zurück



Belgrad: Zwischen Popcorn und Waterfront

In Belgrader Straßen riecht es nach Kino. Auf der Shoppingmeile Knez Mihailova stehen alle paar Meter gelbe Buden. Verkäufer bieten Popcorn mit balkantypischen Gewürzen feil. Musiker klimpern auf verstärkten Elektrogitarren, Maler verkaufen ihre Werke. Aus den Lautsprechern der Cafés dröhnt westliche Popmusik. Dazwischen herrscht geschäftiges Treiben. Bepelzte Serbinnen stöckeln die Fußgängerzone entlang, die Jugend ist auf dem Weg zum Kalmegdan. Die große Parkanlage rund um die Festung wartet mit Blick auf den Zusammenfluss von Save und Donau auf. Dazwischen schieben sich Touristengruppen vorwärts. Im Zentrum zwischen dem Platz der Republik und Kalmegdan ist die Stimmung wie immer. Für die umgebenden Viertel gilt das nicht. Belgrad verändert sich. Zentrum der urbanen Dynamik sind die Stadtteile Dorćol und Savamala.

Das Haus der Nationalversammlung im Zentrum Belgrads.

Das Haus der Nationalversammlung im Zentrum Belgrads.

Srđan Tunić macht den Wandel an der Kunst aus. Er ist Kunst-Historiker und Kurator und bietet Besuchern und Einheimischen Spaziergänge durch die Belgrader Straßen an. Dorćol liegt im Fokus. Die zweistündigen Touren sind Teil des Projektes Street Art Walks Belgrade. Graffiti, Murals, Tags, Schablonentechniken, die Stadt ist voll davon. Belgrader Fassaden dienen als Leinwand für serbische und internationale Künstler. Was ein wenig an Berlin erinnert, hat sich zu einem eigenen Stil entwickelt „Belgrader Streetart ist selten ausdrücklich politisch. Ich verstehe es als dynamische Subkultur“, sagt er.

Botschaften auf den zweiten Blick

Beograd ist die serbische Bezeichnung für Belgrad.

Beograd ist die serbische Bezeichnung für Belgrad.

Botschaften sind wenn überhaupt nur auf den zweiten Blick erkennbar, beziehen sich eher auf Gesellschaft denn auf Politik. Eine Gruppe Anhänger des Fußballclubs Partizan Belgrad hat es sich zur Aufgabe gemacht, der Welt zu zeigen, dass unter den Fans ihres Herzensvereins nicht bloß randalierende Klischeehooligans sind. Sondern auch Kunstliebhaber. Also stellen sie internationale Berühmtheiten als Partizan-Fans dar. Von den Hauswänden grüßen Prominente wie Joe Strummer und Eddy Grant im schwarz-weißen Dress des Hauptstadtclubs.

Popcorn snacken die Belgrader gerne auf der Straße. In der Stadt duftet es nach Kino. Gekauft wird es in Buden wie dieser.

Popcorn snacken die Belgrader gerne auf der Straße. In der Stadt duftet es nach Kino. Gekauft wird es in Buden wie dieser.

Der Star der Szene ist eine Frau. Was insofern erwähnenswert ist, da der Großteil der Belgrader Streetartkünstler männlich ist. Im Alter von 16 Jahren begann sie, öffentliche Flächen zu gestalten. Ihre Kunstwerke markiert sie mit TVK. Die Abkürzung steht für The Kraljica Vila und bedeutet übersetzt in etwa Elfenkönigin. Die Bilder haben durchaus eine politische Dimension. Eine in eine Plastikflasche eingesperrte Meerjungfrau wirbt für mehr Umweltschutz. Zahlreiche Wandgemälde sollen dem Betrachter ein selbstbewusstes Frauenbild vermitteln.

Symbole einer kulinarischen Revolution

Kunst ist in Belgrad eng verbunden mit einer neuen kulinarischen Szene.

Kunst ist in Belgrad eng verbunden mit einer neuen kulinarischen Szene.

Ein rosa Schweinchen mit der Unterschrift „Go vegan“ ist ein weiteres Wandsymbol mit klarer Botschaft. Die kleinen Tierchen ploppen überall in der Stadt auf. Sie sind Symbol einer alternativen Bewegung. In der eigentlich sehr fleischlastigen serbischen Küche kommen sie einer kulinarischen Revolution gleich. Vegane Restaurants eröffnen neben den klassischen Lokalen mit herzhaften Ćevapčići. In Hinterhöfen in Savamala entstehen kleine Cafés im Industriedesign, ehemalige Fabrikhallen werden zu Kunstkonglomeraten mit angeschlossener Gastronomie umgestaltet. Die Stadt ist so lebendig wie nie zuvor.

Ein Belgrader Rundumschlag auf der Wand eines Schulgebäudes in Dorcol.

Ein Belgrader Rundumschlag auf der Wand eines Schulgebäudes in Dorcol.

Mediterranes Lebensgefühl macht sich breit, Belgrader verbringen ihren Feierabend draußen, besuchen die alteingesessenen Kafanas und neumodischen Pizzerien. Essen und Trinken sind wichtige Bestandteile der serbischen Kultur und zugleich Zeugnis der bewegten Vergangenheit, quasi eine Fusionküche aus Ost und West.

Streetart in Belgrad.

Streetart in Belgrad.

„Die Belgrader beginnen ihre eigene Stadt kennenzulernen“, sagt Miodrag Popović. „Die Kunstszene und die alternative Szene explodiert regelrecht.“ Er ist als Chef der Belgrader Tourismusbehörde der oberste Vermarkter der Stadt und kann den Aufbruch mit Zahlen belegen. „Nach Jahren der Stagnation hatten wir 2014 das erste wirklich gute Jahr“, sagt er. Damals zählte die Stadt rund 700.000 Übernachtungen in einem Jahr. 2019 waren es knapp drei Millionen. Die Bevölkerung zieht mit. Investoren und Privatpersonen errichten im gesamten Stadtgebiet neue Unterkünfte. In den zurückliegenden sechs Jahren verdoppelte sich die Zahl der Hotels beinahe von 67 auf 127.

Dubai grüßt Belgrad

Der Platz der Republik ist das unbestrittene Zentrum der Stadt.

Der Platz der Republik ist das unbestrittene Zentrum der Stadt.

Die Veränderungen äußern sich auch in modernen Bauprojekten wie der neuen Waterfront Eine Gruppe Investoren von der arabischen Halbinsel lässt am Ufer der Save ein ganzes Viertel hochziehen. Das alternative Künstlerviertel Savamala ist nur einen Steinwurf entfernt. Bürokomplexe, Hotels, durchgestylte Cafés und eine Flaniermeile am Wasser. Unter dem Bauensemble befindet sich mit dem Belgrade Tower auch das zukünftig höchste Bauwerk der Stadt. Dubaier Himmelstürme lassen grüßen. Es ist eines der zahlreichen Projekte, mit denen die Stadtverwaltung Belgrad für Besucher attraktiver machen möchte. Doch der eigentliche Wandel findet in den Seitenstraßen statt.

Zwei Vögel in Savamala.

Zwei Vögel in Savamala.

Novica Hadžić betrachtet den Wandel aus einer besonderen Perspektive. Er führt Besucher durch den Belgrader Untergrund. Ein grimmig dreinblickender Sicherheitsmann mit weißen Haar öffnet ein Vorhängeschloss auf dem Gelände der Festung. Mit dicken schwarzen Stiefeln schiebt er das Laub auf dem Boden beiseite, öffnet die Tür und gibt den Weg in die Welt unter der Festung frei. Hadžić führt seine Besucher in einen Teil der Festung, der bis vor wenigen Jahren noch nicht besuchbar war – weil die Bevölkerung nichts von dessen Existenz wusste.

Ein Hauch internationales Flair in den Belgrader Straßen.

Ein Hauch internationales Flair in den Belgrader Straßen.

Die Belgrader beginnen ihre eigene Stadt zu entdecken, manchmal auch unabsichtlich. Infolge starker Regenfälle ereignete sich 2008 ein Erdrutsch mitten in der Festungsanlage. Das geologische Ereignis legte einen geheimen Bunker frei, den das Militär in den 1950er Jahren zugemauert hatte. Das Geheimnis war gelüftet. Heute ist der Bunker unterhalb der Festung auch für Touristen besuchbar.

Disco in den Katakomben

Gleiches gilt für die ehemalige Schießpulver-Lagerstätte außerhalb der Festungsmauer. Oben zeugen schräge Fenster vom einstigen Versuch, Kanonenkugeln möglichst keinen Einlass zu gewähren. Unten ist der Boden mit Kaugummis übersät. An den Wänden stehen in Stein gehauene Kunstwerke und Sarkophage. Zeithistorisches Zeugnis trifft Abfall der Moderne. Die Kaugummis waren auch vor 20 Jahren schon hier, als diese historische Einrichtung eine Diskothek war.

Fans der hauptstädtischen Fußballclubs Partizan bemalen Fassaden mit prominenten Personen im Trikot ihres Herzensvereins.

Fans der hauptstädtischen Fußballclubs Partizan bemalen Fassaden mit prominenten Personen im Trikot ihres Herzensvereins.

Bei einem heutigen Besuch wirkt das unvorstellbar. Die Stadtverwaltung besann sich des historischen Werts und ordnete die Schließung des Clubs an. Glücklicherweise waren die historischen Fundstücke unbeschädigt geblieben. Mit Ausnahme eines Steinsockels, der verschwunden war. Jahre später wurde er von einem Pärchen zurückgegeben. Der Mann hatte den Opferaltar der alten Römer mitgehen lassen und für seinen Heiratsantrag umfunktioniert. Danach fungierte er als Beistelltisch. Bis das Gewissen schließlich zu sehr drückte.

In diesem Katakomben war früher eine Disko beheimatet. Heute ist die ehemalige Schießpulver Lagerstätte ein Austellungsort

In diesem Katakomben war früher eine Disko beheimatet. Heute ist die ehemalige Schießpulver Lagerstätte ein Austellungsort

Partys gibt es dort heute immer noch, allerdings nur im Sommer im Außenbereich. Auch dieser Nutzungswandel ist Teil des neuen Selbstverständnisses der Stadt. Sie bleibt weiterhin eine Partymetropole. Aber sie bereitet auch ihre Vergangenheit für Besucher auf.

Tor für die gesamte Region

Die Wollknäule kommen in einer ansonsten grauen Straße in Dorcal besonders bunt daher.

Die Wollknäule kommen in einer ansonsten grauen Straße in Dorcal besonders bunt daher.

Moderne Bauprojekte und eine alternative Szene erhalten in Belgrad Einzug. Dazwischen bleibt der alte Kern der Stadt bestehen. Das zweifelsfreie Zentrum ist nach wie vor die Prachtstraße Knez Mihailova. Hier ist auch der Kinoduft am stärksten. Einen Teil der Tradition bewahrt sich die Stadt also. Das ist auch für Touristen wichtig. Denn nach der stärksten Besuchergruppe aus dem vergangenen Jahr, den Chinesen, ist die Türkei der wichtigste touristische Quellmarkt. „Für Besucher östlich von Serbien ist Belgrad das Tor zum Westen“, sagt Popović. Und dennoch befinde man sich weit genug im Osten, damit sich türkische Besucher in der Stadt wiederfinden können. Die Kultur ist eine Gemengelage aus zentraleuropäischen und persischen Einflüssen. „Wir sind das Tor in die gesamte Region. Alles was in diesen Teil Europas kommt, muss durch Belgrad, schon immer. Das merkt man dieser Stadt an“ sagt Popović.

Die Belgrader kaufen gerne auf den Märkten der lokalen Erzeuger ein.

Die Belgrader kaufen gerne auf den Märkten der lokalen Erzeuger ein.

Die Historie bestätigt ihn. Belgrad ist eine der ältesten Städte in Südosteuropa. Sowohl Österreich-Ungarn als auch die Osmanen hatten Belgrad in der vielumkämpften Vergangenheit besetzt. Über 40 Kriege wurden in und um die Balkanmetropole gefochten. Der kulturelle Mix ist nur eines der Resultate. Die Weltoffenheit ein weiteres. Belgrad gibt sich betont gastfreundlich und scheut sich nicht vor der Konfrontation mit der eigenen Geschichte. Die junge Generation der Alternativen und Künstler, der Cafébetreiber und Atelierbesitzer tut ihr Übriges, um Belgrad fest in der touristischen Landschaft zu etablieren. Dazu passt immer noch Popcorn. Serbische Hauptstädter essen es weiterhin gerne auf der Straße.

Fotos: Jonathan Ponstingl

Anmerkung: Diese Recherche wurde unterstützt von „Tourism of Belgrade“. Die Unterstützung hat keinerlei Auswirkung auf die Neutralität der Berichterstattung.

Reiseinformationen

Subtile Botschaft für den Betrachter Mit solchen Kunstwerken möchten die Künstler auf Umweltschutz aufmerksam machen.

Subtile Botschaft für den Betrachter Mit solchen Kunstwerken möchten die Künstler auf Umweltschutz aufmerksam machen.

Anreise:Air Serbia fliegt im deutschsprachigen Raum u.a. Frankfurt am Main, Berlin, Stuttgart, Wien und Düsseldorf an. Hin- und Rückflug sind ab 81 € zu haben.

Reisezeit: Belgrad ist das ganze Jahr über eine Reise wert. In den Sommermonaten ist das Klima mediterran und das Leben findet auf den Straßen statt. In der Save können Sie dann schwimmen und an der Donau entspannen.

Unterkunft: In schlichter Eleganz nächtigen Sie im Hotel Constantin the Great ab 68 € / DZ. Der Platz der Republik ist von hier fußläufig erreichbar. www.constantinethegreatbelgrade.com/hotel

Informationen erteilt Tourism of Belgradr: www.tob.rs/en

Joe Strummer, Mitbegründer der Band The Clash, ziert auch eine der Belgrader Hauswände.

Joe Strummer, Mitbegründer der Band The Clash, ziert auch eine der Belgrader Hauswände.

Touren und Walks: 

 

 

 

Raushier-Reisemagazin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.