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Finnland ist irgendwie anders

Warum nach Finnland fahren? Das Wetter verlockt nicht wirklich – außer im Winter, wenn dickes Eis auf Meer und Flur das Gefühl von Polarexpeditionen vermittelt. Und die endlosen Nächte Geheimnis und Abenteuer. Aber im Sommer? „Nimm Dir ja Mückenspray mit!“ hört man da immer als erste Reaktion. „Und eine Regenjacke“ als zweite. Wenn man zwei Wochen am Strand liegen möchte, dem wäre abzuraten – außer gebürtigen Finnen, die offenbar kälteresistent geboren werden. Doch wenn man das Modewort „Entschleunigen“ in seinem Wortschatz hat und es nicht nur mit Panflötengebläse und Wellnessmassagen in Verbindung bringen will, sollte man sich einen Besuch dieses kuriosen Landes überlegen. Es ist anders. Nicht nur „Es“, sondern jeder einzelne, den man trifft, macht so sein Ding. Und gemeinsam werden ebenfalls recht individuelle Vergnügungen verfolgt.

Das finnische Abenteuer kann beginnen.

Das finnische Abenteuer kann beginnen.

Gemeinsam Teppiche waschen

Wo sonst geht man gemeinsam Teppiche waschen? Wo sonst schlug der Tango die Beatles in den Charts und wird in Birkenwäldern getanzt? Wo sonst konnten die „Angry Birds“ erfunden werden (eines der erfolgreichsten Internet-Spiele, total simpel, aber liebenswert)? Wo sonst findet man derartig viele Seen, geschmückt mit einfachen Häuschen, die innen mit absolut coolem Design überraschen? Wo sonst gibt es so viele Natureislaufplätze? Wo sonst kann man an den Straßenschildern erkennen, was hier gesprochen wird (Schwedisch oder Finnisch). Oder wo sonst gräbt man eine Kirche in den Felsen und deckt sie mit einer Kupferspirale? Und wo sonst kann man ein Lenin-Museum besuchen, wo man „Held-der-Arbeit“ Stulpenhandschuhe kaufen kann?

In zwei Sprachen schweigen

: Schon die Überfahrt mit der Fähre ist entspannend und sehr erholsam.

: Schon die Überfahrt mit der Fähre ist entspannend und sehr erholsam.

Auch anderswo mag man überall frei angeln, Elchsafaris machen und Eislochschwimmen gehen können, auch anderswo mag sich das Land jährlich um zwei Zentimeter heben und dadurch ständig vergrößern. Auch anderswo mögen die Menschen jeden Alters und Geschlechtes asymmetrische Frisuren in seltsamen Farbkombinationen auf die Straße führen. Oder Piroggen mit Eibutter oder Reisbutter gefüllt irgendeinen Geschmack abgewinnen. Aber nur hier gibt es die Menschen, von denen Bertolt Brecht sagte: „Die Finnen sind ein Volk, das in zwei Sprachen schweigen kann.“ Was heute nicht mehr stimmt, denn die meisten können auch Englisch. Und wenn man einmal das Eis gebrochen hat (eine für den Großteil des Jahres höchst passende Redewendung), dann plaudern auch Finnen, und sind dabei noch besonders gastfreundlich, offen und fröhlich.

Mini-Kreuzfahrt mit Mikro-Massage

Aber dazu muss man erste einmal hinkommen. Fähren sind da höchst angebracht. Doch auch Rostock oder Travemünde liegen für viele nicht gleich um die Ecke. Ist man aber erst einmal dort, dann geht das finnische Abenteuer los. Vorzugsweise auf einer kleineren Fähre, die noch richtig persönlich und einfach ist, ohne Musikbeschallung, Tanzbar und Spielautomaten: wie die MS Transeuropa von Finnlines. Für die höchstens 114 Passagiere gibt es 30 Außenkabinen, Sauna, Whirlpool und Planschbecken, im Sommer sogar eine kleine Minigolf-Anlage und 22 freundliche Seeleute, die sich um die Passagiere kümmern.

In den Markthallen von Helsinki gibt es allerlei zu entdecken.

In den Markthallen von Helsinki gibt es allerlei zu entdecken.

An Deck findet man immer einen ungestörten Winkel, wo man sich einen Deckchair aufstellen, eine Decke holen und lesen, oder Wolken- und Wellen anschauen kann. Man kann lange schlafen, weil es seit neuestem von 9.30 bis 13.30 Brunch gibt (übrigens: wie auf allen finnischen Fähren gilt hier die finnische Zeit, egal, wo man gerade anlegt oder abfährt). Am Nachmittag, zwischen Sauna und Nichtstun, kann man sich einen Drink an der Bar holen und auf ein Buffet-Abendessen freuen. Dort wird man kollegial gebeten, sein schmutziges Geschirr wieder zurückzustellen, und fühlt sich damit ein bisschen wie ein Teil der Besatzung, der Schiffsfamilie.

Fisch ist im Überfluss vorhanden. Guten Appetit.

Fisch ist im Überfluss vorhanden. Guten Appetit.

Es gibt sogar einen kleinen „Sailor’s Shop“, in dem die Dinge in den Regalen tanzen, wie überall auf einem Schiff: Das Vibrieren der Maschinen begleitet einen dann mit „Mikromassage“ auch wohlig in den Schlaf und man vermisst es, wenn man wieder von Bord ist. Eine Mini-Kreuzfahrt (von Rostock nach Helsinki verbringt man zwei Nächte an Bord, die Fahrt dauert 36 Stunden) wie man sie erholsamer und unaufgeregter nicht verbringen kann. In der Vor- und Nachsaison ist immer ein Platz zu bekommen, für Juni, Juli und August sollte man sich aber drei Monate vorher anmelden, denn da lassen sich viele Urlauber in Ferienhäuser bringen, wie sie Finnland mit seinen unzähligen Seen auf das romantischeste zu bieten hat.

Helsinki: Design in Backstein

Das Sibelius-Denkmal ist dem berühmten finnischen Komponisten Jean Sibelius (1865-1957) gewidmet; es befindet sich im Sibelius-Park von Helsinki.

Das Sibelius-Denkmal ist dem berühmten finnischen Komponisten Jean Sibelius (1865-1957) gewidmet; es befindet sich im Sibelius-Park von Helsinki.

Doch nicht nur der Weg soll das Ziel sein. Man landet in Helsinki, Designerhautpstadt 2012 mit eigenem Designerviertel – ein absolutes Shopping-El-Dorado, wo man Dinge entdecken kann, die es sonst wirklich nirgends gibt. Wie auch unterirdische Gänge der Seefestung, mit der Taschenlampe zu erforschen; den erwähnten Felsendom mit fantastischer Akustik; das Restaurant Capelli, in dem der Komponist Jean Sibelius einen Philosophenstammtisch hielt. 80 Museen sind zu besuchen, davon ein Freilichtmuseum mit eiszeitlichem Marktdorf, das eine eigene Insel besetzt hat. Eine frisch restaurierte alte Markthalle mit netten kleinen Lokalen und einem ständigen Flohmarkt auf dem Platz davor macht Spaß und Appetit. Und die viele verschiedene Saunen (Sauna gibt es natürlich auch in jedem Hotel) gehören hier einfach zum Alltag. Eine Rundfahrt mit der Straßenbahn zeigt viele wuchtige Gebäude in der finnischen „Nationalromantik“ aus Granit, aber auch viel modernes Design, Holzhausarchitektur und sehr viel Grün.

Tampere: Wo Lenin die Revolution plante

Tampere - die Stadt mit den großen Schornsteinen - hat auch jede Menge zu bieten.

Tampere – die Stadt mit den großen Schornsteinen – hat auch jede Menge zu bieten.

Aber wenn schon anders, dann doch bitte ganz anders: Deshalb empfiehlt sich eine Weiterfahrt nach Tampere, etwa zwei Autostunden (180 km) nördlich von Helsinki gelegen. Die größte Binnenstadt Finnlands (mit den vielen Seen rundum nicht schnell als solche erkennbar) ist erst 234 Jahre alt und wegen der Stromschnellen mit ihrer Wasserkraft auf diesem Marktflecken als Industrie- und Handelsstadt gegründet worden. Viele Backsteinbauten, heute als originelle Hotels, Museen oder Restaurants genützt, sind interessante Beispiele der frühen Industrie-Architektur.

Tampere war ja einst eine Art „Silicon-Valley“, wo die erste Papiermaschine Finnlands betrieben wurde, die erste Glühbirnen Finnlands erzeugt wurden, und wo Ideen entstanden: Lenin traf hier erstmals Stalin und plante 1905 die Revolution, hier wurde eine neue Arbeiterbewegung gegründet. Die erste finnischer Radiosendung wurde hier ausgestrahlt. Und – viel später – die erwähnten, allüberall geliebten „Angry Birds“ erfunden.

Grütz-Bratwurst mit Preiselbeeren

Der Tango ist seit über 100 Jahren eine Art Nationalheiligtum in Finnland.

Der Tango ist seit über 100 Jahren eine Art Nationalheiligtum in Finnland.

Tampere ist keine „Wow“-Stadt, die beim ersten Eindruck begeistert. Man muss ein bisserl suchen. Aber man findet sich zurecht. Ganz einfach, weil drei riesige Schornsteine das Wahrzeichen dieser Stadt sind, und man sich danach orientieren kann. Aber auch viel Kurioses, Unerwartetes, Berührendes ist zu finden. Vor allem die ehemaligen Fabriken (wie emsig man hier schuf, beweisen die einst 30 Schuhfabriken, heute drei) bergen Schulen, nette Shops, Museen, Theater und Restaurants.

Apropos Essen: Die Spezialität Tamperes ist Grütz-Blutwurst, die an „Würstelständen“ am Hafen oder am Markt heiß mit Preiselbeeren, einem Donut und kalter Milch bestellt wird. Und nach Geldsumme, nicht nach Gewicht oder Größe. Täglich werden in Tampere davon 4500 kg erzeugt – nicht wenig für eine Stadt mit etwas über 200 000 Einwohnern (und möglicherweise keinem großen Exportbedarf).

Heißer Tango wärmt die Winternächte

Unerschrockene lassen sich in wasserdichten Anzügen auf Stromschnellen dahintreiben.

Unerschrockene lassen sich in wasserdichten Anzügen auf Stromschnellen dahintreiben.

Tampere muss liebenswert sein, wenn doch auch nach dem industriellen Niedergang – die Textilerzeugung wurde, wie überall in Westeuropa, unrentabel, die Schuherzeugung und Holzindustrie ebenfalls – kaum eine Abwanderung festzustellen war, und die Bevölkerung mäßig aber ständig wächst. Und die genießt ihr Leben. Ein Freilichttheater mit Drehbühne zeugt von unglaublichem Optimismus, wie auch 40 km beleuchtete Waldwege und zehn (!) Strandbäder.

Oder man geht eben Eislochschwimmen und liest viel (14 Bibliotheken); oder man gründet ein Koskikellunta-Team und lässt Unerschrockene in wasserdichten Anzügen auf Stromschnellen dahintreiben. Man tanzt auch gerne Tango mit Freunden: Der finnische Tango ist ein Nationalheiligtum seit über 100 Jahren und wird mit einem Tangofestival, mit Tango-Gesangswettbewerben, einem Tango-König und einer Tangokönigin und in unzähligen Privat-Tanzclubs gepflegt. Anfang Februar findet dann der Weltmeisterschafts-Wettbewerb statt, bei dem meist sogar der Weihnachtsmann mitmacht.

Der Tag geht, die Nacht bricht herein.

Der Tag geht, die Nacht bricht herein.

Man geht viel in die Sauna, grillt mit Freunden in seinem Sommerhäuschen an einem der zigtausend Seen und sitzt in den heimeligen Innenhöfen von Kehräsaari zum gemeinsamen Schweigen, aber auch viel Lachen mit Freunden. Und überall sind Besucher willkommen und werden freundlich eingemeindet. Finnland kann was: Was anderes.

Infos: www.finnlines.de (Gratis-Katalogbestellung www.finnlines.com/katalog) www.visithelsinki.fi; www.visittampere.fi.

Fotos: Elisabeth Hewson

Raushier-Reisemagazin

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