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Raushier-Glosse: Eine Bahnfahrt, die ist lustig…

Kim Jong-Il, der kürzlich verblichene Langzeit-Diktator von Nordkorea, litt unter Flugangst, unter richtig schlimmer Flugangst. Auch wenn er persönlich gern Folterungen und Exekutionen beiwohnte und das seinen Magen nicht übermäßig tangierte – sobald der Flieger an den Start rollte, war sein Heldenmut dahin.

Wenn er in den Sitz gedrückt wurde und sein rotes Imperium unter ihm kleiner und kleiner wurde, da brach Kim der Schweiß aus, speiübel war ihm regelmäßig, ein Graus.

Diktatorendynastie von Pjöngjang: Kim Jong-Il (rechts) hatte eine Vorliebe fürs Bahnfahren. Zusammen mit seinem Vater Kim Il-Sung steht er auch da, als würde er auf den Zug warten. Foto: comradeanatolii

Diktatorendynastie von Pjöngjang: Kim Jong-Il (rechts) hatte eine Vorliebe fürs Bahnfahren. Irgendwie steht er zusammen mit seinem Vater Kim Il-Sung auch da, als würde er auf den Zug warten. Foto: comradeanatolii

Fortan beschloss Kim, nur noch mit dem Zug zu fahren, selbst lange Reise zu seinem Kollegen Putin nach Moskau fanden nur noch auf der Schiene statt, dem Magen und der Laune des Herrschers zum Vorteil gereichend und damit auch seinen Untergebenen. Und weil der nordkoreanische Verkehrsminister ja nie wusste, wann es seinen Chef zu einer Reise gelüstete, stand der Zug samt eigenem Waggon eben für diesen einen einzigen Passagier auch stets bereit. Rund um die Uhr, komplett leer und das damit auch mal jemand anders fahren könnte – undenkbar.

Dass Horst Seehofer unter Flugangst leidet, ist nicht bekannt. Auch das Autofahren scheint ihm passabel zu bekommen. Und eine besondere Affinität zur Eisenbahn hat der bayerische Ministerpräsident bisher auch nicht erkennen lassen. Aber man kann ja nie wissen, werden sich die Verantwortlichen für den Fahrplan des Regionalzugs auf der Strecke von München nach Ingolstadt gesagt haben. Immerhin muss der Regierungschef ja zwischen seinem Zuhause und der Landeshauptstadt ständig hin und her und dann ist da ja noch diese schlimme Staubaustelle auf der A9 bei Neufahrn…

Jedenfalls hält die Bahn im Regionalzug von München nach Ingolstadt konsequent einen Waggon der Ersten Klasse frei. Sicher, da können auch normale Menschen drin fahren – aber wer macht das schon? Den nahezu doppelten Preis bezahlen für eine Fahrtstrecke von einer knappen Dreiviertelstunde? Die Sitze sind nicht bequemer und extra Service wie in der Business Class im Flugzeug gibt es auch nicht. Nicht mal einen Pappbecher mit Orangensaft.

Und auch wenn sich frühmorgens und spätnachmittags die Pendler noch so drängen in den übrigen Waggons, in Trauben bis in die offenen Toilettentüren hinein stehen, gar auf dem Fußboden sitzen, eng und verschwitzt beieinander – die Deutsche Bahn kennt kein Erbarmen. Der Waggon für die Erste Klasse muss sein, auch wenn er regelmäßig leer steht.

Das Abteil bleibt nur ein lockendes Element der Verführung, freie Sitze erkennbar durch die geschlossene Glastür, wenn die Beine immer müder und schwerer werden vom Stehen, derweil der Zug aus irgendeinem der 1001 möglichen Gründe mal wieder Verspätung hat, seit endlosen Minuten haltend auf freier Strecke, und die Einkaufstaschen schneiden schwer ihre Plastikgriffe in die Hände, Gott ist die Luft schlecht hier drin, nur setzen, einen kurzen Moment setzen…

Nein – denn darauf hat der Schaffner nur gewartet! Wie der Blitz eilt er herbei, zeigt hämisch grinsend auf das Schild, dass jenes Abteil dem Normalpreiszahler versagt, verlangt unerbittlich seine 40 Euro Strafgebühr – um dann lockend und lächelnd zu verweisen auf das Angebot eine Monatskarte mit unbegrenztem Zugang zur Ersten Klasse. Und wer weiß, vielleicht steigt ja doch irgendwann einmal sogar Horst Seehofer zu…

Raushier-Reisemagazin

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