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Weit abseits ausgetretener Pfade – eine Reise durch Tadschikistan

4.00 Uhr früh, Flughafen Duschanbe: verschlafene Fluggäste, Anstellen am Schalter zur Passkontrolle für die Einreise. Aber an welchem Schalter? Vier Schalter sind für Tadschiken geöffnet und nur einer für „all passports“. Der aber ausschließlich für Inhaber des kürzlich eingeführten e-Visums – das hat keiner. So bleibt der Schalter eben frei. Endlich haben wir es geschafft, und draußen empfängt uns warme Luft und der Fahrer, der uns zum Green House Hostel bringt. Vier große Koffer werden im Kofferraum der Limousine verstaut – kein Problem, viel Schnur hält die Koffer auch bei geöffnetem Deckel sicher fest. Nach kurzer Fahrt hält das Auto vor einem unscheinbaren Blechtor. Dahinter eine schöne alte Villa mit Vorgarten und altem Baumbestand.

Gewürze: Basar in Duschanbe.

Gewürze: Basar in Duschanbe.

Freundlicher Empfang durch den Nachtportier, dann werden wir vier Frauen auf die Gemeinschaftsschlafräume verteilt. Die Betten sind sauber und bequem, die Klimaanlage sorgt für angenehme Schlaftemperaturen.

Mittags holt uns Mashrur, unser Fahrer für die nächsten zwei Wochen, mit seinem Toyota Land Cruiser ab. Sein Englisch ist dürftig, zum Glück spricht eine von uns Russisch. Damit sind schnell freundliche Beziehungen hergestellt. Sieben Stunden dauert die Fahrt bis zum 380 km entfernten Kalai Khumb, der ersten Station unserer Reise.

Bis Kulob sind die Straßen asphaltiert und in sehr gutem Zustand; aus dieser Region stammt Emomalii Rahmon, seit 1994 Präsident der Republik Tadschikistan. Hinter Kulob wird die Straße häufig von Schotterpiste unterbrochen und wir werden ziemlich durchgeschüttelt.

Blick auf Afghanistan

Mit den Füßen im Pan.j

Mit den Füßen im Pan.j

Dafür kommen wir bald an den Panj-Fluss, der Tadschikistan und Afghanistan trennt. Ca. 550 km lang werden wir dem Fluss folgen, mit Blick auf Afghanistan auf der anderen Flussseite. Teilweise ist das Wasser so niedrig, dass man zu Fuß die Grenze passieren könnte. Schwimmen ist im Panj jedoch verboten, außerdem wäre das Wasser viel zu kalt. Es speist sich aus der Schneeschmelze der Gletscher. Uns interessieren die Vorgänge auf afghanischer Seite: Heu- und Getreideernte, Transport mit Eseln, eine Karawanserei mit einigen grasenden Kamelen, ein Eselrennen auf der mit deutscher Unterstützung gebauten neuen Straße.

Blick auf Afghanista.

Blick auf Afghanista.

Viele Flusstäler scheinen recht fruchtbar zu sein und Mashrur berichtet von drei Ernten im Jahr in der subtropischen Region um Kalai Khumb. Die Dörfer machen einen ordentlichen Eindruck und bei Dunkelheit sehen wir viele elektrisch beleuchtete Häuser und Straßen.

Frühstück in Kalai Khumb.

Frühstück in Kalai Khumb.

In Kalai Khumb (auf 2.000 m) werden wir von der Familie Sangakov in ihrem Gästehaus herzlich begrüßt. Unser Fahrer ist bekannt – wie eigentlich überall auf unserer Route.

Abendessen und Frühstück werden auf der Terrasse über dem Fluss serviert, ein herrlicher Platz zum Ausruhen und Genießen. Ein kleiner Wermutstropfen sind die hygienischen Verhältnisse. Die sanitären Einrichtungen (Toiletten, Waschgelegenheiten) sind nach europäischen Vorstellungen sehr dürftig (Fettdruck, unterstrichen, drei Ausrufezeichen). Wer das und den begleitenden Geruch der Toiletten jedoch tolerieren kann, erlebt herzliche und sehr gastfreundliche Menschen und eine tolle Atmosphäre.

Projekte des Aga Khan

Diskussion zur Rinderhaltung mit einer Frauenkooperative.

Diskussion zur Rinderhaltung mit einer Frauenkooperative.

Am nächsten Tag treffen wir Yodgor Qonunov von der Aga Khan Foundation, der uns zu einigen landwirtschaftlichen Projekten der Stiftung begleitet. Der Aga Khan ist das geistliche Oberhaupt der Ismailiten, einer Untergruppierung der Schiiten. Die meisten Pamiri sind Ismailiten. Sie leben einen gemäßigten Islam, in dem Bildung und wirtschaftliche Betätigung von Frauen eine wichtige Rolle spielen.

Der amtierende Aga Khan, Prinz Karim, ist einer der reichsten Männer der Welt und nutzt seinen Reichtum unter anderem für Entwicklungsprojekte. Er hat entscheidend zum Wiederaufbau des Landes nach dem Bürgerkrieg in den 90eger Jahren beigetragen und unterstützt die Entwicklung des Pamirs noch immer nachhaltig. Wir treffen zwei Frauenkooperativen, die vor einigen Jahren Kredite zum Kauf von Rindern und Ziegen erhalten haben.

Mitglieder der Frauenkooperative in Kalai Khumb.

Mitglieder der Frauenkooperative in Kalai Khumb.

Die anfängliche Zurückhaltung der Frauen weicht schnell einer lebhaften Diskussion über Züchtung und Haltungsbedingungen. Die Tiere bilden ein sicheres Einkommen für die Familien, deren Männer häufig als Gastarbeiter in Russland arbeiten und den größten Teil des Jahres nicht zu Hause sind. Das Management der Herden liegt in den Händen der Frauen, die auch – sehr selbstbewusst – die Einnahmen daraus verwalten und damit in einigen Fällen sogar das Studium für ihre Kinder finanzieren können.

Eine Einladung zum Tee schließt den Besuch ab. Als Gäste sitzen wir mit den Männern auf dem Tapchan, einer erhöhten Plattform unter einem großen Ahornbaum, während die Frauen Tee bereiten und uns mit Brot, eingemachten Früchten, Kefir und Süßigkeiten bedienen. Als die Hausfrau mit einem langen Messer in Richtung Schafstall geht, verabschieden wir uns schnell. Aus Gastfreundschaft hätte sie eines der wertvollen Lämmer geschlachtet, das wollten wir natürlich nicht. Außerdem liegen noch 280 km überwiegend Schotterstraße vor uns, eine Fahrt von fünf bis sechs Stunden, immer entlang der afghanischen Grenze.

Mashrur kennt jeden Grenzposten

Unterwegs werden wir häufig angehalten: Passkontrolle. Für unsere Gruppe sind die Kontrollen schnell und problemlos – Mashrur kennt jeden Grenzposten zwischen Khorogh und Duschanbe.

Sitzplatz im Lal Hotel Khorogh.

Sitzplatz im Lal Hotel Khorogh.

In Khorogh, der Hauptstadt von Gorno-Badakhshan (GABO) bzw. des Pamir, logieren wir im LAL Hotel neben dem Central Park. Das Hotel hat einen schönen Garten und Zimmer mit angeschlossenem Bad mit funktionierender Dusche – nach drei Tagen für uns bereits das Gefühl von Luxus. Wir treffen erneut Yodgor, der uns zum staatlichen Veterinäruntersuchungsamt begleitet. Dort steht man vor dem schier unlösbaren Problem, die auf einer Fläche von ca. 100.000 km² verteilten Rinder, Yaks, Esel, Schafe  usw. zu betreuen. Unter den Wiederkäuern ist Brucellose weit verbreitet, die, auf den Menschen übertragen, zu Fieber und Übelkeit führen kann. Früher bezahlte die Sowjetunion für die Impfungen der Tiere. Seit der Unabhängigkeit des Landes stehen dafür nur noch begrenzt Mittel zur Verfügung.

Nachmittags besichtigen wir den Botanischen Garten, der seit dem Zerfall der Sowjetunion ebenfalls an Bedeutung verloren hat. Früher arbeiteten hier Wissenschaftler aus allen Teilen der Union, zentral finanziert. Jetzt fehlt überall das Geld. Tadschikistan gehört auf jeden Fall zu den großen Verlieren des Zusammenbruchs der Sowjetunion.

Dozentinnen von der Hochschule in Khorogh.

Dozentinnen von der Hochschule in Khorogh.

Nachmittags erleben wir auf dem Basar die neue Ausrichtung Tadschikistans: China. Der Handel blüht, Khorogh ist Umschlagplatz für Waren, die seit der Öffnung des Grenzübergangs 2001 über den Pamir Highway nach Westen gebracht werden. Immer mehr Traditionelles wird durch Plastik ersetzt – die schönen Zinnkannen zum Wasserholen finden wir nicht mehr. Dafür sind die Waren auch für Einheimische erschwinglich.

Der Markt ist immer noch bunt und vielfältig und eine Möglichkeit, selbst gefertigte traditionelle Strümpfe, Kappen, Bänder etc. an die wenigen Touristen zu verkaufen. Die Einheimischen decken sich hier mit Lebensmitteln, Viehfutter und allem Bedarf des täglichen Lebens ein. Es gibt auch ein Kaufhaus, das aber fast ausschließlich Kleidung anbietet. Der Basar ist eindeutig die lokale Versorgungszentrale.

Blick auf den Hindukusch

Toilette an der Tankstelle.

Toilette an der Tankstelle.

Am nächsten Tag geht es weiter Richtung Yamchun im Wakhan-Korridor, wieder 180 km entlang der afghanischen Grenze. Die Sandstrände am Panj laden zu einem Picknick ein. Trotz Badeverbot kann man mit den Füßen eintauchen. Und das reicht – das Wasser ist eiskalt. Eine schöne Erfrischung an einem heißen Tag. Weiter gen Süden sehen wir dann kurz vor Ishkashim zum ersten Mal den Hindukusch. Es ist ein atemberaubender Anblick: der Panj mit seinen Stromschnellen, die grünen Flusstäler mit Weiden und Bäumen, die kahlen Berge und im Hintergrund die schneebedeckten Gipfel. Kurz hinter Ishkashim steht die Ruine der Festung Qakha aus zoroastrischer Zeit (ca. 3. Jh. v. Chr.).

Basar in Khorogh.

Basar in Khorogh.

Nur wenig ist von den aus Lehmziegeln erbauten Befestigungsanlagen erhalten, aber man hat einen herrlichen Blick über die Flussebene. Das Fort wird von Soldaten bewacht. Überhaupt sieht man viel Militär entlang der afghanischen Grenze. Nach Auskunft von Furough, unserer parmirischen Reiseleiterin, werden bewusst hier Soldaten aus anderen Landesteilen eingesetzt, um regionale Aufstände, wie 2012 in Khorogh, zu unterbinden und natürlich, um die Grenze nach Afghanistan zu schützen. Im Umgang mit offiziellen Personen ist Vorsicht geboten – Fotografieren ist nicht gestattet, weder Polizei noch Soldaten oder militärische Einrichtungen.

Nach der Besichtigung erwartet uns eine Überraschung: in kürzester Zeit hat sich am Fuß der Festung ein Basar aufgebaut. Eine Familie verkauft hier selbst gefertigte Souvenirs. Da müssen wir natürlich etwas erstehen, auch wenn die Kette aus „Tigerauge“ nur angemalte Steine enthält.

Teppiche gegen die Kälte

Weiter geht es, unser Tagesziel liegt noch einige Kilometer südöstlich: in Yamchun erwartet uns Alisho in seinem Homestay (auf 3.100 m), einem alten Pamirhaus. Der Raum ist ganz mit Teppichen ausgelegt, auch an den Wänden halten Teppiche die Kälte ab. Gegessen wird auf einem erhöhten Podest, auf das ein niedriger runder Tisch gestellt wird. Eigentlich werden zum Essen die Füße untergeschlagen, als Europäer kann man aber auch mogeln und sie unter dem Tisch verschwinden lassen. Zum Schlafen wird der Tisch entfernt und Matten auf das Podest gelegt – oder man schläft draußen auf dem Tapchan.

Schafhirte.

Schafhirte.

Dafür ist ein guter Schlafsack angebracht. Obwohl das Thermometer tagsüber auf mehr als 25°C klettert, sind die Nächte kühl. Aber was für eine unvergessliche Nacht: bei Vollmond draußen, zu Füßen des Hindukusch und mit dem Rauschen des Panj im Ohr. Geschlafen wird ab Einbruch der Dunkelheit. Wir sind daher schon früh wieder auf den Beinen, Alishos Frau allerdings noch früher. Schon um 5 Uhr versorgt sie die Hühner und fegt den Gartenweg. Die Männer schlafen länger. Nach dem Frühstück wandern wir zur Akklimatisierung die 200 m hoch zum Fort Yamchun. Man merkt, dass die Luft dünn wird. Die Kopfschmerzen sind zwar nach einer Tablette und genug Kaffee verschwunden, das Atmen fällt aber selbst bei dieser leichten Steigung schwer.

Dazu ist es auch am Vormittag schon ziemlich warm und nirgends ist Schatten. Auch die Festung Yamchun stammt aus dem 3. Jh. v. Chr., erbaut von den Brüdern Qahqaha und Zangibor. Sie hatten einen perfekten Platz für die Festung gewählt: hoch auf einem steilen Hügel mit weiter Rundumsicht über das Wakhantal. Halbrunde Wachtürme sind noch gut erhalten und die UNESCO ist bestrebt, das Fort zu konservieren. Unser Weg führt weiter bergauf zur heißen Quelle von Bibi Fatima, benannt zu Ehren von Mohammeds Tochter und Ehefrau von Ali, dem ersten Imam der Schiiten.

Baden im heilenden Wasser

Das Wasser soll heilende Kräfte haben und insbesondere bei Kinderlosigkeit Wunder bewirken können. Es gibt zwei Becken: ein wunderschönes Naturbecken in einer Felsenspalte, durch die das Wasser rauscht. In einer kleinen Höhle in der Felswand ist die Statue einer schwangeren Frau zu sehen. Ein zweites Becken ist prosaischer eingefasst. Männer und Frauen haben im zeitlichen Wechsel Zugang zu den Becken, denn gebadet wird ohne Bekleidung.

Lebensmittelladen am Wegrand.

Lebensmittelladen am Wegrand.

Nach dieser Anstrengung geht es zum Mittagessen nach Yamg zum Homestay von Haidar. Hier können wir vor dem Essen erst einmal gemütlich auf den Bänken schlafen – undenkbar in einem deutschen Restaurant. Nach dem Essen zeigt uns Haidar den Sonnenstein, mit dessen Hilfe schon in zoroastrischer Zeit die Jahreszeiten bestimmt wurden.

Die Strahlen der aufgehenden Sonne fallen durch ein Loch im Stein auf den gegenüberliegenden Berg. Je nach Jahreszeit treffen sie dort an einer anderen Stelle auf. So wurden Zeiten für Saat und Ernte bestimmt. Der Stein erinnert an Stonehenge, nur in einem sehr viel kleineren (und handlicheren) Ausmaß. Anschließend besichtigen wird das kleine Dorfmuseum mit einer Sammlung unterschiedlicher Naturkalender, Musikinstrumente und Handwerksgeräte. Erhalten ist auch ein russischer Militärsattel von 1890. Sättel gleicher Machart werden heute noch eingesetzt, um auf Yaks, den Rindern des Hochlands, zu reiten.

Buddha hatte kleine Füße

Lebensmittelladen am Wegrand.

Lebensmittelladen am Wegrand.

Auf dem Weg zu unserer nächsten Unterkunft gibt es noch einen weiteren Stopp bei dem Stupa von Vrang. Erbaut wurde er im 7. bis 8. Jhd n. Chr. von buddhistischen Mönchen. Gekrönt wird der fünfstufige Bau von einem Fußabdruck Buddhas – der demnach ziemlich kleine Füße hatte. Hier sind wir eindeutig auf der Seidenstraße, auf der auch Marco Polo nach China reiste.

Am nächsten Morgen werden wir plötzlich in sehr gutem Deutsch begrüßt. Die Seniorchefin des Homestays war früher Deutschlehrerin in Langar ( auf 2.800 m) und spricht fast perfekt, ohne je in Deutschland gewesen zu sein. Zu Sowjetzeiten war Deutsch weiter verbreitet, heute wird es zunehmend durch Englisch ersetzt. Aktuell kommt man aber mit beiden Sprachen nicht weit. Ohne einheimischen Guide ist man auf Zeichensprache angewiesen und verpasst viel von den Eigenarten des Landes und seiner Kultur.

Ruine Qakha mit Furough, Blick auf Afghanistan.

Ruine Qakha mit Furough, Blick auf Afghanistan.

Dann geht es weiter, zunächst entlang des Wakhan Korridors nach Osten. Bei Khargush verlassen wir die afghanistanische Grenze und wenden uns nach Norden Richtung Alichur im „Großen Pamir“. Die Straßen sind atemberaubend: schmal, unbefestigt, mit steilen Abhängen rechts und links. Wie gut, dass wir nicht selbst fahren müssen. Nicht schwindelfreie Personen sitzen am besten links, dort gibt es die wenigsten Steilkanten. Die Überholmanöver sind haarsträubend – da braucht man selbst als Beifahrer gute Nerven. Dann ein kurzer Stopp: vor uns beobachten wir einen „Warenaustausch“ zwischen Afghanen und Tadschiken. Tadschikistan ist Durchgangsland für Drogen auf dem Weg nach Europa. Unsere Fotoapparate halten wird bedeckt, das könnte sonst ungemütlich werden.

Kurze Zeit später überqueren wir den Khargush Pass, mit 4.355 m den höchsten Pass auf unserer Reise. Uns wird etwas schwindelig, das geht aber schnell vorbei. Bald biegen wir auf die M 41, den Pamir-Highway, einer 1.250 km langen Verbindungsstraße von Osh in Kirgisistan nach Khorogh und weiter bis Duschanbe. Der Highway wurde kurz nach der Staatsgründung 1929 in nur drei Jahren gebaut, eine phantastische Meisterleistung der Ingenieure. Er verläuft als zweithöchster Highway der Welt auf einer Höhe zwischen 3.500 und 4.650 m, mit winterlichen Temperaturen bis – 60°C. Häufig werden Abschnitte durch Lawinen bzw. von Steinschlag unpassierbar und es empfiehlt sich, ein bis zwei Tage Puffer einzuplanen, wenn ein Flugzeug erreicht werden muss.

Auf dem Pamir-Highway

Decke eines typischen Pamirhauses.

Decke eines typischen Pamirhauses.

Außerdem bedeutet Highway nicht Autobahn, Durchschnittsgeschwindigkeiten von 40 bis 50 km/h sind auf dieser nur teilweise geteerten Straße realistisch. Hier begegnen uns auch zum ersten Mal außerhalb der Unterkunft in Kalai Khumb die Radfahrer. Der Pamir Highway ist die Herausforderung für Extrem-Radsportler. Von Duschanbe (700 m) über Kalai Khumb (1.300 m), Khorogh (2.000 m), Alichur (3.860m ), Murghab (3.630 m), Karakul (3.920 m), dann wieder herunter bis ins kirgisische Alai – Tal (Osh 870 m). Dabei sind drei 4.000er Pässe zu überqueren.

Wir bleiben in Alichur und genießen die Gastfreundschaft im Makhan Homestay. Die kirgisisch-stämmige Familie hat vier Kinder, die die Fremden neugierig beäugen. Mit Luftballons und Seifenblasen-Lösung ist die Freundschaft schnell geschlossen. Wir bewundern die drei Monate alten Yak-Kälber und sehen beim Melken zu. Die Ausbeute ist allerdings mager: ¼ bis ½ Liter pro Kuh. Für eine sechsköpfige Familie mit ausländischen Gästen ist das nicht viel. Trotzdem bekommen wir Yakbutter angeboten. Sie schmeckt ähnlich wie Buttercreme.

Furten des Alischur.

Furten des Alischur.

Am nächsten Morgen sind wir schon um 5.30 Uhr auf den Beinen. Wir wollen Marco Polo Schafe, mit bis zu 1,35 m Schulterhöhe die größten Schafe der Welt, in ihrer natürlichen Umgebung beobachten. Bekannt sind die Tiere wegen ihrer großen spiralig gedrehten Hörner, die bis zu 1,50 m lang und 20 kg schwer werden können. Johnny Beg aus Bash Gumbez kennt ihren Standort und ihren Tagesablauf. Bei der Ankunft sehen wir sie durch sein starkes Fernglas auf den Bergen schlafen. Kurze Zeit später stehen sie auf und ziehen zu den höher gelegenen Bergwiesen. Marco Polo Schafe sind Wildtiere.

Schätzungsweise kommen im Pamir noch 12.000 bis 14.000 Tiere vor, die stark von Wilderern bedroht sind. Legal dürfen jährlich 20 bis 40 Tiere von Trophäenjägern geschossen werden, wobei mit Kosten von 30.000 € zu rechnen ist. Eine der edelsten Trophäen der Welt! Das Geld soll in den Naturschutz und die lokalen Gemeinden investiert werden. Die Hörner haben wir schon mehrfach auf unserer Reise gesehen. Im Pamir werden damit Häuser und wichtige Gebäude geschmückt.

Auf dem Yak.

Auf dem Yak.

Mittags wird in einer typischen Jurte gegessen. Viele Familien haben neben ihrem Winterhaus aus Lehmziegeln eine Jurte für den Sommer, die zum Teil für Gäste vermietet wird. In einem Raum wird gekocht, gegessen und geschlafen. So eine Jurte kann von drei bis vier Personen innerhalb von drei Stunden auf- und abgebaut werden und ist deshalb eine praktische Unterkunft für die Familien, die die Herden auf die Sommerweiden begleiten. Anschließend probieren wir das Reiten auf Yaks.

Die Sättel sind mit Decken belegt und recht bequem. Der Gang ähnelt dem eines Pferdes, es schaukelt vielleicht etwas mehr. Der Weg führt über sehr unebenes Gelände – Permafrostboden, auf dem das Wasser steht. Unsere Begleiter springen von Scholle zu Scholle, gelegentlich wird trotzdem ein Schuh nass. Den Abschluss des Tages bildet der Besuch einer ehemaligen Karawanserei. Davon gibt es etliche hier auf der alten Seidenstraße. Wir sind erstaunt, wie klein der Hauptraum ist. Wenn man jedoch bedenkt, dass zum Schlafen Matte an Matte gelegt wurde, hatten sicherlich zehn Personen in dem Raum Platz.

Trekkingtour entlang des Yashikul

Trekking mit Pferd.

Trekking mit Pferd.

Am nächsten Morgen startet unsere Trekkingtour entlang des Yashikul, des viertgrößten Sees dieses wasserreichen Landes. Da wir Zelte und Proviant für drei Tage mitnehmen, sind Pack- und Reitpferde und zwei Pferdeführer mit von der Partie. Zunächst furten wir den Fluss Alichur; den Pferden geht das Wasser bis zum Bauch. Gott sei Dank müssen wir nicht zu Fuß queren. Diese Übung wird sich im Verlauf der Wanderung noch dreimal wiederholen.

Dann geht es an der Nordseite entlang der Felsen auf einer sehr schmalen Piste weiter. Hier ist Schwindelfreiheit und Trittsicherheit vorausgesetzt, der Pfad zieht sich schmal ab Abhang entlang. Wie gut, dass die Pamiri-Pferde so trittsicher sind. Der erste Rastplatz ist auf einer Sommerweide mit einem traumhaften Blick über den See auf die schneebedeckten Gipfel an der Südseite. Zwei ähnlich überwältigende Rastplätze folgen am nächsten Tag.

Wir kommen uns vor wie im Prospekt eines sehr teuren Outdoor-Ausstatters. Vom Zelt aus der Blick auf See und Berge, daneben grasen die Pferde, morgens begrüßen uns Rinder bei ihrem Gang zum Wasser und grasen um unsere Zelte herum. Am zweiten Rastplatz lädt ein flacher Sandstrand zum Baden ein. Dazu gehört Mut – das Wasser ist wie immer eiskalt. Egal, nach zwei Tagen Wanderung ist der Wunsch nach einer gründlichen Wäsche ziemlich dringend.

Angepasste Technologie.

Angepasste Technologie.

Zum Abschluss unserer Reise treffen wir in Khorogh Matthias Poeschel vom Mountain Development Support Programme, einem Projekt der Aga Khan Foundation, der mit Unterstützung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit GIZ die nachhaltige Förderung des Tourismus in Tadschikistan vorantreibt. Wir sind uns schnell einig, dass die größte Hürde für die Entwicklung eines größer angelegten Tourismus die schwierigen hygienischen Verhältnisse im Land sind (Waschgelegenheiten, Toiletten, Essen). Wer aber bereit ist, die einfachen Verhältnisse zu tolerieren, hat die einmalige Gelegenheit, ein wunderbares Land mit atemberaubenden Landschaften und sehr gastfreundlichen Menschen in seiner Ursprünglichkeit zu erleben, bevor es mehr und mehr Touristen erobern… Ein wunderbarer Einstieg in einen aktiven Ruhestand!

INFOS:

Anreise:

  • Somon Air (Direktflug Frankfurt – Duschanbe, ca. 650 €)
  • Turkish Airlines (Zwischenstopp in Istanbul) für An- bzw. Rückreise aus Osh

Individuelle Reisegestaltung nach eigenen Vorgaben:

  • Pamirs Eco Cultural Tourism Association (PECTA): www.visitpamirs.com
  • Pamir Horse Adventure, Aslisho Querboniev: www.pamirhorseadventure.com; Email: aspami@gmail.com (Organisator vorstehender Reise, Gesamtkosten: zwei Wochen für vier Personen inkl. Reiseleitung, Unterkunft und Verpflegung, ohne Anreise: ca. 4.700 €)

Englisch sprachige Reiseleitung:

Weitere Informationen:

  • Reisemagazin „Mit Yak und Pack durch den Pamir. Unterwegs in Tadschikistan“, www.mit-yak-und-pack.de
  • Reiseführer „Tadschikistan“, Sonja Bill und Dagmar Schreiber, Trescher Verlag 2016

Fotos: Mechthild Freitag

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