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Kurort Karlsbad: Die neue Dekadenz

Unablässig schießt die Wasserfontäne aus dem Boden nach oben, in feinen Tropfen perlt die Gischt auf den Marmorboden. Es ist warm im Kurgebäude von Karlsbad, die runde Glaswand ist leicht beschlagen und gibt den Blick nach draußen, auf den sonnigen Vormittag nur wie durch einen Nebel frei.

Die Kolonnaden sind Karlsbads Wahrzeichen. Foto: Rosel Eckstein  / pixelio.de

Die Kolonnaden sind Karlsbads Wahrzeichen. Foto: Rosel Eckstein / pixelio.de

Direkt unter den mannshohen Scheiben, auf den breiten Fensterbänken, sitzen die Menschen dichtgedrängt. Männer und Frauen, Alte und Junge, manche in Schlips und Anzug, andere in Shorts und T-Shirt, von einem Bummel wie zufällig hereingeführt. Gelegentlich steht einer auf, nimmt ein merkwürdiges, fast faustgroßes Gefäß und füllt es an einem der sieben metallenen Rohre im Raum, aus denen sich unablässig ein dünner Strahl heißen Wassers in ein rundes, mit ockerfarbenen Kristallen bedecktes Becken ergießt. Dann gehen sie langsam wieder zu ihrem Sitz unter dem Fenster zurück und trinken mit geschlossenen Augen in bedächtigen Schlucken.

Pappbecher geht gar nicht

„So wie Sie trinken, kann das Heilwasser nicht seine volle Wirkung entfalten“, sagt ein Mann mit Schiebermütze und Norwegerpulli zu mir, in langsamem, aber deutlichem Deutsch, wenn auch mit dem unüberhörbaren charmanten böhmischen Akzent. Als ich verdutzt schaue und nicht gleich verstehe, deutet er auf den Pappbecher in meiner rechten Hand: „Sowas dürfen Sie vielleicht bei Limonade verwenden, aber nicht bei unserem guten Karlsbader Wasser.“

Und dann reicht er mir dieses Gefäß herüber, das ich schon bei den anderen Leuten im Raum gesehen habe. Es ist aus violett gefärbtem Porzellan gefertigt, kunstvoll verziert und bemalt, ein starker Griff auf der einen und ein schlanker, am oberen Ende geöffneter Hals auf der anderen Seite. Wie eine Kreuzung zwischen Kaffeepott und Gießkanne.

Wie eine Injektion

Karlsbad ist der vielleicht berühmteste Kurort Tschechiens. Foto: zaubervogel  / pixelio.de

Karlsbad ist der vielleicht berühmteste Kurort Tschechiens. Foto: zaubervogel / pixelio.de

Der Mann reicht mir die Hand und sagt „Jirzi“, wischt dann mit einem Tuch über den Hals seiner Tasse und deutet an, dass ich es mal versuchen sollte. Und tatsächlich – das Wasser, vorher nur plump geschluckt, wird vom Mund jetzt wie eine Injektion aufgenommen, der leicht salzige, schwere Geschmack breitet sich angenehm bis hinunter zum Rachen aus.
Jirzi lächelt. „Wir trinken unser Wasser nur aus diesen Bechern. Manche sind schon seit über 100 Jahren im Besitz einer Familie.“ Seit dem frühen 19. Jahrhundert wurden sie von den Porzellanmanufakturen Westböhmens hergestellt, nach 1945 gefertigte – Sozialismus meets Kitsch – sind oft mit Szenen aus gesellschaftlichen Ereignissen bedruckt. Für Touristen und Kurgäste werden sie an mehreren Ständen in der Innenstadt verkauft, das Stück zum Preis von etwa vier Euro, was sehr günstig ist.

Das Wasser schießt mit 73 Grad aus dem Boden

Wenn die Menschen sich ihre Gefäße auffüllen, dann gehen die meisten zu den Rohren in der Mitte der Halle, bei denen 52 Grad Celsius eingraviert ist, leicht abgekühlt im Auftrag der Kurverwaltung in Sorge um empfindliche Gaumen und Mägen, denn ganz natürlich schießt das Wasser mit bis zu 73 Grad aus dem Boden. Hier, an der heißeren Quelle, bedienen sich vorwiegend die jungen Leute und die Touristen. Und während die einen sich gemächlich trinkend zurücklehnen, schauen sie durch die milchigen Scheiben hinaus auf die Kolonnaden, die Promenade am Ufer der Teplá.

Die Burg Loket liegt etwas außerhalb von Karlsbad. Foto: Uwe Muehle  / pixelio.de

Die Burg Loket liegt etwas außerhalb von Karlsbad. Foto: Uwe Muehle / pixelio.de

Dort holen die anderen ihre Tassen beim Laufen aus Rucksäcken oder Jackentaschen, füllen sie rasch im Vorübergehen und nehmen den Schluck Heilwasser im Gehen, ob beim Schaufensterbummel oder beim schnellen Überfliegen der Zeitungsschlagzeilen am Kiosk, ja selbst im Gespräch auf der Parkbank.

Frisch aus der Quelle

Es war der Arzt David Becher, ein Mediziner des 18. Jahrhunderts, der die ersten festen Regeln für den Genuss des Wassers aufstellte, an die sich im Prinzip die heutigen Kurdoktoren auch noch halten: nicht mehr als ein Liter Wasser pro Tag, frisch von der Quelle und möglichst beim Laufen genossen. So gelangen die Hauptbestandteile, Glaubersalz und kohlensaures Natron, am besten in den Blutkreislauf.

Vom kommunistischen Diktat verabschiedet

Mondän, mondän: Das Grandhotel Pupp in Karlsbad. Foto: zaubervogel  / pixelio.de

Mondän, mondän: Das Grandhotel Pupp in Karlsbad. Foto: zaubervogel / pixelio.de

Die Kolonnaden warten im warmen Sonnenschein, die Teplá gluckert über große Steine und der Mundharmonikaspieler auf der schmalen Brücke entlockt unter fortgesetztem Blinzeln seinem Instrument eine wehmütige Melodie. Karlovy Vary ist wieder zu Karlsbad geworden, und das ist nicht politisch-restaurativ gemeint. Die Stadt hat sich verabschiedet vom kommunistischen Diktat, einfach nur eine Industrieregion mit angeschlossenem Heilbetrieb sein zu müssen. Die Häuser entlang der Kolonnade leuchten erneut in ihren Regenbogenfarben, verputzt im Zuckerbäckerstil, mit ausladenden Balkonen. Goldschmiedeläden und Pelzgeschäfte warten auf die Kundschaft.

Ein Ort der Regeneration

Kurbäder haben ja bekanntlich ihre eigene Seele, das Mondäne, Entspannte, diese liebenswerte Verbindung zwischen Dekadenz und Gesundheitsbewusstsein. Karlsbad, Ort der Regeneration für die Politiker und Künstler vergangener Epochen – Dornröschen ist erwacht aus seinem Schlaf hinter dem Eisernen Vorhang und wird wieder ein Kurort von europäischem Rang.

Raushier-Reisemagazin

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