zurück



Ein Leben auf Reisen: Tristan Schäfer hat alle Kontinente besucht

Als ich an diesem Dezemberabend sein Atelier betrat, kramte er tief in einem großen Reisekoffer, der über und über mit Resten von Aufklebern aus aller Herren Länder bedeckt war – sowie prall gefüllt mit Erinnerungen aus aller Welt zu sein schien. Tristan Schäfer ist 46 Jahre alt. „Bei etwa 150 Reisen habe ich aufgehört zu zählen“, sagt er. Bereits als Kind haben ihn seine Eltern Richard und Irene Schäfer mit auf ausgedehnte Fernreisen genommen. „Jede Ferien waren wir von der ersten bis zur letzten Minute unterwegs“, erzählt er. „Meine Leidenschaft fürs Reisen hat mein Vater bereits in sehr jungen Jahren auf unzählbaren, teils spektakulären Reisen bei mir geweckt. “ Ein  Leben auf Reisen.

Auf dem Salar de Ujuni in Bolivien

Auf dem Salar de Ujuni in Bolivien

„Ziemlich weit herumgekommen bin ich, habe viel entdeckt und erlebt, konnte vieles Hilfreiche aus anderen Kulturen in meinen Alltag übernehmen, habe auch gelernt, dass nichts im Leben selbstverständlich ist “, berichtet Schäfer. Bereits mit vier Jahren war er mit seinen Eltern in der Sahara. Er zeigt ein Foto, auf dem er als kleiner Bub mit seiner Mutter Irene auf einer Düne in diesem riesigen „Sandhaufen“ sitzt. Die Kinderschuhe, Größe 26, von damals hat er noch. Noch immer rieselt Sahara-Sand heraus. Seine große Leidenschaft für das Fotografieren stammt natürlich auch vom Reisen und vom Vater.

In Norwegen.

In Norwegen.

„Stets wurden die besten Kameras und Filme benutzt. Das zahlt sich zum Glück heute aus, die Qualität hat all die Jahre nicht gelitten“, erläutert er. Er hat ein schier unendliches analoges wie auch digitales Bildarchiv angelegt, schaut sich manches Mal alte Fotos an, vergleicht mit aktuellen. „Da kommen unweigerlich viele Erinnerungen wieder“, erzählt er. Vor seiner Einschulung 1979 war er zum ersten Mal in den USA. „Die Lehrerin hat damals gefragt, wo wir in Ferien waren. Da habe ich gesagt: Bei den Indianern“, blickte aber in skeptische Gesichter. Viele Geburtstage, Ostern und auch Weihnachten hat er irgendwo in der Ferne verbracht. Seit Mitte der 90er-Jahre war er meistens alleine unterwegs. „Ich bin Reisender, kein Abenteurer“, betont er.

Planung ist alles

USA: Monument Valley auf Bild mit Mutter Irene.

USA: Monument Valley auf Bild mit Mutter Irene.

Alle seine Reisen, die bis zu acht Wochen dauern können, plant er sehr akribisch, effizient, überlässt nichts dem Zufall und hat immer einen Plan B in der Tasche. Auf den nordamerikanischen Kontinent zieht es ihn immer wieder, wegen der Naturwunder, weniger wegen der Menschen dort. Tristan und Vater Richard sind unter anderem mit einem VW-Käfer durch die Anden gefahren, mit einem VW-Bus durch Island, mit dem Golf 1 nach Norwegen zu den Lofoten. Unzählige Male war er in Nepal, hat bereits als Zehnjähriger mit dem Vater Bergtouren unternommen – etwa  rund um die Annapurna bis auf 5.416 Meter. Er ist zum Mount Everest gelaufen, lange bevor diese mehrtägigen Wanderungen „Trekking“ hießen. Er hat sie dort alle abgelaufen und tut dies heute noch.

Land, Leute, Kultur

Island mit dem Bulli.

Island mit dem Bulli.

„In Asien faszinieren mich Land und Leute und deren verschiedene Kulturen“, schwärmt er. „Aber die schönsten Berge haben wir doch eigentlich vor unserer Haustür in den Alpen“, ergänzt er. Wie oft er bis heute in den Schweizer Alpen war, weiß er nicht mehr, weil er dort quasi das Laufen lernte, diese später von West nach Ost durchschritt. Mit einem Jeep ist er durch Bolivien gefahren und hat dabei den größten Salzsee der Welt durchquert. 170 Liter Spritreserve hatte er auf dem Dach des Wagens verschnürt. Wer weiß, wann die nächste Tankstelle kommt? Er hat Silberminen besucht, den Mineuren in den ungesicherten Stollen als Gastgeschenk Coca- Blätter und Dynamit mitsamt Zündern mitgebracht, damit sie weiterarbeiten können. „Einige Stangen haben wir später auch selber getestet. Man will ja wissen, was man kauft.“ Tristan spricht Englisch und gebrochen Spanisch. „Damit und natürlich mit Händen und Füßen komme ich überall durch“, sagt er.

Peru auf der Trans Andino.

Peru auf der Trans Andino.

Mit einem kleinen Boot hat er einen Nebenarm des Amazonas befahren und eine Exkursion in den Dschungel unternommen. In Chile war er in der Atacama-Wüste, eine der trockensten Regionen der Erde, und hat schneebedeckte Vulkane gesehen. Er ist versehentlich mit dem Jeep in ein Minenfeld geraten hat und hat in Südamerika auch Patagonien und Feuerland besucht. War bei einer Eruption des Vulkans Stromboli auf der gleichnamigen kleinen italienischen Insel unweit des Kraterrandes, war am schwarzen Meer, hat den Ayers Rock bestiegen und ist am Great Barrier Reef getaucht, war in Jordanien auf den Spuren der Nabatäer sowie Lawrence von Arabiens unterwegs, hat in Mexiko alte Ruinen der May bestaunt, war in den Klöstern Tibets, hat die Eskimos auf Grönland besucht und war auf Hawaii und den Osterinseln unterwegs – um nur einiges zu nennen.

Strandurlaub als harte Strafe

Pakistan 1986.

Pakistan 1986.

Er hat den Norden und den Süden des afrikanischen Kontinents gesehen, dabei viele faszinierende Tieraufnahmen gemacht, war in vier Wochen 12.000 Kilometer durch den Südwesten der USA unterwegs und hat diesen Rekord in Australien noch deutlich getoppt. „Mich fasziniert alles, was mit Naturgewalten zu tun hat, was Menschen nicht beeinflussen können“, bringt er seine Leidenschaft auf den Punkt. „Ein Strandurlaub auf einer Insel wäre für mich eine echt harte Strafe.“

Im Amazonas-Gebiet.

Im Amazonas-Gebiet.

Manche „Traumziele“ oder Geheimtipps haben sich als „Nieten“ entpuppt, umgekehrt war manches Unbekannte sehr sehenswert. Natürlich hat er das Taj Mahal in Indien besucht, war in der Wüste in Rajasthan und hat auf zwei Reisen je sechs Wochen in Pakistan am K2 auf Gletschern gelebt. Er hat dort im Zelt geschlafen, gegessen und getrunken, hat dort in maroden Holzkisten an dünnen Seilen hängend reißende Flüsse überquert. Und das unmittelbar am damals höchstgelegenen und heftig umkämpften Kriegsschauplatz zwischen Indien und Pakistan. „Das Reisen hat sich über die Jahre weltweit stark verändert“, berichtet er. „An manchen Orten zum Beispiel, an denen man vor einigen Jahren nur eine Hand voll Leute im Nirgendwo traf, trifft man heute Tausende nebst der dazugehörigen Infrastruktur.“

Immer Glück

Schnorcheln am Great Barrier Reef, Australien.

Schnorcheln am Great Barrier Reef, Australien.

Schäfer hatte bisher immer sehr viel Glück auf seinen Unternehmungen, hatte nur wenige schlimme Erlebnisse, bei denen ihm das Schicksal jedoch hold war, und er mit dem Leben davonkam. Er wurde nie bestohlen, war nie ernsthaft krank oder wurde gar bedroht. Den selbstgebrauten Trunk einer alten Frau in Bolivien, die das Getränk durch ihre bereits getragene Strumpfhose gefiltert hat oder auch Meerschweinchen, Lama, Yak, vergorenen Schafskäse aus einem Erdloch und Walfleisch hat sein Magen gut verkraftet. Mit einem Schiff ist er in die Antarktis gefahren, im ehemaligen nordpakistanischen Fürstentum Nagar haben er und sein Vater Richard ein altes Bild vom Braunfelser Schloss entdeckt und ein Jahr später als Gastgeschenk durch das heimatliche Weinbacher Wappen und einen alten Weilburger Stich im dortigen Palast ergänzt. Bei einer Reise durch Kanada und Alaska hat er Ortsschilder der Heimat Weilburg und Weinbach aufgehängt, die bis heute dort hängen. „So wurden weltweit doch allerlei Spuren hinterlassen.“

Immer wieder oder einmal und nie wieder

Am Moraine Lake in Kanada.

Am Moraine Lake in Kanada.

Manche Orte hat er nur einmal besucht, manche immer wieder. Er hat über all die Jahre die Folgen des Klimawandels deutlich gespürt und die Veränderungen vor Augen gehabt. Als nächstes plant er nochmals auf den Vulkan Stromboli im Äolischen Meer vor Sizilien zu steigen, um eine Eruption der rot glühenden Lava nachts mitzuerleben. „Ein erhebendes Gefühl.“ Zum Schluss gesteht er: „Unsere direkte Heimat kenne ich eigentlich sehr schlecht. Daher habe ich in den letzten Jahren den kompletten Rheinsteig mehrfach per Pedes erkundet, habe mir mit dem Veloziped Westerwald, Vogelsberg und Taunus genauer angeschaut und möchte damit im Frühjahr die Lahn von der Quelle bis zur Mündung abfahren.“ „Für mich echte Abenteuer“, meint er.

Alle Fotos: Tristan Schäfer

Raushier-Reisemagazin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.