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Tango auf der Plaza

Blechern tönt die Stimme von Carlos Gardel aus dem Trichter eines alten Grammophons. Ein etwa 70-jähriges Paar dreht sich fidel zu den Liedern des argentinischen Tango-Stars auf der Plaza Dorrego im Stadtviertel San Telmo von Buenos Aires. Seine Lieder sind so emotional wie Argentinien selbst.

Von verschmähter Liebe, von Leidenschaft und natürlich von der Melancholie, die am Rio de la Plata so gerne gepflegt wird, erzählt der 1935 bei einem Flugzeugunglück verstorbene Sänger.

Vom Studenten bis zur Senorita

Tango unter freiem Himmel: Manchmal schleppen junge Leute ein Klavier auf den Bürgersteig und geben ein Freiluftkonzert. Foto: Clara Grau

Tango unter freiem Himmel: Manchmal schleppen junge Leute ein Klavier auf den Bürgersteig und geben ein Freiluftkonzert. Foto: Clara Grau

Immer sonntags verwandelt sich der sonst von Handwerkern und Künstlern geprägte Stadtteil San Telmo in einen Treffpunkt von Tangofans und Nostalgikern. Nicht nur Senioren treffen sich unter den großen Bäumen des Platzes zum Tanz. Meist sind es Studenten, die ihr Taschengeld mit den Straßenauftritten etwas aufbessern.

Mit ihrer Choreografie und typischen Tangokostümen ziehen zum Beispiel Maria Sanchez Sabalain und Mariano Vianello die Besucher in ihren Bann. Ein schmal geschnittener Anzug und eine ordentliche Portion Pomade in den Haaren verwandeln Mariano in einen Dandy. Maria trägt Netzstrümpfe und hochhackige Tanzschuhe mit Strassbesatz zum hochgeschlitzten Kleid. “Wir studieren an einer Tanzakademie und hoffen, ein festes Engagement in einer Tangoshow zu bekommen“, erzählt die zierliche 24-Jährige. “Bis dahin“, lacht sie und reicht einen Hut unter ihrem Publikum herum, “muss das hier reichen“.

Es ist immer was los

Casa Rosada - der Präsidentenpalast an der Plaza de Mayo. Foto: Kathrin Schierl

Casa Rosada – der Präsidentenpalast an der Plaza de Mayo. Foto: Kathrin Schierl

Auch wenn die Tangopaare an der Plaza Dorrego die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, lohnt sich ein Blick in die Gassen rundherum. Hier zeigen Musiker und Gaukler ihr Können, Kunsthandwerker bieten Schmuck und Lederwaren an. Eine Gruppe junger Leute hat ein Klavier auf die Straße geschleppt, einen Bass und ein Schlagzeug aufgebaut und gibt bekannte argentinische Lieder zum Besten. Einige Meter weiter erzählt ein Puppenspieler mit seiner liebevoll gestalteten Marionette vom Leben der einfachen Leute in der argentinischen Hauptstadt.

Ein Land mit großen Problemen

Arbeitslosigkeit, Armut und Verelendung sind in dem einst so wohlhabenden Staat seit der Wirtschaftskrise, die 2001 ihren Höhepunkt erreichte, überall im Land ein großes Problem. Aus Mangel an “platt“, wie die Argentinier ihr Geld nennen, leeren die Hauptstadtbewohner ihre Speicher und Keller. Auf dem Flohmarkt der Plaza Dorrego wird am Sonntag alles verkauft, was nicht niet- und nagelfest ist. “Wenn eine Autoreparatur nötig wird, muss man sich von Familienerbstücken trennen“, sagt eine Verkäuferin mit Wehmut in der Stimme. Auch in den zahlreichen Antiquitätenläden des Viertels wird gerne gestöbert: Hier bieten die Händler hochwertige Möbel und Bilder aus Zeiten an, in denen es noch hieß: Reich sein wie ein Argentinier.

Auf der Plaza Dorrego erliegen auch Ältere dem Tanztrieb. Foto: Clara Grau

Auf der Plaza Dorrego erliegen auch Ältere dem Tanztrieb. Foto: Clara Grau

Ein Museumsviertel ist San Telmo trotz seines sonntäglichen Musik- und Warenangebots dennoch nicht. Künstler, Intellektuelle und Studenten haben sich entlang der Straßen Balcarce, Defensa und Bolivar niedergelassen und eine lebendige Szene etabliert. In kleinen Boutiquen präsentieren die Modeschöpfer ihre neuesten Kollektionen. Geschäfte und Galerien werben mit Einfallsreichtum um Kundschaft. So wird ein Balkon im Hochparterre oder ein Innenhof zum Schaufenster umgestaltet.

Die Düfte aus den „Parillas“ locken

Charakteristisch für die Gastronomie in San Telmo sind die traditionellen Grillrestaurants, die in Argentinien “Parillas” heißen. Von Mittag bis tief in die Nacht lockt der Duft von Holzkohlengrills. Rund um die zentrale Plaza Dorrego wird neben den berühmten argentinischen Rindersteaks oftmals eine Tangoshow mitserviert. Wer es weniger touristisch mag, findet überall in San Telmo auch einfache Parillas.

Einiges erinnert an Europa

Tango im Blut. Foto: Kathrin Schierl

Tango im Blut. Foto: Kathrin Schierl

Paris, Madrid, London: Im Zentrum von Buenos Aires erinnern einzelne Straßenzüge, manchmal auch ganze Viertel, an europäische Metropolen. Im klassischen Einwandererland Argentinien spiegelt sich die Herkunft der Bewohner nicht nur im reichhaltigen kulturellen Leben, sondern auch in der Architektur und dem Flair auf den Straßen wider. Kaum ein Viertel gleicht in der Hauptstadt dem anderen – jeder “barrio“, so nennt man hier die Stadtbezirke, pflegt seine Mentalität und ist stolz auf seine Geschichte.

„Sehen und gesehen werden“

Zum Beispiel Recoleta: “Sehen und gesehen werden” heißt das Motto in diesem eleganten Bezirk. Ob in den edlen Boutiquen, den Schönheitssalons oder traditionsreichen Restaurants oder Kaffeehäusern, wie dem La Biela am Ende der Avenida Quintana – Recoleta ist der Laufsteg der Stadt. Ebenso prächtig wie die Häuser des Viertels muten die Familiengruften auf dem Friedhof an der Plaza Alevar an. Jenseits der Avenida Libertador befinden sich Botschaftsvillen und die beiden wichtigsten Kunstsammlungen: das Museo Nacional de Bellas Artes und das Mueso de Arte Latinoamericano de Buenos Aires (MALBA).

Wochenend-Idyll Tigre

Im Tigre-Delta. Foto: Kathrin Schierl

Im Tigre-Delta. Foto: Kathrin Schierl

Oder Tigre: Auf Inseln und meist nur über Kanäle erreichbar, haben sich die Hauptstadtbewohner hier eine Wochenend-Idylle aufgebaut. Individualisten und Kunsthandwerker wohnen das ganze Jahr hier und bestücken den kleinen Markt auf dem Festland. Statt der großen Ausflugsschiffe sollte man sich privat einen Kapitän anheuern. Nur mit dem Motorboot erreicht man die schönsten Winkel. Von Buenos Aires aus nimmt man am besten den „Tren de la Costa“, der gemütlich durch die Villenvororte zuckelt.

Buenos Aires ist ein Ganzjahres-Reiseziel. Die Lufthansa fliegt direkt ab Frankfurt/Main, andere Airlines bieten günstige Flüge mit Zwischenstopps an. In Buenos Aires gibt es eine Vielzahl von Hotels aller Kategorien und Preisklassen. – Informationen in deutscher Sprache im Internet: www.argentinien.com, www.tageblatt.com.ar.

Raushier-Reisemagazin

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