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Kein Land für Zimperliche

Jetzt voller Frühlingssehnsucht nach Norwegen zu fahren ist in etwa so absurd, wie bei einer Hitzewelle in der Sauna zu sitzen. Aber genau das blüht (die Sehnsucht nach dem Frühling kommt dann doch irgendwie durch) jenen Journalisten, die das Sonderbare suchen. Nun denn.

Vorsicht, querende Elche. Hinweisschilder dieser Art gehören in Norwegen zum Alltag im Straßenverkehr.

Vorsicht, querende Elche. Hinweisschilder dieser Art gehören in Norwegen zum Alltag im Straßenverkehr.

In Norwegen anzukommen, genauer, in Oslo, hat etwas romantisch-hinterwäldlerisches: Man fliegt über Wälder und eingestreute Häuschen, kommt tiefer und tiefer, näher und näher, und noch immer kein Anzeichen von Vorstädten, dichter werdender Besiedlung, Industrieanlagen gar oder Autobahnkreuzen: nichts, außer Wald und Wald und wieder Wald. Jetzt gerade (und viele Monate des Jahres) verschneiter Wald. Und dazwischen weiße Bänder und Flecken: zugefrorene Flüsse und Seen.

Oslo: Überschaubar und nett

Ist man gelandet, ist die Welt wieder in Ordnung. Der Flughafen präsentiert sich wie viele andere auch, die Stadt am Fjord, einst Christiania genannt, ist überschaubar und nett. Allzu viele Schlösser und Stadtpalais gibt es halt nicht, Bauten aus Holz, dem bis heute beliebtesten Baustoff (man hat ja auch genug davon, wie schon der Anflug bewiesen hat) halten eben nicht ewig und brennen auch gerne ab. Den Königspalast gibt es schon, und auch das Rathaus mit seinem Friedensnobelpreis-Saal, und das Amundsen-Schiff und das Thor-Hayerdal-Museum und Wikinger-Begräbnisschiffe und die neue Oper aus Carrara-Marmor, die aussieht, als würden Eisschollen ins Wasser rutschen (ist auch so gemeint). Und natürlich die Sprungschanzen am Holmenkollen.

Spießzapfenlauf

Selbst in der Innenstadt pflegt der Norweger seine Sportlichkeit und stählernen Nerven: Bis spät in den März hinein, manchmal auch länger, spaziert man seelenruhig unter überall von den Vordächern wie Vampirzähne herabhängenden Eiszapfen, die auch immer wieder klirrend zu Boden fallen. Aufgestellte Warnschilder müssen genügen, wer sich ein Loch im Kopf holt, ist selbst Schuld, wer gerade daran vorbeischrammt lacht fröhlich.

Zwischen einem Wolfsmantel für 2000 Euro und der norwegischen Flagge - Norweger sind geschäftstüchtig und heimatverbunden.

Zwischen einem Wolfsmantel für 2000 Euro und der norwegischen Flagge - Norweger sind geschäftstüchtig und heimatverbunden.

Auch wenn Oslo zwei Drittel seiner Stadtfläche, und das sind immerhin 454 Quadratkilometer, nicht bebaut, sondern für Langlaufen, Wandern, Rodeln und Skifahren reserviert, fühlt sich der Einheimische bedrängt und sehnt sich nach noch mehr Platz und noch mehr Ruhe: Fast jeder hier hat ein Wochenendhaus, in das er sich mit seiner Familie vom „Trubel“ zurückzieht, so oft er kann, möglichst weit weg vom nächsten Nachbarn.

Kaum Arbeitslosigkeit

Vielleicht geht es den Norwegern deshalb wirtschaftlich so gut, vielleicht gibt es deshalb hier kaum Arbeitslosigkeit („Wer in Oslo keine Arbeit findet, der will keine“, Zitat eines Osloers), vielleicht ist deshalb die Finanzkrise spurlos an diesem Wikingerland vorübergegangen? Weil es nicht viel Sinn macht, mit viel Geld und Macht zu protzen, wenn es keiner sieht?

Mit einem schlittenähnlichen Gefährt, dem Spark, begeben sich die Einheimischen zum Einkaufen.

Mit einem schlittenähnlichen Gefährt, dem Spark, begeben sich die Einheimischen zum Einkaufen.

Dass es den Menschen hier gut geht, ist auf den Gesichtern nicht wirklich abzulesen. Man schaut eher grimmig, lächelt selten, rempelt sich durch Eingänge (Ausnahmen bestätigen die Regel). Was überhaupt nicht stimmt, wenn es um Kinder geht, dann leuchtet das Gesicht des Nordländers auf. Norweger lieben Kinder, offenbar ausnahmslos, jeder möchte mindestens zwei, und wenn man keine haben kann, dann adoptiert man sie, meist aus asiatischen oder pazifischen Ländern. Kinder dürfen alles. Was niemanden stört, wenn sie in Wochenendhäusern „en famille“ toben. Was aber ziemlich laut und manchmal schwer erträglich wird, wenn man in Hotels absteigt, vor allem in Ferienhotels.

Meine Erfahrung beruht hier allerdings nur auf einem einzigen Hotel, dem Radisson Blu in Trysil, einem Alpin-Skizentrum Skandinaviens, etwa drei Stunden nördlich von Oslo. Aber man hat mir versichert, so sei es allüberall.

Trysil: Skifahren auf 1300 Metern

Trysil: Ein Berg von 1132 Metern Höhe, mit vielen netten Waldabfahrten, mit langen, beim hier oft herrschenden Tiefkühlwetter nicht-enden-wollend-langen Tellerliften und sogar ein neuer Bubble-Lift mit Windschutzhaube – ein Zugeständnis an resteuropäische Weicheier. Und mit viel Kinderausstattung und Kinderprogramm, ganz zugeschnitten auf die Smottene, verschiedene Märchenfiguren, die sich im Schnee und im Wald herumtreiben.

Rund um den Berg und soweit das Auge reicht (und es reicht bei gutem Wetter sehr weit in Richtung Schweden) ist der Wald gespickt mit Ferienhäusern, die alle so angelegt sind, dass man zu jedem zufahren kann und von jedem auch direkt auf eine Piste kommt: Eine logistische Meisterleistung. Da wohnen dann die Wochenendhausbesitzer, wenn sie statt beim Meer lieber am Berg familienkuscheln.

Auch Schlittenhunde brauchen ab und zu mal eine Pause.

Auch Schlittenhunde brauchen ab und zu mal eine Pause.

Die anderen, die „geselligeren“, die wohnen im einzigen Pistenhotel dieses Skigebietes: viel Holz, viel Platz (das mögen die Norweger). Allerdings nicht im Pool: dort drängt man sich durch kreischende Kinder und brüllende Eltern und hat Glück, wenn sich ein junger Klettermaxe von der Kletterwand Tarzan-artig ins Wasser und nicht gerade auf einen fallen lässt. Wo bleibt da die Berührungsangst der Norweger, die hier äußerst willkommen wäre? Ein nordisches Rätsel.

Nicht mit meinem Badeanzug!

Wellnessbereich? Die Enttäuschung war groß, noch dazu in einem Land, wo man doch lange Saunatradition erwartet (ich zumindest).  Hier werden die Norweger sehr wohl zimperlich: Man darf nur MIT BADEANZUG in die Sauna!

Also betätigt man sich lieber anderweitig. Unzimperlicher. Wie mit holprigen Hundeschlittenfahrten, zittrigem Biathlon, Geduld erprobendem Eisfischen oder Pferdeschlittenfahrten durch verschneite Märchenwälder zu einem Lappenzelt mit aufwärmendem Elchragout. Der Wind bläst kalt, es ist recht urig, man hüllt sich in Rentierfelle und denkt an den Polarforscher Amundsen, der das ja auch überlebt hat (und besser nicht an Sir Walter Scott).

Allerlei Altes gibt’s in Trysil, natürlich im Antik-Laden.

Allerlei Altes gibt’s in Trysil, natürlich im Antik-Laden.

“Early Morning Skiing“

Oder man wagt „Early Morning Skiing“, eine kanadischen Idee, die mich zuerst einmal an den Kopf tippen ließ: Man steht bereits um 7 Uhr früh beim Lift, um als erster auf dem Berg zu sein, und fährt mit 99 anderen Wahnsinnigen (mehr werden nicht zugelassen) die jungfräulichen Pisten ab. Dazwischen gibt’s ein kurzes Frühstück. Nun ja, als Journalist muss man alles ausprobieren, und – es war fantastisch.

Ein Trysil-Ortsbummel erschöpft sich im Auf- und Abgehen auf der Hauptstraße mit Einkaufszentrum, vor dem ausgestopfte Tiere verkauft werden und wo Hausfrauen mit seltsamen Schiebeschlitten namens „Spark“, einer norwegischen Erfindung (Schweden werden da widersprechen), ihre Lachsseiten oder Elchstelzen (Trysil ist übrigens ein Elch-Eldorado mit wilden Elchjagden aller Trysiler im Herbst) oder Rentierwürste nach Hause rodeln. Im Antikladen gibt’s Wolfsmäntel im Sonderangebot (es wird ja schon warm, es hat ja schon fast 10 Grad minus) um 2000 Euro, im Buchladen Norwerger-Krimis von Jo Nesbo nur auf norwegisch, dafür im Supermarkt braunen Norwegerkäse, der leicht süßlich schmeckt und ein bisschen nach zähem Karamelpudding aussieht.
Und im Sommer…

Dose leer, Kerzen aus - Norweger haben fertig.

Dose leer, Kerzen aus - Norweger haben fertig.

Interessant wäre zu beobachten, wie sich diese Gegend weiterentwickelt. Man will ja auch den Sommer zur Saison machen. In den Wäldern versteckt gibt es zwar „Badeseen“, auf die Hinweisschilder (auf denen etwas verunglückt ein verzweifelter (?) Kopf aus den Wellen ragt) an den Hauptstraßen aufmerksam machen – aber das ist wohl wieder nix für Zimperliche, denn mehr als 20 Grad sind auch in heißen Sommern selten.

Vielleicht helfen die Smottene dabei? Oder die Elche? Die Lappen oder die Wikinger? Ein Charakter bleibt zu entwickeln. Ein stimmiger. Zimperlich darf er aber nicht sein.

Fotos: Elisabeth Hewson

Raushier-Reisemagazin

Ein Gedanke zu „Kein Land für Zimperliche

  1. Kinderfreundlich? Da hat wohl jemand die Norweger aber extrem falsch kennen gelernt. Familien sollten Urlaub in Norwegen vermeiden. Sobald nur ein Idiot was falsches behauptet, werden die Kinder gewaltsam von den Eltern weggenommen und zur Adoption frei gegeben. Vonnwegen die kinderlosen Paare adoptieren aus dem Ausland. Eins der faschistischen Länder ist Norwegen.

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