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Bozen: Drei oft unbeachtete Kirchen als wahre Kleinode

Bozen ist reich an Sehenswürdigkeiten, das steht außer Frage. Und doch gibt es einige Erinnerungsorte, die selbst Einheimische nicht kennen. Denn die drei Kirchlein St. Johann im Dorfe, St. Magdelena in Prazöll und St. Martin in Kampill sind weitgehend unbekannt und wahre Kleinode.

St. Johann im Dorfe

Der hübsche Kirchturm von St. Johann im Dorfe besticht mit seinen dreibogigen und zweibogigen Fenstern. - Foto: Dieter Warnick

Der hübsche Kirchturm von St. Johann im Dorfe besticht mit seinen dreibogigen und zweibogigen Fenstern. – Foto: Dieter Warnick

Unweit des Zentrums der Südtiroler Landeshauptstadt, im Stadtviertel Zwölfmalgreien, versteckt sich in der engen und verwinkelten St.-Johann-Gasse dieses römisch-katholische Kirchlein, das seit 1977 unter Denkmalschutz steht. Die schlichte Architektur des Sakralbaus wird durch den sehenswerten Kirchturm mit einem Drillings- und einem Zwillingsfenster aus dem frühen 14. Jahrhundert geschmückt; er wurde von lombardischen Meistern errichtet.

Erste Erwähnung fand das Kirchlein im Jahr 1180, bildete aber wohl schon früher den geistlichen Mittelpunkt des vorstädtischen Siedlungskerns im Bozner Dorf. Das Gebäude ist einschiffig mit einer halbrunden Apsis. Am Altar, der in den Jahren 1863 und 1864 entstand, und Schülern von Hans Klocker zugeschrieben wird, befinden sich Figuren, die aus dem Jahr um 1510 stammen dürften. Hans Klocker (* vor 1474, † nach 1500) war ein österreichischer Bildhauer der Spätgotik.

In der Gewölbetonne ist Christus mit der Weltkugel dargestellt, umgeben von den Evangelistensymbolen. - Foto: Dieter Warnick

In der Gewölbetonne ist Christus mit der Weltkugel dargestellt, umgeben von den Evangelistensymbolen. – Foto: Dieter Warnick

Wie es früher nicht unüblich war, wurden Fresken übertüncht und erst später wieder freigelegt, in diesem Fall im Jahr 1926. Restauriert wurden die wertvollen Wandmalereien, die in den Jahren zwischen 1320 und 1370 entstanden, in den 1980er-Jahren. Auch tiefer gelegene Fresken sind beschädigt, weil durch den Bruch einer Wasserleitung im Jahr 1997 die Kirche überschwemmt wurde. Die Fresken stammen von jungen, heimischen Wanderkünstlern, die der Schule von Giotto di Bondone zugeordnet werden; ihr Stil und ihre Maltechnik weisen auf eine überragende Interpretation hin. Wer genau am Werk war, ist unbekannt; zu dieser Zeit wurden Gemälde und Fresken nämlich noch nicht gekennzeichnet. Giotto (* 1266 in Vespignano, † 8. Januar 1337 in Florenz) war ein italienischer Maler, der als der entscheidende Wegbereiter der italienischen Renaissance gilt.

Die Langhauswände wurden um das Jahr 1365 von zwei Künstlern gestaltet, die zu ihrer Zeit als 1. und 2. Meister von St. Johann bezeichnet wurden. Beeinflusst wurden sie von Guariento d’Arpo (* um 1310, † 1370), einem oberitalienischen Maler, der sein Handwerk in Padua erlernte, und auch in Carrara und Venedig wirkte.

Das Kirchlein St. Johann im Dorfe ist nur einmal im Monat zur Besichtigung geöffnet. Auf Nachfrage können aber Taufen und Hochzeiten gefeiert werden.

St. Madgalena in Prazöll

Der Glockenturm des Kirchleins St. Magdalena in Prazöll wurde um 1500 erhöht und erhielt dabei einen gemauerten Spitzhelm und spitzbogige Schallfenster. - Foto: Dieter Warnick

Der Glockenturm des Kirchleins St. Magdalena in Prazöll wurde um 1500 erhöht und erhielt dabei einen gemauerten Spitzhelm und spitzbogige Schallfenster. – Foto: Dieter Warnick

Von Weinbergen umgeben, dort, wo der weithin bekannte St. Madgalener Wein angebaut und gekeltert wird, erhebt sich dieses Kirchlein, das zur Pfarrei des Bozner Stadtteils Rentsch gehört, und seit 1977 unter Denkmalschutz steht. Die Fresken im Inneren der Kirche gelten als überaus wertvoll und stammen aus dem 14. Jahrhundert.

Erste Erwähnung findet St. Magdalena in Prazöll um 1170; 200 Jahre später erfolgte ein erster Umbau, und die Wände wurden mit neuen Fresken ausgemalt. Weitere Umbaumaßnahmen folgten um 1500. 1667 wurde ein neuer barocker Hochaltar geschaffen, und 1706 ein neuer Seitenaltar. In den folgenden Jahrhunderten gerieten die übertünchten Fresken in Vergessenheit, ehe sie Ende der 1950er Jahre in einem ersten Schritt freigelegt wurden. Zwischen 1966 und 1970 wurden die Fresken im Langhaus teilweise freigelegt, bis die Restaurierungen 1985 zu Ende geführt werden konnten.

Der Hochaltar von St. Magdalena stammt von Oswald Krad aus dem Jahr 1667. In der schreinartig vertieften Mittelnische ist die Figur der knieenden Büßerin Magdalena mit Kruzifix und Totenkopf zu sehen. Daneben befinden sich gedrehte barocke Säulen, die mit Weinlaub und Putten in Reliefschnitzerei verziert sind. - Foto: Dieter Warnick

Der Hochaltar von St. Magdalena stammt von Oswald Krad aus dem Jahr 1667. In der schreinartig vertieften Mittelnische ist die Figur der knieenden Büßerin Magdalena mit Kruzifix und Totenkopf zu sehen. Daneben befinden sich gedrehte barocke Säulen, die mit Weinlaub und Putten in Reliefschnitzerei verziert sind. – Foto: Dieter Warnick

Das gesamte Innere der Kirche ist mit Fresken bedeckt, die aus zwei verschiedenen Epochen stammen. Die ältere Malschicht befindet sich in der Apsis und entstand um das Jahr 1300. Die Wandmalereien besitzen hohe künstlerische Qualität und bilden ein Hauptwerk der frühgotischen Malerei in Südtirol. Die jüngere Malschicht entstand um 1370. Sie gehört einem veränderten Zeitgeist an, da sieben Jahrzehnte später oberitalienische Einflüsse in Bozen Verbreitung gefunden hatten; wie schon beim Kirchlein St. Johann im Dorfe waren Wandmalereien in der Tradition Guarientos und Giottos nach Norden getragen worden.

Erwähnenswert ist noch die heilige Magdalena, die an der Außenseite des Kirchenschiffs links neben dem Eingang an der Nordwand die Kirchenbesucher mit einem Salbgefäß begrüßt.

St. Martin in Kampill

Der wuchtige Turm ist das Wahrzeichen der Kirche St. Martin in Kampill. - Foto: Dieter Warnick

Der wuchtige Turm ist das Wahrzeichen der Kirche St. Martin in Kampill. – Foto: Dieter Warnick

Unmittelbar an der Brenner-Autobahn gelegen, erhebt sich das Kirchlein St. Martin in Kampill. Es handelt sich hierbei um eine Filialkirche, das heißt, es ist ein Kirchengebäude (Nebenkirche), das neben einer Hauptkirche, der Pfarrkirche, besteht; sie ist dem heiligen Martin von Tours geweiht, und besitzt sehr gut erhaltene gotische Fresken im Inneren; sie steht seit 1977 unter Denkmalschutz. Der Heilige Martin von Tours war in der lateinischen Kirche der erste, der vor über 1600 Jahren den Grad der Heiligkeit nicht durch seinen heldenhaften Tod als Märtyrer, sondern durch sein heroisches Leben erreichte. Weil das Kirchlein direkt an der Autobahn steht, aber auch, weil es auf der anderen Seite von der Staatsstraße von seiner Umgebung abgeschnitten ist, finden kaum Besucher oder Touristen den Weg hierher. Doch ein Besuch würde sich lohnen.

1180 wurde die Kirche geweiht, und im Jahr 1303 zum zweiten Mal erwähnt, weil sie ihre heutige Form mit dem wuchtigen Turm in diesem Jahr erhalten hat. Der heutige Bau wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrmals restauriert und umgebaut und birgt in seinem Inneren sehr bedeutende Werke von Künstlern der Bozner Schule aus dem Umkreis von Hans Stotzinger.

Inmitten der Weinberge steht das Kirchlein St. Magdalena in Prazöll – ein malerisches Kleinod mit Seltenheitswert. - Foto: Verkehrsamt der Stadt Bozen

Inmitten der Weinberge steht das Kirchlein St. Magdalena in Prazöll – ein malerisches Kleinod mit Seltenheitswert. – Foto: Verkehrsamt der Stadt Bozen

Als beim Bau der Autobahn die Kirche durch Sprengungen in Mitleidenschaft gezogen wurde, waren die Schäden nicht unerheblich. Doch die Autobahngesellschaft reagierte sofort und finanzierte der Kirche die Renovierungskosten. Gar ein Abriss zu Beginn der Straßenarbeiten hatte zur Debatte gestanden, aber kluge Bozner Köpfe wussten dies schnell zu verhindern.

Die Fresken erhielten im Jahr 1960 einen neuen Farbanstrich; die Szene zeigt Jesus im Kreise seiner Jünger beim letzten Abendmahl. - Foto: Dieter Warnick

Die Fresken erhielten im Jahr 1960 einen neuen Farbanstrich; die Szene zeigt Jesus im Kreise seiner Jünger beim letzten Abendmahl. – Foto: Dieter Warnick

Im Gegensatz zu den Kirchen St. Johann im Dorfe und St. Magdalena in Prazöll kommen die Fresken im Innenraum wie neu daher; kein Wunder, wurden doch die Farben im Jahr 1960 neu aufgefrischt und bestechen durch ihre Leuchtkraft. Die Fresken sind sowohl im Chorbereich als auch im Langhaus in zwei Bildzonen gegliedert. Im Chor wird das blutende Gotteslamm dargestellt, in der Bogenwölbung befinden sich die klugen und törichten Jungfrauen. Die Langhauswände erzählen die Geschichte von Jesus, beginnend mit der Anbetung der Heiligen Drei Könige bis zur Passion Christi.

Die Fresken im Chor besitzen eine enge Verwandschaft zum Meister der Kapelle von St. Valentin in Seis am Schlern und lassen den Einfluss der Veroneser Malerei von Altichiero da Zevio erkennen. Altichiero da Zevio (* ca. 1330 in Zevio, † ca. 1390 in Verona) war ein veronesischer Maler des 14. Jahrhunderts. Unter dem Einfluss Giottos war er in Verona und Padua tätig. Er wird als Gründer der Veroneser Schule angesehen.

Informationen erteilt das Verkehrsamt der Stadt Bozen unter Tel.: (0039 0471) 30 70 00; info@bolzano-bozen.it

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