifischen Schranken beim besten Willen nicht mehr umsetzbar ist – da hat sie sich eingeschlichen, die stille Melancholie, die leise Nachdenklichkeit in den American Dream. Vielleicht ist es die ständige Vergegenwärtigung einer drohenden Gefahr, die um so wahrscheinlicher ist, je weiter die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Geologen gedeihen.

Mount Rainier: Seine Ausbruch wäre eine Katastrohe

Der Mount Rainier gilt als einer der gefährlichsten Vulkane der Welt. Foto: Tim Thompson

Der Mount Rainier gilt als einer der gefährlichsten Vulkane der Welt. Foto: Tim Thompson

Denn einige Meilen außerhalb der Stadt, nach zwei Autostunden durch eine wilde, unbezwungene Landschaft mit donnernden Wasserfällen, Braunbären und Elchen, erhebt sich samt seiner ganzjährigen Schneekuppel der Mount Rainier. Nur dem Namen nach ein Berg, tatsächlich ein Vulkan, und zwar einer der gefährlichsten der Welt. Denn anders als seine Artgenossen würde er im Falle eines Ausbruches nicht nur Ströme heißer Lava ergießen.

Nein, die Wut von Mount Rainier geht tiefer und droht mit der Vernichtung allen Lebens um ihn herum. Dieser Vulkan würde explodieren wie eine tausend Meter hohe und breite Bombe. Nur einmal kann sich die Menschheit an einen vergleichbaren Fall erinnern. Krakatoa. Seine Geschichte wird nie erzählt ohne den Nachsatz: Die größte Naturkatastrophe aller Zeiten. Doch kann der entscheidende Moment bei Mount Rainier noch eine Ewigkeit in der Zukunft liegen, und so kann man, wenn er an sonnenklaren Tagen sein weißes Haupt wie ein Wächter über Stadt, Seen und Wälder erhebt, den Blick relativ gelassen genießen.

Raushier-Reisemagazin

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