Wer in den späten 1950er-Jahren geboren ist und wenn deren Eltern der Weg in den Urlaub an die Adria zu weit war und sie mehr die Berge schätzten als Meer und Strand, der musste in den 60er- und 70-Jahren immer öfter mit Südtirol Vorlieb nehmen, wenn die lieben Erziehungsberechtigten es so wollten. Die Erinnerungen der Kinder und Jugendlichen von damals an erste Urlaube südlich des Brenners sind mit Sicherheit nicht mehr ganz frisch, aber das Buch, in dem es im Folgenden geht, wird bezüglich Erinnerungslücken Abhilfe schaffen.
In „Wilde Jahre. Tourismus in Südtirol 1961-1983“ lassen die Autoren Paul Rösch und Patrick Rina diese alten Zeiten und das alpine Flair hochleben und erzählen bildhaft, ausdrucksvoll und spannend den Beginn des Tourismus in der nördlichsten Region Italiens. Als aus Bauern Skilehrer oder Hoteliers wurden, als stille Täler aus dem Dornröschenschlaf erwachten, als die Spaßgesellschaft die Oberhand gewann.
Von der einfachen Pension zur Luxusherberge
Von einer vorwiegend bäuerlich geprägten Landschaft hin zu einer boomenden Ferien-Destination dauerte es nur wenige Jahre – Jahre eines rasanten Aufstiegs in allen Bereichen. Tourismus war zwischen 1965 und 1975 der wirtschaftliche Champion des Landes und stellte einen Rekord nach dem anderen auf. Scheunen und Heustadel wurden abgerissen oder in Wohneinheiten umgewidmet, einfache Unterkünfte umgebaut, ausgebaut, angebaut oder aufgestockt – mit der Zeit verschwanden Waschkrüge auf Kommoden, „wanderten“ die Etagenduschen und die einzige Toilette pro Stockwerk in die einzelnen Zimmer (Stichwort Qualitätsstandard) – und Neubauten, ob Hotels, Garnis oder Pensionen, schossen aus dem Boden wie Pfifferlinge im Wald. Platz dafür war ja genügend da.
Die Übernachtungszahlen stiegen rapide an und somit ging es auch den Einheimischen von Jahr zu Jahr besser. Der Wohlstand wuchs. Der Gast brachte das Geld nach Südtirol. Aber mit dem Gästeansturm änderte sich so manches Ritual der heimischen Bevölkerung – über Generationen gelebte Bräuche und Gewohnheiten verschwanden gar.
Touristische Invasion

Ein kleines „Empfangskomitee“ in der Ortschaft Goldrain im Vinschgau wartet am Treppenaufgang voller Vorfreude auf die Gäste. – Foto: Familie Ladurner (Goldrain)
Um Südtirol bekannt zu machen, gastierten Trachten- und Volksmusikgruppen wie selbstverständlich im Norden und Westen Deutschlands, um dort ihr Heimatgefühl zu präsentieren. Das waren natürlich nicht die einzigen Werbemaßnahmen. Glaube, Brauchtum und heile Welt dominierten Prospekte und Heimatfilme, auch um „italienische“ Gäste anzulocken. Brauchtumsabende in Gemeinden, und waren diese noch so klein oder versteckt am Ende eines Tales, waren Besuchermagnete. Die Aufbruchstimmung war euphorisch.
Erste zaghafte Schritte zur Ganzjahres-Destination wurden unternommen. Nicht nur in den Sommermonaten oder zum Wandern im Herbst sollten die Gäste kommen, sondern auch im Winter. Um Skifahrer wurde händeringend geworben, erste Liftanlagen entstanden, bald wurden Skipässe angeboten. Von 1960 bis 1980 wurden über 400 Ski-Anlagen erbaut – Skifahren erlebte einen Boom. Ein zweites touristisches Standbein war hinzugekommen.
Das Familienleben durcheinandergewirbelt

Gäste aus Italien suchen im Urlaub ein Stück urbaner Eleganz: Jazz und Schaumweinseligkeit im Gadertal. – Foto: Touriseum – Südtiroler Landesmuseum für Tourismus Meran
Viele Urlaubsgäste wirbelten aber auch das Familienleben ihrer Gastgeber durcheinander, „besetzten“ deren Wohnzimmer oder füllten deren Kühlschränke mit mitgebrachten „Fressalien“. Zuweilen wurden Gäste zur Last. Die touristische Invasion hatte Südtirol fest im Griff.
All das und noch vieles mehr, wie aufwendig recherchierte Aussagen von Betroffenen oder Anekdoten und Absurditäten dieser Zeitspanne machen die Lektüre zu einer unterhaltsamen Revue in die Vergangenheit. Und auch ein paar kritische Anmerkungen (z.B. über Ausbeutung und Schwarzarbeit) runden das Gesamtbild ab.

Auf der Suche nach Schneeabenteuern ins Gipfelglück: Wandern mit Gästen. – Foto: Familie Ebner (St. Pauls)
Zu den Autoren: Paul Rösch, geboren 1954 in Meran. Studium der Volkskunde und Geschichte an der Universität Innsbruck. Er war federführend für Konzeption und Aufbau des Südtiroler Landesmuseums für Tourismus (Touriseum) in Meran und stand dem Museum bis 2015 als Direktor vor. Von 2015 bis 2020 war er Bürgermeister von Meran. – Patrick Rina, geboren 1987 in Meran. Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Triest. 2012 – 2022 Redakteur, Chef vom Dienst und Moderator des ORF Bozen. Seit 2022 freischaffender Journalist, Koordinator von Kulturprojekten und Herausgeber regional- und kulturhistorischer Veröffentlichungen.
Paul Rösch/Patrick Rina, Wilde Jahre. Tourismus in Südtirol 1961-1983, erschienen im Raetia Verlag, Zollstangenplatz 4, I-39100 Bozen, Tel.: (039 0471) 97 69 04, 288 Seiten (Hardcover), zahlreiche Schwarz-Weiß- und Farbfotos; ISBN 978-88-7283-935-5; Ladenpreis: 30.- €