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Ein Meer voller Inseln

Vorsichtig stechen die Paddel ins Wasser. Es riecht salzig, nach Meer. Die Augen streiten mit der Dunkelheit. Von der Decke hängen Stalaktiten, kaum zu erahnen. Aber die Neugierde lässt die vier Kajaks Kurs halten. Und der Blindflug dauert auch nicht lange. Noch ein sanfter Bogen nach links, schon bricht wieder Tageslicht herein.

Charakteristisch für die Ha Long-Bucht: unzählige Kalksteininseln.

Charakteristisch für die Ha Long-Bucht: unzählige Kalksteininseln.

Diese Grotte in der Ha Long-Bucht im Norden Vietnams ist der einzige Weg hinein in einen Felskessel, der wirkt wie ein Vulkankegel, vollgelaufen mit Meerwasser. Platz hätte er gut und gerne für ein Kreuzfahrtschiff – wenn es denn hineinkäme. Rundum ragen steile Wände empor, Sträucher und Bäume krallen sich irgendwie daran fest. Den ganzen Tag war es neblig gewesen. Gerade jetzt aber bricht die Sonne durch die Wolken, als hätte jemand in einem düsteren Treppenhaus urplötzlich ein Dachfenster geöffnet. Alle acht Kajakfahrer, gerade noch in lebhafter Unterhaltung, zeigen viel Gefühl für den Moment: kein Ton mehr ist zu hören, die Blicke wandern über die Wellen, die Vegetation leuchtet grün. Erst der Schrei eines unsichtbaren Affen, zwei oder drei Minuten später, beendet die magische Stille. Bald ist auch die Sonne verschwunden.

2000 kleine und kleinste Kalksteininseln

Der Nebel sorg für mystische Stimmung.

Der Nebel sorg für mystische Stimmung.

Die Ha Long-Bucht liegt im Golf von Tonkin, etwa drei Autostunden östlich von Vietnams Hauptstadt Hanoi. Sie ist eines der beliebtesten Reiseziele des Landes. Etwa 2000 kleine und kleinste Kalksteininseln, fast alle unbewohnbar, ragen aus dem grünblauen Wasser. Bizarre Formationen, der Legende nach entstanden, als ein Ha Long, ein herabsteigender Drache, gesandt von den Göttern, Feinde aus dem Norden vertrieb. Mit seinen mächtigen Schweifhieben habe er dabei Furchen, Täler und Gipfel in die Landschaft geschlagen, die sofort im Meer versanken. Genauso gerne wird erzählt, der Drache habe Edelsteine und Perlen gespien. Diese verwandelten sich in tausende Inseln, an deren Felswänden die Schiffe der Invasoren zerschellten. Geologisch betrachtet handelt es sich bei den Eilanden um die erodierten Überreste gewaltiger Muschelkalkbänke, etwa 300 Millionen Jahre alt. Seit 1994 gehört die Bucht zum Weltnaturerbe der UNESCO. Und schon im 13. Jahrhundert schwärmte ein vietnamesischer König: „Was für ein Wunder ist doch diese Landschaft.“

Schildkröte, Elefant, Büffel: jede Insel mit charakteristischem Namen

Einstige Seenomaden sind in der Ha Long-Bucht sesshaft geworden - nicht ganz freiwillig allerdings, die Regierung musste nachhelfen.

Einstige Seenomaden sind in der Ha Long-Bucht sesshaft geworden – nicht ganz freiwillig allerdings, die Regierung musste nachhelfen.

Die wenigen Sonnenstrahlen während der Kajaktour bleiben auf dieser dreitägigen Kreuzfahrt die Ausnahme. Es ist neblig, der Wolkenvorhang hängt bis zum Horizont. Der Schiffsmotor – die Segel sind nur Staffage – schiebt die Dschunke langsam voran, vorbei an Klippen und Kerben, Felsbögen und senkrechten Stelen. Der Schleier lässt die Inseln erst im letzten Moment aus dem grauen Nichts erscheinen. Langweilig wird es nie. Die meisten Eilande tragen keinen offiziellen Namen, doch die Einheimischen haben für viele seit Generationen eine charakteristische Bezeichnung, nein, das passende Bild gefunden: Schildkröte, Elefant, Büffel, kämpfende Hähne oder Essstäbchen. Gerade der Nebel macht es leicht, die Felsformationen vor dem geistigen Auge mit Leben zu füllen. Die Atmosphäre ist mystisch, fast unwirklich. Als würde der Drache aus der Legende jeden Moment wieder aus dem Meer auftauchen.

Durch die Inselwelt kreuzen täglich – bei zähem Nebel ebenso wie bei strahlendem Sonnenschein– zahlreiche Schiffe, günstige und luxuriöse. Von den billigsten Angeboten für wenige US-Dollar für eine Tour über drei Tage sollte man sich aber fernhalten. Erst im Februar 2011 ist eines dieser Boote gesunken. Zwölf Menschen starben.

Die Hütten schwimmen auf Pontons.

Die Hütten schwimmen auf Pontons.

Viele der Inseln haben ein Innenleben; sie weisen Hohlräume auf, manche gar Tropfsteinhöhlen kathedralen Ausmaßes. Sie sind zu Touristenzielen ausgebaut und in grellen Farben beleuchtet. Das entspricht wohl asiatischem Geschmack, dezent ist es nicht. Ebenso bunt aber weit beeindruckender ist der Besuch in einem schwimmenden Dorf. Cua Van ist das größte in der Ha Long-Bucht, etwa 800 Menschen leben hier. Es sind einstige Seenomaden, die weiterhin als Fischer ihre Familien ernähren, sich erfolgreich weigerten an Land sesshaft zu werden, nach einem Kompromiss mit der Regierung aber an festgelegten Orten in der Bucht leben. Und das vor traumhafter Kulisse. Die Häuserreihen von Cua Van, Ein-Zimmer-Hütten mit Wellblechdach und Fundament aus Styropor, schmiegen sich im Dreieck an Felswände, schroff und zackig, und schaukeln sanft im Rhythmus der Wellen. Unter ihren Hütten züchten die Menschen in Käfigen Fisch und Krustentiere.

„Hier ist unsere Heimat“

Das Leben in der Bucht ist nicht leicht.

Das Leben in der Bucht ist nicht leicht.

Leicht ist das Leben hier nicht. Einmal in der Woche kommt ein Tanker mit Frischwasser. „Es kostet hier achtmal so viel wie an Land“, erklärt der Reiseführer. Es gibt in Cua Van zwar eine Schule mit Lehrern vom Festland, Stromgeneratoren und auch Fernseher. Manche Familien leben aber von zwei Euro am Tag. Und die Kinder, die mit ihren Müttern Getränke an die Touristen verkaufen, freuen sich über jeden Keks, den sie zugesteckt bekommen und verschlingen ihn hastig. Trotzdem will hier kaum jemand weg. Die Frauen, die die Touristen durch das Dorf rudern und sich ein Zubrot verdienen, sammeln unterwegs mit kleinen Keschern Müll ein, der vorbeischwimmt. Warum sie das tun? „Hier ist unsere Heimat“, sagt eine und legt sich in die Riemen. Sie hätte der Moment magischer Stille im Felskessel sicher auch begeistert.

Informationen: Hochwertige Kreuzfahrten durch die Ha Long-Bucht findet man unter www.luxuryhalongcruises.com.

Fotos: Kathrin Schierl

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