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Wo man sich in London etwas von Rothenburg abschaute

„Rothenburg ob der Tauber in London“ lautet der Name der Sonderausstellung im Rothenburg-Museum, die seit September 2020 einen bislang noch völlig unbekannten Aspekt der internationalen städtebaulichen Ausstrahlung Rothenburgs beleuchtet.

Über den Dächern von Rothenburg. – Foto: Dieter Warnick

Über den Dächern von Rothenburg. – Foto: Dieter Warnick

Wiederkehrende Motive in Zeichnungen, Skizzen, Gemälden, Fotografien und Postkarten wie Rothenburgs Stadttore, das Marktplatzensemble, sowie seine Lage hoch über dem Taubertal von Westen her gesehen, machten die Stadt über die Landesgrenzen hinaus bekannt und lockten Besucher aus aller Welt an: Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden Tourismus wurde Rothenburg als malerische Sehenswürdigkeit schließlich auch in England prominent.

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg diente Rothenburg ob der Tauber daher namhaften Architekten und Stadtplanern aus Deutschland und England als Musterbeispiel einer organisch gewachsenen, in seinen Bauensembles harmonisch gefügten Mittelalterstadt. Rothenburg wurde in der Architektenszene als Musterbeispiel des malerischen (pittoresken) Architekturstils rezipiert und fand Eingang in Diskussionen der englischen und deutschen Gartenstadtbewegung, denn die Industrialisierung ließ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem in England Städte mit menschenverachtenden Arbeitsbedingungen und unzumutbaren Wohnverhältnissen entstehen. Im Jahre 1906 diente Rothenburg als Vorbild zur Konzeption und zum Bau von Hampstead Garden Suburb im Norden Londons.

Rothenburg gilt als Musterbeispiel einer organisch gewachsenen, in seinen Bauensembles harmonisch gefügten Mittelalterstadt. – Foto: Dieter Warnick

Rothenburg gilt als Musterbeispiel einer organisch gewachsenen, in seinen Bauensembles harmonisch gefügten Mittelalterstadt. – Foto: Dieter Warnick

Raymond Unwin, Schüler von William Morris, sein Schwager Barry Parker und weitere in seinem Büro mitwirkende Architekten wie Charles Paget Wade und Edwin Lutyens, übernahmen in der Planung der Gartenstadt Hampstead Suburb, Architekturmotive wie Rothenburgs Türme, Dachformen, Arkaden, Treppenaufgänge und Fensterformen, aber auch die Anlage von Straßenzügen, Plätzen und städtischem Grün. Die Stadtmauer als „Great Wall with its Germanic Towers“ bauten sie als Abgrenzung von der Hampstead Heath quasi analog zum Taubertal nach. Ebenso fanden Motive Rothenburgs auch Eingang in Richard Riemerschmids Bauten „Am Grünen Zipfel“ in der ersten deutschen Gartenstadt Hellerau bei Dresden (ab 1909).

Anhand von Plänen, Fotografien, Modellen und bisher unveröffentlichten Quellen werden in sechs unterschiedlichen Themenbereichen neue, spannende Erkenntnisse über die Bedeutung Rothenburgs vor dem Ersten Weltkrieg als architektonisches und soziologisches Vorbild im Dialog zwischen namhaften Architekten und Städteplanern wie Richard Riemerschmid, Camillo Sitte, Hermann Muthesius, Raymond Unwin, Barry Parker und Theodor Fischer beleuchtet.

Infos: „Rothenburg in London – Einflüsse auf die Gartenstadtbewegung? Sonderausstellung 2020/2021 im Refektorium des Rothenburg-Museums; Ausstellungsdauer: bis 31. Dezember; Öffnungszeiten: von April bis Oktober von 10 –16 Uhr, November bis Dezember von 13 –16 Uhr; Eintrittspreise: Erwachsene 5 €; Familien 10 €.

Raushier-Reisemagazin

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