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Buchtipp: oh! Venedig

Wenn man eine Stadt auf dieser Welt mit eigenen Augen gesehen haben soll, dann ist dies unbestritten Venedig. Die einst mächtige Republik (La Serenissima), die bis 1797 als unabhängige Seemacht den Handel zwischen Europa und dem Orient beherrschte, wandelte sich im 19. und 20. Jahrhundert von einer ehemaligen Industrie- und Hafenstadt zu einem der weltweit beliebtesten Reiseziele. Tradition und Fortschritt liegen in dieser Stadt nahe beieinander. Heute kämpft die Stadt mit Massentourismus, Hochwasser und der Abwanderung der Einheimischen.

Reiseführer von Venedig gibt es wohl fast so viele wie Sand am Lido. Das vorliegende Exemplar hebt sich allerdings von den meisten „City-Guides“ wohltuend ab. Autorin Maria Wiesner hat nämlich hinter die Fassaden der Palazzi, in prachtvolle Kirchen und weltbekannte wie außergewöhnliche Museen geschaut sowie allerlei Denkwürdiges und Bemerkenswertes entdeckt. Natürlich finden Markusplatz, Dogenpalast, Rialtobrücke oder die Gondolieri Erwähnung, im Mittelpunkt steht aber Hintergründiges mit zahlreichen Tipps und Infos abseits der Besucherströme.

„Einkehrschwung“ in Harry`s Bar

Wer sich nicht den Luxus leisten will, sich mit einem Gondoliere auf dem Canal Grande (und in den kleinen Neben-Kanälen) herumschippern zu lassen, der setzt sich bequem in ein Vaporetto, einen öffentlichen Wasserbus, und bestaunt die Stadt von diesem preiswerten Verkehrsmittel aus. Zu Fuß ist die Stadt natürlich intensiver zu erleben, auch, weil einige „Einkehrschwünge“ in Pasticcerie, Panifici, Eisdielen, Tavernen, Osterias oder Trattorien sehr lohnenswert sind. Beispielsweise in Harry`s Bar, in der schon Truman Capote, Humphrey Bogart, Orson Wells oder Ernest Hemingway verweilten. Über Letzteren erfährt man, dass der Literatur-Nobelpreisträger in der Lagunenstadt auf Entenjagd ging. Muss man nicht wissen – trotzdem spannend. Mit Glück ist in der Bar, in der der Cocktail Bellini seinen Ursprung hat, ein Plätzchen sogar ohne Reservierung zu ergattern.

Woody Allen und das „Geisterhaus“

Der Weg zu Casanovas Zelle führt über die Seufzerbrücke (im Hintergrund). – Foto: Maria Wiesner

Der Weg zu Casanovas Zelle führt über die Seufzerbrücke (im Hintergrund). – Foto: Maria Wiesner

Eine besondere Geschichte hat der Palazzo Dorio im Stadtteil Dorsoduro, das „Geisterhaus“ am Canal Grande. Unnatürliche Todesfälle seit der Erbauung im 15. Jahrhundert reihten sich wie  Perlen an eine Schnur. So ließ Woody Allen die Finger vom Kauf des Palazzos weg, als er davon erfuhr. Man hängt ja doch irgendwo am Leben…

Wenn die Autorin von Menschen, die in Venedig leben und dort ihrer Arbeit nachgehen, berichtet, dann sind das für sie „Helden des Alltags“. Beispielsweise hat Maria Wiesner einen der letzten Ruderschreiner, die es noch gibt, besucht, stattete einer Künstlerin, die dunkles Tropenholz mit Diamanten zusammenführt, einen Besuch ab und ließ sich von einer betagten Dame, die sich zeitlebens der Seidenstickerei verschrieben hat, in dieses seltene Handwerk einweisen.

Murano, Burano, Mirano

Interessant: Warum befinden sich alle Glasmanufakturen auf der Insel Murano? Nicht zu verwechseln mit Burano. Und schon gleich gar nicht mit Mirano.

Fesselnd: Wer war Antonio Canova (1757-1822)? Heute sind sein Name und seine Kunst nur der Fachwelt geläufig, damals galt er als Ausnahmetalent.

Mitreißend: Wussten Sie, dass Venedig lange vor Frankreich die Heimat des Wohlgeruchs war? Die Lagunenstadt verdankte dieses „Gütesiegel“ einer byzantinischen Prinzessin, die im 11. Jahrhundert lebte und Parfüm in allerlei Duftfläschchen aus dem Orient mitbrachte.

Der erste Influencer seiner Zeit

Blick vom Palazzo Contarini Bovolo. – Foto: Maria Wiesner

Blick vom Palazzo Contarini Bovolo. – Foto: Maria Wiesner

Fehlen darf in solch einem Reiseführer natürlich auch nicht ein Kapitel über Casanova, der, wenn es den Begriff damals schon gegeben hätte, als Influencer durchgegangen wäre. Ebenfalls Erwähnung findet die jüdische Bevölkerung, die ab 1516 ihr eigenes Viertel (Ghetto) zugewiesen bekam und dieses nachts nicht verlassen durfte.

Die Punta della Dogana ist ein Museum für moderne Kunst, das sich an der Spitze der Insel Dorsoduro befindet – dort, wo sich Canal Grande und Giudecca-Kanal treffen und ins San-Marco-Becken übergehen. Im Hintergrund die Kirche La Salute. – Foto: Maria Wiesner

Die Punta della Dogana ist ein Museum für moderne Kunst, das sich an der Spitze der Insel Dorsoduro befindet – dort, wo sich Canal Grande und Giudecca-Kanal treffen und ins San-Marco-Becken übergehen. Im Hintergrund die Kirche La Salute. – Foto: Maria Wiesner

Apropos Nacht: Wenn sich die Tagestouristen aus dem Staub gemacht und sich die Tauben zur Nachtruhe begeben haben, dann lohnt sich ein Bummel über den Markusplatz. Und am nächsten Tag zum Badespaß an den Lido, das hat auch was.

Zur Autorin: Maria Wiesner, geboren 1985 in Brandenburg, lebt als Autorin und Redakteurin der FAZ in Frankfurt. Für ihre Reise- und Gesellschaftsreportagen war sie auf fünf Kontinenten unterwegs, aber keine Stadt besuchte sie öfter als Venedig. Hier begibt sie sich auf die Spur alter Legenden, geht baden, wo schon Thomas Mann die Füße ins Wasser hielt, und lässt sich von venezianischen Freunden die besten Orte für fangfrische Köstlichkeiten empfehlen.  Am meisten aber liebt sie es, wenn die Wellen das Sonnenlicht wie Scheinwerfer auf die Palazzi werfen und man neue Details an alten Fassaden entdecken kann.

Maria Wiesner, oh! Venedig, erschienen im Folio Verlag mit Sitz in Wien und Bozen; 160 Seiten, Klappenbroschur, durchgehend Farbabbildungen, ISBN 978-3-85256-943-7; Preis: 20 Euro.

Raushier-Reisemagazin

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