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Unterwegs im Nicht-Europa: Streifzug durch Vietnam

Unser Autor Joachim Marzin hat Vietnam besucht – begeistert war er nicht und findet allerlei auszusetzen. Vietnam ist eben anders. Vor allem als Europa.

Saigon bei Nacht: Endlich einmal begehbar, der Fußgängerweg zwischen parkenden Rollern, den Garküchen am Straßenrand und ihren Gästen.

Saigon bei Nacht: Endlich einmal begehbar, der Fußgängerweg zwischen parkenden Rollern, den Garküchen am Straßenrand und ihren Gästen.

Höllenlärm erscheint als eine milde Bezeichnung für das, was den Besucher aus Deutschland in Vietnam erwartet. Saigon – offiziell Ho-Chi-Minh-Stadt -, eine Stadt mit mehreren Millionen Einwohnern im Süden des Landes, oder Hanoi, die Hauptstadt im Norden mit drei Millionen Bewohnern, überbieten sich förmlich mit Geräuschen. Überall und ständig sind die Hondas, Yamahas und Suzukis zu hören und gellende Hupkonzerte begleiten die Motoren. Selbst nachts im Hotelzimmer abseits der Straße findet man nur bedingt Ruhe. Sobald man die Straße betritt, erschlägt einen der Lärm. Wie Schwärme von Hornissen bevölkern Roller die Straßen und der Spaziergänger ist ihnen hilflos ausgesetzt: Auf geordneten Verkehr ist keinerlei Verlass. Überquert man glücklich eine Straße, dann versperren gegenüber Dutzende von Rollern den Fußweg und zum Ausweichen bleibt die gefährliche Fahrbahn. Dass es bei all dem Durcheinander zu keinen Unfällen kommt, grenzt an ein Wunder.

Essen à la Vietnam

Fisch-, Fleisch- und Gemüsemarkt. Auf dem Markt wird das Huhn in kleinste Einzelteile zerlegt und auf geflochtenen Schüsseln in Bodennähe angeboten.

Fisch-, Fleisch- und Gemüsemarkt. Auf dem Markt wird das Huhn in kleinste Einzelteile zerlegt und auf geflochtenen Schüsseln in Bodennähe angeboten.

Zum Lärm und Chaos auf den Straßen gesellen sich die Abgase der Motoren und die Gerüche der Garküchen. Fleisch, Gemüse und Reis werden auf der Höhe der Auspuffrohre am Straßenrand zubereitet und in einer einzigen Blechschlüssel werden die Lebensmittel gewaschen und das Geschirr gespült. Der hygienebewusste und hungrige Europäer ist irritiert und sucht nach einer Stätte zum Essen, wo Stühle kein Kleinkinderformat haben und wo er einigermaßen Schutz vor der Straße hat.

In Vietnam wird gegessen, was läuft – Hunde, Mäuse, Ratten und Schlangen eingeschlossen. Nach der Reisernte sollen wohlgenährte Mäuse besonders beliebt sein. Wie alle anderen Tiere werden auch Hühner in kleinste Stücke zerlegt und jedes Teil wird verwendet. Wenn man, um kein ungewöhnliches Tier auf dem Teller zu haben, auf Englisch Huhn bestellt, erhält man unter Umständen Hühnerknorpel in Fischsauce. Wahrscheinlich ein Problem der Verständigung, denn viele Vietnmesen verstehen kein Englisch, nicken jedoch freundlich, als hätten sie verstanden, und bringen dann irgend etwas.

Ein etwas größerer Verkaufsstand in der Markthalle. Wenn keine Kunden kommen, dann dienen die Waren als Sitz- und Schlafplatz für die Familie und die Mahlzeiten werden hier eingenommen.

Ein etwas größerer Verkaufsstand in der Markthalle. Wenn keine Kunden kommen, dann dienen die Waren als Sitz- und Schlafplatz für die Familie und die Mahlzeiten werden hier eingenommen.

Geht man mehrere Schritte zu Fuß durch Saigon oder Hanoi, spürt man den Staub auf der Haut, nimmt ein Kratzen im Halse wahr und hört fast ununterbrochen aus den Läden, die sich scheinbar endlos aneinander reihen, „Buy something“ oder „You like it?“, wenn der Blick des Flaneurs zufällig auf einen Gegenstand fällt. Das Angebot an Waren ist schier unerschöpflich. Alles, was ein Mensch jemals gebrauchen könnte, wird angeboten. Gerät man in einen der überdachten Märkte, ist der Lärm gedämpfter, dafür bieten die Gänge kaum Platz zum Durchkommen. Die Kojen der Händler sind derart schmal und eng, dass sie auf ihren Waren hocken oder ein Schläfchen darauf halten oder eine Schüssel Pho, Vietnams beliebteste Speise, essen. In den Märkten wird man seltener angesprochen und muss beim Elektronikhändler nachdrücklich nach dem neuen i-Phone fragen, das irgendwie hervorgezaubert und für unglaubliche 80 Dollar angeboten wird. Wie das möglich ist, fragt man sich, probiert es aus. Es funktioniert tatsächlich. Weil die Preise und die Echtheit der massenhaft angebotenen Prada-Schuhe, Gucci-Taschen und Hermes-Tücher einem ebenfalls verdächtig erscheinen, verzichtet man letztlich auf das preisgünstige Markentelefon.

Mit Einbruch der Dunkelheit schließen die Markthallen und nun werden in den angrenzenden Straßen Verkaufsstände und Esslokale ohne Stuhl oder mit Kinderstühlen oder Sitze mit „normalen“ Maßen aufgestellt. Dazwischen kurven immer wieder Roller. Selbst auf Lebensmittelmärkten, wo Fleisch und Fisch ungekühlt und offen auf dem Pflaster angeboten werden, knattern sie rücksichtslos durch.

Platz voller Ruhe: der Literaturtempel

Ein Ort der Ruhe und Kontemplation inmitten des Lärms von Ha Noi, der Tempel Van Mieu. Das Tor mit dem Pavillon des Sternbildes der Literatur war über achthundert Jahre auch Eingang in die Akademie für die Söhne der Nation, wo die geistige Elite des Landes geschult wurde.

Ein Ort der Ruhe und Kontemplation inmitten des Lärms von Ha Noi, der Tempel Van Mieu. Das Tor mit dem Pavillon des Sternbildes der Literatur war über achthundert Jahre auch Eingang in die Akademie für die Söhne der Nation, wo die geistige Elite des Landes geschult wurde.

Überraschend findet der lärmgeplagte Tourist in Hanoi Plätze von Ruhe und Beschaulichkeit: Den Literaturtempel Van Mieu und das Thang-Long-Wasserpuppentheater. Der fast 1000 Jahre alte Tempel bildet eine grüne Oase der Erholung und er verschafft einen kleinen Einblick in die Geschichte des Landes. Steinstelen des 15. bis 18. Jahrhundert dokumentieren, dass von hier 1306 Söhne der Nation in die allerhöchsten Führungsämter entlassen wurden. Gleichzeitig sind die Rekonstruktionen einiger Bauten sichtbar, die nach der Bombadierung Hanois im 2. Indochina-Krieg erfolgten.

Etwas völlig anderes bietet das Thang-Long-Wasserpuppentheater: Keine Geschichte, sondern Geschichten von Arbeit und Vergnügen. In einem großen Becken führen Spieler – unsichtbar für das Publikum und bis zum Bauch im Wasser stehend – bewegliche Holzpuppen an Stäben und zeigen die Mühen der Reisernte oder den Spaß der Kinder beim Baden. Die Szenen werden musikalisch untermalt von einem Orchester und Sängern. Eine ganz andere Welt und völlig im Gegensatz zu der Hektik draußen. Nur die engen Sitzreihen erinnern an die Wirklichkeit und dass die Vietnamesen in der Regel kleiner sind als Europäer.

Ans Meer

Einer der zahlreichen Unterstände und Boote der Fischer am Strand von Phan Thiet, das zu einer internationalen Destination des Tourismus werden soll.

Einer der zahlreichen Unterstände und Boote der Fischer am Strand von Phan Thiet, das zu einer internationalen Destination des Tourismus werden soll.

Dem Lärm und Chaos Saigons entflieht man durch einen Ortswechsel ans Meer. Nur noch Wasser und Sonne – keine Roller und keine Lärmkulisse mehr. Die nächste Ortschaft ist von dem abgelegenen Strandhotel Kilometer entfernt und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Im überfüllten Bus bestaunen die Einheimischen den Touristen wie einen Menschen vom anderen Stern, der nicht Vietnamesisch spricht und vergeblich wissen möchte, wo der Bus hält. Am hoteleigenen und von Müll gereinigten Strand genießt man das Südchinesische Meer – nicht ohne Beklemmung. Hinter dem Horizont und einige Seemeilen entfernt liegen die Spratley Inseln, wo es zu schweren Konflikten zwischen Vietnam und

Figuren des Thang Long-Wasserpuppentheaters. Die Kunst des Wasserpuppenspiels soll über 1000 Jahre alt und einst aus der Not entstanden sein. Wegen Überschwemmung mussten die Spieler im Wasser stehend ihr Stück aufführen. So ist es noch heute.

Figuren des Thang Long-Wasserpuppentheaters. Die Kunst des Wasserpuppenspiels soll über 1000 Jahre alt und einst aus der Not entstanden sein. Wegen Überschwemmung mussten die Spieler im Wasser stehend ihr Stück aufführen. So ist es noch heute.

seinem großen Nachbarn, der Volksrepublik China, kommt.

Die Sonne brennt unbarmherzig und wem das zuviel wird, der lässt sich von Masseurinnen kneten oder sucht den Fitnessraum auf, was jedoch kaum einer macht. Denn schon nach wenigen Minuten rinnt der Schweiß in Strömen und man ist fix und fertig. Das darf nicht sein, denn es geht weiter bei 35 Grad Celsius und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit nach Hue und nach Hoi An.

Einen Pluspunkt sammeln die beiden wesentlich kleineren Städte gegenüber Saigon und Hanoi: Mit einem gemieteten Rad kann man sich in den Verkehr wagen. Allerdings zögert der Fahrtwind die Erschöpfung nur unwesentlich hinaus. Hat man vormittags den alten Kaiserpalast in Hue umkurvt, verzichtet man auf das Innere, flüchtet sich stattdessen in den Schatten und genießt ein kühles Getränk, bevor es nachmittags mit dem Bus über die Scheide zwischen den tropischen und subtropischen Teil Vietnams, dem Wolkenpass, nach Hoi An geht.

Rohtenburg in Vietnam

Der Apotheker zerteilt Ginseng und bereitet es zum Verkauf vor. Seine Apotheke steht in Hoi An, dessen Altstadt die letzten zweihundert Jahre unverändert überdauert hat und zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Der Apotheker zerteilt Ginseng und bereitet es zum Verkauf vor. Seine Apotheke steht in Hoi An, dessen Altstadt die letzten zweihundert Jahre unverändert überdauert hat und zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Hoi An war in der Vergangenheit ein bedeutender Handelshafen und ist nun zum Rothenburg ob der Tauber Vietnams geworden und zu einem Paradies für diejenigen, die sich Kleider aus echter Seide und Anzüge aus feinen Stoffen maßanfertigen lassen. Unübersehbar sind die Textil- und Kleiderläden wie auch die vielen US-Amerikaner, die aus den Luxusunterkünften der nahen Großstadt Da Nang gekommen sind. Die Feinde von einst – Da Nang war der größte amerikanischen Militärstützpunkt im Kampf gegen den Vietcong – sind heute als zahlungskräftige Besucher höchst willkommen. Zumal die reichen Urlauber aus China ausbleiben, weil sie nicht mehr als Freunde Vietnams gelten. Ähnlich ist es den Russen ergangen, die einst dank ihrer Flugabwehrraketen die amerikanischen Bomber abgeschossen haben. Stattdessen sind die früheren Feinde, die USA und Japan, nun gern gesehen und nicht zuletzt Vietnams bevorzugte Wirtschaftspartner.

Bucht voller Inseln

Zwischen den steil aus den Wasser ragenden Kalksteinfelsen leben und wohnen auch Vietnamesen und gehen einer Beschäftigung jenseits des Tourismus nach.

Zwischen den steil aus den Wasser ragenden Kalksteinfelsen leben und wohnen auch Vietnamesen und gehen einer Beschäftigung jenseits des Tourismus nach.

Bevor das dritte oder gar vierte maßgeschneiderte Kleid lockt, verlässt man Hoi An, fliegt nach Hanoi und von dort zur Halong Bucht. Von Hanoi windet sich der klimatisierte Bus mit höchstens siebzig Stundenkilometern vier Stunden durch den Verkehr. Die Fahrt und das Essen auf einer Dschunke durch die Kalksteininseln und Inselchen der Halong Bucht entschädigt für die Strapazen der An- und Abfahrt. Dass die Bucht das berühmteste touristische Vorzeigeobjekt Vietnams ist, erfährt der Tourist beim Bezahlen. Statt mit Dong, der vietnamesischen Währung, muss er mit Dollar bezahlen und wird wenigstens nicht durch die zu vielen Nullen des Dong irritiert. Gibt man zufällig einmal einen Schein mit sechs statt mit fünf Nullen heraus, hat man etwa 3 Euro zuviel bezahlt. Aber nicht der Betrag ärgert, sondern dass der Empfänger des Geldes nicht auf den Irrtum hinweist.

Hingegen wird jeder Irrtum am Flughafen vermieden. Ohne eine Art Einladungsbrief kommt man nicht nach Vietnam hinein und ohne strenge Kontrolle nicht hinaus und nimmt Platz auf den engstehenden Sitzen der Vietnam Airline, die einen dürftigen Service bei einem zwölfstündigen Flug bietet.

Fotos: Gisela Marzin

Einen anderen Blick auf Vietnam vermitteln diese drei Reisereportagen:
Halong-Bucht: Ein Meer voller Inseln
Unterwegs auf dem Neun-Drachen-Fluss
Souvenirs, Souvenirs

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