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Ölsuche vor Kanaren: „Spanien kann sich Nein nicht leisten“

Lange Sandstrände, türkisblaues Wasser, surfbare Wellen, unendliche Weite beim Blick gen Horizont. Dieses Panorama vor Fuerteventura und Lanzarote, das tausende Touristen anzieht und den Einheimischen zum Großteil ihre Existenz sichert, wird bald durch Flecken am Horizont ergänzt.

Ist das Paradies bedroht? Bald könnte vor den Kanaren nach Öl gebohrt werden.

Ist das Paradies bedroht? Bald könnte vor den Kanaren nach Öl gebohrt werden.

Nach jahrelangem Hin- und Her, nicht abreißenden Protesten und immer neuen Vorstößen der Industrie hat die spanische Regierung jetzt ihr Okay gegeben: der Ölkonzern Repsol darf gemeinsam mit dem deutschen Energiekonzern RWE (20 Prozent) und der australischen Firma Woodside (30 Prozent) drei Probebohrungen 50 Kilometer von den Ostküsten Fuerteventuras und Lanzarotes durchführen. „Spanien kann es sich nicht leisten, ‚nein‘ zu sagen“, war sich Águeda Montelongo, Präsidentin der Volkspartei (Partido Popular) Fuerteventura, schon bei einem Interview vor einem Jahr sicher – und hat recht behalten.

Seit 2001 werden die Atlantikgewässer untersucht, Genehmigungen erteilt, wieder entzogen und dann erneut gegeben. 2004 urteilte der oberste Gerichtshof, dass die Umwelteinschätzungen durch Repsol nach spanischem und europäischem Recht nicht vorschriftsgemäß sind, die Erlaubnis zu weiteren Untersuchungen wurde daraufhin entzogen. Erst nach dem Regierungswechsel 2011 und der Rückkehr der Volkspartei an die Spitze, wurden im März 2012 die Untersuchungen ohne Berücksichtigung der Proteste der Inselräte Fuerteventuras und Lanzarotes und der kanarischen Regierung in Madrid genehmigt. Die Proteste wurden immer lauter und dennoch beginnt nun wahrscheinlich schon im November die Suche nach dem schwarzen Gold.

Águeda Montelongo.

Águeda Montelongo.

Die Umweltjournalistin Sofía Menéndez, die viele Protestaktionen unterstützt und leitet, fürchtet weitreichende Folgen dieser Entscheidung: „Wir leben vom Tourismus – keiner möchte an einen Ort mit einer tickenden Zeitbombe fahren“, erklärt sie und ist sich sicher, dass die Kanaren von möglichen Gewinnen nichts haben werden, „da die beteiligten Konzerne multinational sind“. Eine Sorge, die die Befürworter der Bohrungen, vornehmlich Mitglieder der Volkspartei, nicht teilen. Águeda Montelongo sieht in den Bohrungen eine Chance: „35 Prozent der Gewinne müssen im eigenen Land versteuert werden, außerdem können die Bohrungen Arbeitsplätze schaffen“. Auch Repsol verspricht diese Arbeitsplätze, aber erst im Falle eines erfolgreichen Ölfundes. Auf der Internetseite ist die Rede von „vermutlich 3000 bis 5000 möglichen Arbeitsplätzen“ – ob diese Spezialisten und Fachkräfte von den Inseln kommen sollen, steht dort allerdings nicht.

„Marokko ist der beste Beweis dafür, dass diese Debatte politisiert wurde“, erklärt Águeda Montelongo weiter. „Vor Marokko wurden Bohrungen bereits genehmigt – im Falle eines Unfalls käme das Öl durch die Strömungen genauso an unsere Küsten“. Eine Argumentation, die Sofía Menéndez als „Weltbürgerin“ nicht nachvollziehen kann: „Wir können nicht weiterhin Öl verbrennen, es ist ein Teufelskreis, der den Klimawandel noch weiter vorantreibt“, erzählt die Umweltjournalistin. Doch nicht nur als Weltbürgerin, sondern speziell auch als Inselbewohnerin sorgt sie sich, da das Trinkwasser für die Kanaren aus dem Meer kommt – „die Entsalzungsanlagen gehen durch Öl kaputt“.

Strand El Castillo.

Strand El Castillo.

„Kleine Mengen Öl gehen immer verloren und verschmutzen den Ozean“, bestätigt Vidal Martín, der die Artenvielfalt durch die Probebohrungen gefährdet sieht. Er ist Präsident der Gesellschaft für Studien der Meeressäugetiere der Kanarischen Inseln (SECAC) und konnte als erste Forscher überhaupt mit seinem Team beweisen, dass die Lärmbelästigung durch Sonden und Bohrungen im Wasser bis zum Tod von Meeressäugern führen kann. „Die Tiere verwechseln die Töne mit Kommunikationslauten, verlieren den Orientierungssinn und verhungern oder tauchen zu schnell auf, was zu einer Embolie führen kann“. 28 der 30 vorkommenden Arten des Gebiets leben vor den Küsten Lanzarotes und Fuerteventuras.

Fayna Socorro, Chemieingenieurin und Mitglied der Volkspartei, findet die Proteste zum jetzigen Zeitpunkt unangemessen. Denn es sei möglich, dass das Rohöl gar nicht brauchbar ist. Ein zu hoher Salzgehalt zum Beispiel könne das Geschäft unrentabel machen.

„Wir leben in einem Plastikzeitalter“, erklärt die junge Frau, die die Kanarischen Inseln vor zwei Jahren verlassen hat und nun in einer Kunststofffabrik in Madrid arbeitet und auch Repsol nahe steht. „Öl ist grundlegend für die Herstellung von Plastik.“ Sie regt sich vor allem über die Doppelmoral auf: „Asphalt, Benzin, aber auch Neoprenanzüge, Surfbretter, Fahrräder… alles basiert auf Öl. Viele der Gegner fahren Geländewagen, die einen unglaublich hohen Verbrauch haben.“ Auch Sofía Menéndez fährt einen klapprigen Jeep. Sie sagt von sich selbst, dass sie nur einmal pro Woche in die Inselhauptstadt fährt – „man muss Vorbild sein“.

Doch die Debatte um das Rohöl vor den Kanarischen Inseln hat auch international für Reaktionen gesorgt. Bereits 2002 gab es besorgte Regungen der International Federation of Tour Operators, die sich 2012 zusammen mit der Association of British Travel Agents erneut zu Wort meldete. In den Briefen drücken sie ihre Besorgnis um die Auswirkungen auf Tourismus und Umwelt aus. Der Deutsche ReiseVerband hingegen entschuldigt sich nach einem Treffen mit Befürwortern im Januar 2013 in Berlin für die Wortwahl eines Briefes aus 2012 und weist auf die Unterschätzung der „politischen Konsequenzen“ hin.

Wohl auch, um Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, hat die spanische Regierung ihre Genehmigung an Auflagen geknüpft. So müssen die Bohrungen bei dem Ausbruch eines Erdbebens im Umkreis von 75 Kilometern mit der Stärke 4,5 oder höher sofort abgebrochen werden. Außerdem muss Repsol 60 Millionen Euro als Sicherheit zur eventuellen Schadensbegrenzung aufbringen und braucht im Falle eines Fundes rentabler Ölfelder eine neue Genehmigung, um mit der dauerhaften Förderung beginnen zu dürfen.

Doch trotz aller Bedingungen steht die nächste Welle des Protestes schon bevor: die kanarische Regierung will die Probebohrungen jetzt durch eine einstweilige Verfügung unterbinden.

Fotos: Raja Kraus

Raushier-Reisemagazin

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