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„Ich heiße Tiger und habe eine große Klappe“

Jetzt, wo der Sommer da ist, der Schnee schmilzt, die Berge wieder ihr grünes Kleid tragen – da stellt sich bei mir immer ein Kribbeln ein. Raus in die Natur, ab ins Gebirge, rauf auf die Berge. So war es auch vor zwei Jahren. Über Wochen hatte ich eine lange Tour geplant. Die längste meines Lebens. Sie sollte mich von Maribor nach Monaco führen. Einmal über die Alpen, von Ost nach West, 1.400 Kilometer zu Fuß. „Jetzt bist du völlig übergeschnappt“, sagten mir viele Freunde und Bekannte.

Eingang zum Engadin an der Uina-Schlucht.

Eingang zum Engadin an der Uina-Schlucht.

Einige sagten das im Spaß, andere glaubten tatsächlich, ich „hätte nicht mehr alle Latten am Zaun.“ Wenn ich ehrlich bin, war mir das damals ziemlich egal. Heute weiß ich, warum.

Abrüsten an der Aig du Midi.

Abrüsten an der Aig du Midi.

Anfang Mai 2015 startete ich in Sloweniens zweitgrößter Stadt. Maribor deswegen, weil es der östlichste Punkt der Alpen für mich war, mit M beginnt und ich auf Alliterationen stehe. Was mit M beginnt, muss freilich auch mit M enden. Ein Marsch von Maribor nach Monaco, dem südwestlichsten Ausläufer der Alpen. Ein Mammut-Marsch im wahrsten Sinne. Mein Rucksack der Marke Mammut, der „blaue Tiger“ wurde mir nicht nur ein treuer Wegbegleiter, sondern er mauserte sich zum Chronisten. Der Rucksack hat alle Erlebnisse in seinem Innern gesammelt, gespeichert und mir in den Computer diktiert. Damit dürfte der Rucksack wohl der erste seiner Art sein, der ein Buch geschrieben hat.

Ziegen sind neugierig.

Ziegen sind neugierig.

Die Abenteuer sind gerade erschienen. Der Titel: „Der blaue Tiger“. Wie viele Bücher, beginnt auch dieses Werk mit einem Prolog.

Winter im Mai in den Dolomiten bei Prags.

Winter im Mai in den Dolomiten bei Prags.

„Gestatten: Ich bin blau, meist voll, heiße Tiger und habe eine große Klappe. Ich bin ein Rucksack und wusste nicht, was das Leben ist. Es gibt Menschen, die sagen, ich sei eine unglaubliche Plauder- und Laber-Tasche. Das ist das schönste Kompliment, das man mir machen kann. Denn als ich auf die Welt kam, war ich stumm, fühlte mich leer, lediglich als Hülle aus Polyester und anderen Stoffen. Mich hat ein Mann aus Hamburg gekauft. Das war der Herr Jörg. Er sagt von sich, er sei Vater, Journalist, Schwimmer, Radfahrer, Marathonläufer, Bergsteiger, ja vielleicht auch Extremsportler und … ein Fan der Farbe Blau. Wie das kam, hat er mir später verraten. So, wie er mir eigentlich alles beigebracht hat, was für mein weiteres Leben wichtig werden könnte.“

Drei Monate durch sechs Alpenländer

Maribor ist eine Region mit Herz.

Maribor ist eine Region mit Herz.

Drei Monate lang durchwanderten wir (der blaue Tiger und ich) sechs Alpen-Anrainer-Staaten. Wenn ich Deutschland als Startpunkt hinzuzähle, dann waren es sogar sieben. Nur Liechtenstein fehlte. Volles Programm und voller Rucksack.  Elf Kilogramm Gepäck hatte ich dabei. Wie sich für mich herausstellte, genau richtig. Ja, ich schickte von unterwegs sogar noch Überflüssiges heim.

Man braucht nicht viel für drei Monate

Man braucht nicht viel für drei Monate

Die dritte Unterhose z.B., allerlei Wanderkarten, die ich nicht mehr brauchte und T-Shirts. Eine tolle Erkenntnis dieser Tour für mich: Ich brauche nicht viel zum Glücklichsein. Schöne Landschaften zum Beispiel. Davon hatten Tiger und ich genügend. Wiesen, Wälder und Weit, Gipfel, Grate und andere Genüsse. Interessante Begegnungen, gutes Essen und jede Menge Zeit. Mein Rucksack konnte sich so ein Leben zunächst gar nicht vorstellen, war er doch Fabrik neu:

Eisklettern im Angesicht von Matterhorn und Co.

Eisklettern im Angesicht von Matterhorn und Co.

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich von gar nichts eine Ahnung. Ich wusste nicht einmal, was ein echter Name ist. Meiner lautet jetzt Tiger. Den hat mir der Herr Jörg gegeben. Ich glaube, er ist ein guter Kerl. Also der Herr Jörg. Jedenfalls hat er mich mit auf Reisen genommen. Das sei mein Schicksal, sagten mir die Herrschaften, die mich hergestellt haben.“

Ein Nichts in der Weite.

Ein Nichts in der Weite.

Und so wurde diese Tour zu einem Fest. Es gab nicht einen Moment, an dem ich an Aufgeben gedacht hätte. Wie sagte mir einer meiner Gesprächspartner auf der Reise: „Aufgeben kannst du eine Postkarte, sonst gar nix.“ Jetzt ist diese Aussage einer meiner Wahlsprüche. Während dieser drei Monate hatte ich einen Blog. Ich bekam viele Fragen. Die am häufigsten gestellte lautete: „Hast du schon Blasen?“ Eine einzige, nach sieben Wochen, weil ich zu faul war, im Angesicht von Matterhorn und Monte Rosa während einer Hochtour meine Socken anständig anzuziehen.

Die Klarheit des Morgens.

Die Klarheit des Morgens.

Wäre ich klüger gewesen, wäre ich komplett blasenfrei heimgekommen. Die Schuhe (auf der zweiten Hälfte der Tour – ebenfalls Mammut) passten von der ersten bis zur letzten Sekunden. So wie ich diese Tour vom ersten bis zum letzten Augenblick genossen habe.

Der Tag kommt unterhalb vom Mont Viso.

Der Tag kommt unterhalb vom Mont Viso.

Beim Start in Maribor, beim Besuch bei Reinhold Messner, beim Gletscherstapfen im Monte-Rosagebiet, beim Spaltenqueren am Montblanc und bei der Ankunft in Monte Carlo. Freunde fragten mich: „Hast du nicht irgendwann angefangen, Berge doof zu finden oder gar zu hassen.“ Meine Antwort: „Wie kann ich hassen, was mich glücklich macht.“

Das Buch trägt den Titel: „Der blaue Tiger – Drei Monate zu Fuß über die Alpen“, 252 Seiten, erscheint im Eigenverlag und kostet 19,40 Euro plus Versandkosten. ISBN:  9783 000 566 295. Vorbestellungen unter eventoplena@gmx.de Im Spätsommer gehe ich mit dem Buch auf Lesereise. Wer Interesse an einer Lesung hat, kann sich gerne melden. Vielleicht finden wir dann einen Termin, um Auszüge aus dem Buch zu präsentieren.

Interview: Blau ist seine Lieblingsfarbe

Der Hauch des Südens in Kaernten.

Der Hauch des Südens in Kaernten.

Raushier: Jörg, Du bist ein unternehmungslustiger Mensch. War das immer schon so?

Blau ist meine Lieblingsfarbe.

Blau ist meine Lieblingsfarbe.

Wunram: Das kann man so sagen. Schon als kleiner Junge war ich auf Abenteuer aus. Auf die vor der Haustür. Buden bauen, Tarzan-Schaukeln ausprobieren, Staudämme an Bächen bauen. Was kleine Jungen so treiben. Und das mit meiner Liebe zu den Bergen ist auch recht alt, datiert aus dieser Zeit. Meine Mutter hat mir mal erzählt – ich muss sechs Jahre alt gewesen sein – dass ich als Bub auf einen Felsen geklettert sei und gerufen haben soll, ich sei ein Bergsteiger.

Biwak in Alleinlage.

Biwak in Alleinlage.

Raushier: Wie bist Du auf die Idee gekommen, diese Mammut-Tour von Maribor nach Monaco zu machen?

Wunram: Das liegt mehr als zehn Jahre zurück. Damals bin ich von München nach Venedig gelaufen. Ein sehr prägendes Erlebnis. Damals dachte ich mir: wenn ich die Alpen von Nord nach Süd queren kann, dann muss das doch auch von Ost nach West funktionieren. 2015 habe ich diesen Traum Wirklichkeit werden lassen.

Bergsteigen ist immer mal wieder eine Gratwanderung.

Bergsteigen ist immer mal wieder eine Gratwanderung.

Raushier: Und? War es ein Traum oder eher ein Albtraum?

Wunram: Es war ein Alpentraum. Vom ersten bis zum letzten Tag einfach nur schön. Natürlich anstrengend, aber nie langweilig. Ich hatte nicht einen einzigen Tag, an dem ich an Aufgeben gedacht habe. Denn wie sagte mir einer meiner zahlreichen Interviewpartner auf der Reise: „Aufgeben kannst Du eine Postkarte, sonst gar nix.“

Auch unter allen Wipfeln ist Ruh'.

Auch unter allen Wipfeln ist Ruh‘.

Raushier: Aber an Grenzen bist Du schon gestoßen…

Wunram: Klar habe ich viel Schweiß bei all den Auf- und Abstiegen vergossen. Aber an körperliche Grenzen bin ich nicht gestoßen. Eher an gedanklich-mentale. Wenn man so lange unterwegs ist, mit nur elf Kilogramm Gepäck auf dem Rücken, denkt man viel nach. Auch, weil ich den größten Teil der Strecke alleine unterwegs war. Während des Wanderns tauchen fast automatisch ziemlich existentielle Fragen auf. Wer bin ich, wo komme ich her, wo will ich hin, was brauche ich und was möchte ich? Das sind Fragen, die ich beim Wandern ständig beantworte, in dem ich entscheiden muss. Gehe ich links, rechts oder geradeaus. Daher finde ich, dass Weitwandern eine tolle Lebensschule ist. Wer kein Ziel hat, wird es nie erreichen.

Ankunft in Monaco.

Ankunft in Monaco.

Raushier: In deinem Buch spielt die Farbe Blau eine wichtige Rolle. Warum?

Alte Pforzheimer Hütte in der Sesvenna-Gruppe im Vinschgau.

Alte Pforzheimer Hütte in der Sesvenna-Gruppe im Vinschgau.

Wunram: Weil Blau meine Lieblingsfarbe ist. Aber diese Antwort wäre mir zu einfach. Ich wollte während der Tour herausfinden, warum das so ist. Denn es gab so viel Blaues zu bestaunen. Die blauen Berge, die Seen, das blaue Eis der Gletscher, den Himmel, – und nicht ganz ernst gemeint – meine Hüttenlatschen, die Zahnbürste und meinen Rucksack. Der heißt „blauer Tiger“. Übrigens erzählt ER die Geschichte der gemeinsamen Wanderung und stellt mir pausenlos Fragen. Also: Da ich selten an Zufälle glaube, hat die Farbe Blau für mich also einen tieferen Sinn.

Raushier: Und der wäre?

Wunram: Die Farbe Blau symbolisiert ja beispielsweise die Sehnsucht nach Unbekanntem und nach Ferne. Ich sage Abenteuer dazu. Und davon hatte ich auf der Tour unzählige, große und kleine.

Allein auf weiter Flur.

Allein auf weiter Flur.

Raushier: Gibt es schon neue Vorhaben oder Projekte, die Du planst?

Wunram: Immer. Nach der Tour ist vor der Tour. Im Moment habe ich zwar noch viel mit dem Buch zu tun. Im Spätsommer werde ich damit auf Lesereise gehen. Gemeinsam mit meiner Partnerin, der Schauspielerin Christine Kutschera, werden wir szenische Lesung machen. Termine gebe ich dann auf meiner Homepage www.eventoplena.de bekannt. Und dann plane ich ein Projekt, bei dem ich meiner zweiten großen Leidenschaft fröne: dem Wasser. Schwimmen von Insel zu Insel.

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