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Wien: Stadtrundgang auf Gustav Klimts Spuren

Wer sich für Kunst begeistert, muss in diesem Sommer nach Wien reisen. Österreichs Hauptstadt gedenkt mit zahlreichen hervorragenden Ausstellungen dem 150. Geburtstag ihres großen Künstlers, Jugendstilmalers und Lebemannes Gustav Klimt. Ein Streifzug durch die Stadt im Vor-Klimt-Fieber.

Wiener Museum Secession, Heimat des Beethovenfries von Gustav Klimt. Foto: Wien-Tourismus, Manfred Horvath

Wiener Museum Secession, Heimat des Beethovenfries von Gustav Klimt. Foto: Wien-Tourismus, Manfred Horvath

Das traf die Wiener Kunstfans Anfang Juli 2006 tief ins Herz und der Zeitungsboulevard titelte: „Adele, ade!“ In langen Schlangen verabschiedeten sich die Wiener im Belvedere-Museum von ihrer „Goldenen Adele“ – einem der bedeutendsten Gemälde Gustav Klimts. Wie andere von den Nazis geraubte Bilder ging es nach langem Rechtsstreit an die Erben zurück und wurde dann für spektakuläre 135 Millionen Dollar nach New York verkauft. Damals das teuerste Gemälde der Welt. Klimt, bei Honoraren nie zimperlich, hätte sich über den Preis gefreut und mit seinem geliebten Schampus darauf angestoßen!

 So viel Klimt gab es noch nie!

Am 14. Juli jährt sich der Geburtstag des Jugendstilmalers zum 150. Mal. Anlass für seine Heimatstadt Wien, dieses Malergenie 2012 mit rund einem Dutzend Ausstellungen vehement zu feiern. Ein wahres Feuerwerk: so viel Klimt gab es noch nie – 800 Werke insgesamt! Der Klimt-Hype ist bestes Tourismus-Marketing, aber von der Sonderklasse.
Wer mit Fremdenführerin Alexandra durch Wien streift, erfährt einiges über das Umfeld, in dem Klimt zum Wegbereiter der Moderne wurde. Nicht ohne Stolz betont sie: „Unsere Stadt war 1910 mit zwei Millionen Einwohnern die fünftgrößte der Welt und in Mitteleuropa unbestritten das kulturelle Zentrum.“ Mittendrin: Klimt – einer der gefragtesten Künstler, aber auch umstritten.

Im Wien um 1900 rissen sich die Damen des Großbürgertums um ein Porträt des Künstlers; Foto: Gustav Klimt- Judith I, 1901 ©Belvedere, Wien

Im Wien um 1900 rissen sich die Damen des Großbürgertums um ein Porträt des Künstlers; Foto: Gustav Klimt- Judith I, 1901 ©Belvedere, Wien

Schon in jungen Jahren war Klimt ein begehrter und teurer Maler. Vor allem die Damen aus dem neuen Großbürgertum, das durch die rasche Industrialisierung zu Geld gekommen war, rissen sich um ein Porträt von dem Künstler. Seine Frauenbildnisse nach 1900 wurden weltberühmt. Schmunzelnd dazu Alexandra: „Doch so manche der Porträtierten scheint ihm nicht nur Modell gestanden zu haben.“ Klimt hatte den Ruf eines Lebemanns. Frauen, gutes Essen und Alkohol gehörten dazu. Der Wiener Klatsch mutmaßte, der Künstler selbst kenne nicht so genau die Zahl seiner illegitimen Kinder … Dennoch: Nie lebte er in einer eigenen Wohnung, stets bei seiner Mutter und den beiden Schwestern. Zuletzt in der Westbahnstraße 36/III im 7. Bezirk.

Das Porträt eines Lebemenschen

Erstaunlich, wie klar Klimt seinen Tagesablauf strukturiert hat: Er steht zeitig auf. Nach Morgengymnastik und reichlichem Frühstück malt er ohne Pause oft den ganzen Tag. Abends dann Cafés und Wirtshäuser, Theater und rauschende Feste. Unter dem Titel „Klimt persönlich“ bietet das Leopold Museum private Einblicke: Neben Gemälden, persönlichen Gegenständen und Fotografien sind es zahlreiche Postkarten, die sich als langes Band durch die Ausstellung schlängeln. Die meisten gingen an seinen „Lebensmensch“, die erfolgreiche, attraktive Modedesignerin Emilie Flöge – an manchen Tagen gleich mehrere! In schwungvoll unruhiger Handschrift berichtet er meist im Telegrammstil, auch Zärtliches: „Habe lebhaftest an Dich gedacht.“ Hatten die beiden ein intimes Verhältnis? Man weiß es nicht.

Gustav Klimt- Halbbildnis einer Dame in Schwarz mit Federhut, 1907-08 ©Albertina, Wien_

Gustav Klimt- Halbbildnis einer Dame in Schwarz mit Federhut, 1907-08 ©Albertina, Wien_

Ob Klimt bei seinen nächtlichen Streifzügen auch in der schon damals bekannten American Bar nahe der Kärntner Straße gelandet ist, bleibt offen. Vor Ort befragt, antwortet der bulgarische Barkeeper Melen grinsend: „Ich kann mich an seinen Besuch nicht mehr erinnern!“ Zeitlich hätte es gepasst. 1908 hat der bedeutende Pionier-Architekt Adolf Loos diese richtungsweisende Innenausstattung geschaffen. Mit edlen Materialien in klaren Linien: Marmor, Onyx, Messing und Mahagoni. Parallele Spiegel reflektieren die Kassettendecke und vergrößern so die nur 27 qm kleine Kult-Lokalität.  Original erhalten steht die „Loos Bar“ unter Denkmalschutz. Im schummrigen Halbdunkel werden erstklassige Cocktails serviert. Spät abends ist es immer bombenvoll.

Weltweit größter Bestand an Klimt-Zeichnungen

Gustav Klimt- Nuda Veritas, 1899 ©KHM, Österreichisches Theatermuseum

Gustav Klimt- Nuda Veritas, 1899 ©KHM, Österreichisches Theatermuseum

Auch wenn sie ein Leben lang eng befreundet waren: Klimt hat seine Emilie nur selten gemalt. Das letzte Mal 1902, in Lebensgröße, schlank mit dunklem Lockenkopf und blau-goldenem Ornament-Kleid. Dieses Bild des Wien Museums ist das Highlight in der Klimt-Ausstellung im Sommer. Wie die Vizedirektorin Ursula Storch erklärt, hat ihr Haus mit rund 400 Blättern den weltweit größten Bestand an Klimt-Zeichnungen. „Jetzt zeigen wir sie alle, auch die Schmierblätter, die Klimt nie als Kunstwerke angesehen hätte.“ Diese Skizzen seien auf billigem, stark holzhaltigem Papier entstanden, das bei Licht nachdunkle. „Doch auch diese Blätter erzielen heute Preise nicht unter 10.000, teilweise über 100.000 Euro.“ Klimt hätte sich gewundert!

Noch ein Museum buhlt um Aufmerksamkeit für Klimt-Zeichnungen. Die Albertina mit ihrer weltberühmten grafischen Sammlung macht auch an dem Ausstellungsreigen mit. Sie zeigt 170 Blätter aus eigenem Bestand, vor allem Figurenstudien, die das einzigartige zeichnerische Talent Klimts verdeutlichen. Alle Arbeitsphasen des Künstlers lassen sich hier hervorragend verfolgen.

Eine Pause im Wiener Kaffeehaus

Zwischen den Ausstellungsbesuchen bietet sich eine Pause in einem Kaffeehaus an. Auch da könnte man den Klimt im Auge behalten. Im Café Griensteidl am Michaelerplatz neben der Hofburg hängen im hinteren Bereich zwei große Klimt-Reproduktionen in Gobelin-Stickerei: der „Kuss“ und die „Goldene Adele“. Wohl kein Zufall. Denn im alten Griensteidl – inzwischen ein Neubau – gründeten im April 1897 eine Reihe rebellischer Künstler mit ihrem Präsidenten Gustav Klimt die Künstlergenossenschaft Secession. Sie wandte sich gegen die extrem konservativen Kollegen vom Künstlerhaus.

Spektakuläres Kunstwerk: Der Kuss (Liebespaar), 1907-1908 ©Belvedere, Wien

Spektakuläres Kunstwerk: Der Kuss (Liebespaar), 1907-1908 ©Belvedere, Wien

Schon eineinhalb Jahre später hatten die Secessionisten ihr neues von Mäzenen finanziertes Ausstellungsgebäude in der Nähe  des Karlsplatzes fertiggestellt: ein prachtvolles Werk des Wiener Jugendstils. Weithin leuchtet die auf dem weißen Kubus thronende Kuppel, bestehend aus 3.000 vergoldeten Lorbeerblättern. Auch heute noch finden hier zeitgenössische Kunstausstellungen statt. Doch der besondere Anziehungspunkt bleibt der berühmte Beethovenfries von Gustav Klimt. 1902 gestaltete er diese monumentale Allegorie als 34 Meter langes Erzählband mit stilisierten Figuren in schimmernden Gold-Ornamenten. Nach Ausstellungsende abgetragen kehrte es erst vor gut 25 Jahren als Dauerleihgabe des Belvedere an seinen Entstehungsort zurück.

Wer Klimts einziges Selbstporträt sehen will, muss ins Burgtheater

Gut 16 Jahre vorher hatte Klimt als junger Künstler zusammen mit Kollegen – sie nannten sich „Maler-Compagnie“ – einen Auftrag am neu erbauten Burgtheater bekommen: die Deckengemälde über den beiden Feststiegen. Kaiser Franz Josef war davon so angetan, dass er ihnen das Goldene Verdienstkreuz verlieh. Ein Zufall hat Einblick in die Entstehung der Bilder gebracht. Ende der 1990er Jahre fand sich auf dem Dachboden des Burgtheaters eine Rolle mit sog. „Kartons“: die Original-Entwurf-Zeichnungen für die Deckenbilder; dabei auch das einzige Selbstporträt Klimts. Seit der Restaurierung bleiben die Zeichnungen in einem eigenen Klimt-Raum im 2. Rang ausgestellt. Sie sind bei Führungen und während des Theaterbesuchs am Abend zugänglich.

Die Maler-Compagnie hatte sich einen guten Namen gemacht. So erhielt sie 1890 einen ähnlichen Staatsauftrag: im neuen Kunsthistorischen Museum in der Eingangshalle einen Bildzyklus zwischen die Bögen und Säulen zu setzen. Die Zwickelbilder liegen 12 Meter über dem Betrachter. Erstmals ist es möglich, Klimts Gemälde aus der Nähe anzuschauen. Dazu ist eine begehbare Brücke über die ganze Breite des Treppenhauses gespannt. Eine Sonderausstellung informiert über die Entstehungsgeschichte dieses Zyklus. Zudem spannt sie den Bogen von den Bildern im Burgtheater bis hin zur „Goldenen Periode“, deren berühmtestes Kunstwerk „Der Kuss“ ist.

„Der Kuss“ – weltweit als Dekor beliebt

Gustav-Klimt-Beethovenfries-Detail-1901_02-Diesen-Kuss-der-ganzen-Welt-Langwand-rechts-©Belvedere-WienLeihgabe-in-der-Secession-Wien

Klimt hat sich immer in Schweigen gehüllt bei der Frage, ob er in diesem Gemälde sich selbst und Emilie Flöge dargestellt hat. Das Bild, das Millionen Menschen kennen als Dekor-Element auf Halstüchern, Etuis und Schlüsselanhängern, hat trotz der Vermarktung nichts von seiner Faszination verloren. Im Belvedere, das weltweit die größte Sammlung von Klimt-Gemälden besitzt, ist das in schimmerndes Blattgold eingebettete Liebespaar eines der Highlights der Sonderpräsentati-on „150 Jahre Klimt“.

Mit diesem fast 2 Meter im Quadrat messenden Kunstwerk beendet Gustav Klimt – übrigens Sohn eines Goldgraveurs – 1908 seine „Goldene Periode“. Sie hat seinen Weltruhm begründet. Das Belvedere bietet in diesem Zusammenhang ein originelles zweistündiges Paket an: Kunstführung mit anschließendem Vergolder-Workshop. Dabei lernt man, einen Holzrahmen mit Blattgold zu veredeln und ganz im Jugendstil mit Halbedelsteinen, Perlmutt und Glasdekor zu verzieren. Ein niveauvolles Klimt-Souvenir!

Nützliche Informationen:
Alle Klimt-Aktivitäten bei www.klimt2012.info. Info: info@wien.info. Die zahlreichen Sonderausstellungen sind zeitlich gestaffelt über das ganze Jahr.

Belvedere: „150 Jahre Gustav Klimt“ 12. 7. 2012 – 6. 1. 2013. Vergolder-Workshop (+ Führung) nur nach Anmeldung. Tel. 00431 79557 134  oder public@belvedere.at , Dauer 2 Stunden, € 29,- incl. Ausstellungsticket.

Leopold Museum: „Klimt persönlich. Bilder – Briefe – Einblicke“ 24.2. – 27.8.12.

Wien Museum: KLIMT. Die Sammlung des Wien Museums 16.5. – 16. 9. 2012.

Secession: Di – So 10 – 18 Uhr. Ausstellungen und Beethovenfries € 8,50.

Burgtheater: Klimt-Entwürfe kostenlos zugänglich während des Theaterbesuchs sowie bei speziellen Führungen Fr. – So. 14 Uhr, ohne Anmeldung (€ 5,50).

Loos American Bar: Kärntner Durchgang 10, geöffnet bis 4 Uhr.

Café Griensteidl: Michaelerplatz 2, geöffnet täglich von 8 – 23.30.

Raushier-Reisemagazin

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