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Reisen in Zeiten der Pandemie

Diego Maradona ist tot! Ich mochte es kaum glauben. Welcher von den fünf Maradonas, denen ich in La Boca begegnet war, fragte ich mich, hatte das Zeitliche gesegnet? Jeder von ihnen trug ein himmelblau-weiß gestreiftes Trikot mit der Zehn auf dem Rücken. War der mit der schwarzen Turnhose und den Stutzen verschieden? Oder einer der beiden, die adidas-Hosen anhatten und mit einem billigen Plastikball jonglierten? Oder war der Mann mit zerschlissenen Jeans und einem Zigarettenstummel im Mund gestorben? Der wohl eher nicht. Denn der stolzierte recht munter und schäkernd mit Eva Peron (1919-1952) im Arm durch La Boca.

In Gelb-Blau, den Farben der Boca Juniors, ist auch das Stadion gestrichen. Die Fußballarena liegt mitten im Stadtviertel La Boca

In Gelb-Blau, den Farben der Boca Juniors, ist auch das Stadion gestrichen. Die Fußballarena liegt mitten im Stadtviertel La Boca

Durch dieses Armenviertel von Buenos Aires werden die Teilnehmer der Stadtrundfahrt oft geführt. Nicht um auf den krassen Gegensatz von Armut und Reichtum in der argentinischen Hauptstadt hinzuweisen, sondern um die Atmosphäre um „La Bombonera“ einzufangen. In dem riesigen Stadion spielen die Boca Juniors, einer der beiden berühmten Fußballclubs von Buenos Aires. Während die Unvermögenden die Juniors unterstützen, favorisiert der Mittelstand den Konkurrenten River Plate.

In Gelb-Blau, den Farben der Boca Juniors, ist auch das Stadion gestrichen. Die Fußballarena liegt mitten im Stadtviertel La Boca

In Gelb-Blau, den Farben der Boca Juniors, ist auch das Stadion gestrichen. Die Fußballarena liegt mitten im Stadtviertel La Boca

Für die gelb-blauen Juniors dribbelte anfangs der junge, aus einem Elendsviertel stammende Maradona. Alle, die ihn damals sahen, dachten, sein Fuß sei mit dem Ball verwachsen und aus ihm werde ganz sicher einmal der „Mozart des argentinischen Fußballs“. Für die Argentinier stieg der Ballvirtuose zum Helden auf, als er bei der Weltmeisterschaft in Mexiko die Demütigung seines Landes im Falkland-Krieg sühnte mit zwei spektakulären Siegtoren gegen England.

Ein Wohnhaus in La Boca.

Ein Wohnhaus in La Boca.

Als ich Buenos Aires besuchte, war ich verwundert, als Maradona mit Eva Peron durch La Boca spazierte und aus Evitas Ghettoblaster die Stimme von Carlos Gardel (1890-1935) schallte. Auch er, der Tangosänger und Komponist, eine argentinische Ikone. Gegen ein paar Pesos warfen sich Diego und Evita in Pose und ließen sich ablichten. Bereits wenige Augenblicke später schauspielerten sie für japanische Touristen.

Reisen im Kopf

Zu den argentinischen Idolen, die verehrt werden, hat sich auch Papst Franziskus gesellt.

Zu den argentinischen Idolen, die verehrt werden, hat sich auch Papst Franziskus gesellt.

An die Begegnungen in La Boca erinnerte ich mich lebhaft, als der Tod des „heiligen Diegito“ verbreitet wurde. Darauf hin durchlebte ich überraschend und völlig unerwartet nochmal meine Reise durch Südamerika. Besonders eingeprägt hatte sich mir das Erlebnis mit den vielen Maradona-Darstellern. War die Wiederholung einer Reise im Kopf nun pure Sehnsucht, um in der Pandemie die Fixierung auf Heim und Home Office abzuschütteln? War es Verlangen, um wieder in die Welt oder wenigstens in Deutschland zu reisen?

Genauso wie seine Fußballmannschaften Boca Juniors oder River Plate feiert Buenos Aires sein berühmtes Opernhaus, das Colón.

Genauso wie seine Fußballmannschaften Boca Juniors oder River Plate feiert Buenos Aires sein berühmtes Opernhaus, das Colón.

Dagegen sprachen vehement die staatlich verkündeten Regeln, Hotels und Flüge zu meiden und kein anderes Land zu besuchen. Viele Länder ließen ohnehin niemanden mehr von außerhalb einreisen. Es sei denn, man ging vor Ort vierzehn Tage in Quarantäne. Ein unmögliches Ansinnen!

Mit Hilfe von Büchern und Bildern ließen sich jedoch die Reise-Beschränkungen umgehen. Man musste nur die Fantasie ein wenig anregen und die Vorstellungskraft aktivieren. So entkam man zeitweise dem alltäglichen Trott und konnte im Kopf reisen.

Hilfen bei imaginierter Reise

Haus Wohnung, ein ehemaliger Adelssitz, heute im Besitz eines rheinischen Energieunternehmens. Ausgangspunkt der imaginierten Rheinreise.

Haus Wohnung, ein ehemaliger Adelssitz, heute im Besitz eines rheinischen Energieunternehmens. Ausgangspunkt der imaginierten Rheinreise.

Als erstes besuchte ich den Rhein. Nicht die ganzen 1.232,7 Kilometern von den Quellen bis zu den Mündungen. Bewusst ist hier der Plural gewählt, denn mit dem Vorder-, dem Hinter- und dem Valser Rhein gibt es drei Quellflüsse. Noch verwirrender wird es bei den Mündungsarmen in die Nordsee. Lek, Waal und Oude Rijn sind die bekanntesten. Diese schlauen Angaben stammen aus Elke Heidenreichs Buch „Alles fließt. Der Rhein“ mit Fotografien von Tom Krausz. In seiner doppelt so umfangreiche Abhandlung über einen „europäischen Fluß und seine Geschichte“ vermittelt Horst Tümmers nochmal doppelt so viele Informationen über den Rhein wie die Schriftstellerin, Moderatorin, Journalistin und Opernlibrettistin Heidenreich. Die Fülle von Informationen hängt vielleicht damit zusammen, wie beide Autoren den Rhein erkundet haben. In kleinen Etappen zu Fuß erlief sich Tümmers den Strom, während Heidenreich und ihr Fotograf mit der MS Rheinmelodie von Basel bis Amsterdam schipperten und abends gemütlich den Rosé genossen. „Fürs Trinken wird auf dem Schiff ein Abonnement angeboten: Für eine bestimmte Summe gibt es so viel man will“.

Blick auf die andere, westliche Rheinseite.

Blick auf die andere, westliche Rheinseite.

Die Ausflugsschiffe halten an vorher bestimmten Orten und fahren nicht sämtliche Sehenswürdigkeiten entlang des Rheins an. So bilden Haltestellen des Schiffes wie Basel, Straßburg, Speyer und Mainz mit Wiesbaden einen Schwerpunkt bei Heidenreich. Ihnen widmet sie sich detailliert und ausführlich. Neben Tatsachen und Sachverhalten erwähnt sie allerhand kuriose Besonderheiten. Sie erzählt von unserem „Wiedervereinigungskanzler“, der zu seinen Lebzeiten möglichst jeden Staatsbesuch in den romanischen Mariendom von Speyer führte, doch nun selbst bei Kaisern und Königen schläft, sodass man über die prominenten Toten und die Speyerer spöttelt: „Wann’s in Speyer die tote Kaiser [und den Kohl] net gäb, wär iuwwerhaupt kä Lewe in der Stadt.“

Bevor Elke Heidenreich den Niederrhein erreicht, verehrt sie die „Stadt mit den vier K: Kirche, Klüngel, Kölsch, Karneval. (Wobei, genau genommen, der Klüngel der Ganzjahreskarneval ist.)“ In Köln lebt sie seit mehr als dreißig Jahren. „Aus Liebe zu dieser lebendigen Stadt“ war sie hergezogen, hat aber in den letzten Jahren „oft eher resigniert angesichts von so viel Fehlplanungen.“

Der Rhein als Lebensweg

Haus Voerde, ein Wasserschloss wie Haus Wohnung, auch einst Adelssitz, jetzt Standesamt der Stadt Voerde.

Haus Voerde, ein Wasserschloss wie Haus Wohnung, auch einst Adelssitz, jetzt Standesamt der Stadt Voerde.

An dieser und vielen anderen Bemerkungen wird offensichtlich, sie möchte nicht nur den Rhein und das, was mit ihm verbunden wird, erfassen, sondern verbindet mit dem Rhein auch Persönliches. Ihr Lebensweg ist verblüffend eng mit dem Strom verbunden. Ihre Berufskarriere startete sie im Badischen, über Mainz und dem ZDF kam sie zum WDR nach Köln. Vielleicht hat sie in ihrer Jugend der Rhein sogar gerettet. „Wäre es nicht möglich gewesen“, schreibt sie, aus dem Ruhrgebiet „ab und zu an den Rhein zu fahren, den Blick zu weiten, den Himmel zu sehen und die Welt dahinter zu ahnen, dann hätte ich ich es – vielleicht – gar nicht ausgehalten.“

Über den den deutschen Abschnitt des Niederrheins von Dinslaken bis Emmerich verliert die Autorin nur wenige Worte. Sie gerät „schier außer sich vor Freude“, als sie einen römischen Aquädukt sieht. Enttäuschung, als sie erfährt, dass es „nur die Reste der im Krieg zerstörten Eisenbahnbrücke Wesel“ sind.

Die Schinkel-Kirche von Götterswickerham.

Die Schinkel-Kirche von Götterswickerham.

Bei meiner Tour entlang des Rheins – ohne Maske – begnügte ich mich mit einem Hundertstel der Gesamtlänge des Rheins. Von Stromkilometer 800 bei Götterswickerhamm ging es nach Spellen. Doch zuvor ein Blick auf die Kirche aus dem 11. Jahrhundert. Weil der preußische Oberlandesbaudirektor Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) den Umbau in den 1830ziger Jahren und das feine gotisierende Dekor verantwortete, nennt man den Bau seitdem Schinkel-Kirche, wie mindestens ein Dutzend anderer Gotteshäuser in Preußen. Jahrhunderte war die Kirche vom Rhein sichtbar und Orientierung für die Schiffer. Als ich mich auf dem nahe gelegenen neuen, erheblich erhöhten Deich befand, fragte ich mich, ob man bei der anstehenden Erhöhung des Deiches den Kirchturm überhaupt noch sehen wird. Meine Gedanken vertrieb recht schnell der immer wehende Wind und der herrliche Blick in die Landschaft mit Wiesen und Weidenbäumen.

Weltbekannt – zuhause vergessen

Joseph Beuys, in Spellen gezeugt, präsentiert sein Kreuz für das Büdericher Ehrenmals.

Joseph Beuys, in Spellen gezeugt, präsentiert sein Kreuz für das Büdericher Ehrenmals.

Heftigen Gegenwind erfuhr in seinem Leben auch Joseph Beuys als Künstler und als Professor der Düsseldorfer Kunstakademie. Im rechtsrheinischen Spellen wurde er vor hundert Jahren außerehelich gezeugt, was seine streng katholischen Eltern verbargen durch eine Eheschließung und einen raschen Umzug nach Krefeld, wo er unter schleierhaften Umständen zur Welt kam. Jedoch behauptete Beuys stets, er sei in Kleve geboren. Im Leben erzählte er so manche Geschichte, die oft der Wirklichkeit nicht standhielt. Erinnert sei an die Legende von seiner Rekonvaleszenz, als im Zweiten Weltkrieg ihn Tataren mit Filz und Fett heilten. Noch als etablierter Künstler fuhr er mit seiner Frau und in seinen geliebten amerikanischen Straßenkreuzern in Spellen vor. Hier fand er Handwerker, die ihn bei der Herstellung seiner Kunstwerke halfen; hier nahm er an den Schützenfesten mit Umtrunk teil. Aber Spellen feiert seinen 100. Geburtstag nicht. Stattdessen hat NRW in dem nahe des Rheins gelegenen Schloss Moyland für ihn ein Museum eingerichtet. Hier soll, wie Tümmers im besten kunstgeschichtlichen Deutsch schreibt, „die ästhetische Radikalität, die utopische Kraft der erweiterten, sozialen Kunst des Joseph Beuys“ weiterwirken.

Schloss Moyland und das versinkende Haus von Tea Mäkipää. Das Schloss zeigt permanent Kunst von Joseph Beuys und ist ein Forschungszentrum zu Beuys.

Schloss Moyland und das versinkende Haus von Tea Mäkipää. Das Schloss zeigt permanent Kunst von Joseph Beuys und ist ein Forschungszentrum zu Beuys.

Meine Strecke entlang des Stromes war ausgesprochen kurz. Noch wesentlich länger sind die Geschichten, die der Rhein selbst über diesen kleinen Abschnitt meiner Tour erzählen könnte. Von den Römern und den ein Jahrhundert langen Kämpfen zwischen Niederländern und Spaniern könnte er berichten. Keinesfalls wird er die Zeit Napoleons vergessen, als man links und rechts des Rheins Französisch sprach. Den Triumph der Alliierten im Zweiten Weltkrieg wird er nicht verdrängen, als in Siegerpose Winston Churchill, Dwight D. Eisenhower und Bernard Montgomery zwischen Götterswickerhamm und Spellen den Rhein überquerten.

Frachtschiff in niederrheinischer Landschaft.

Frachtschiff in niederrheinischer Landschaft.

Im Pandemiejahr 2020 sehe ich den Rhein und seine Geschichte etwas anders als zuvor. Einerseits wie Elke Heidenreich und Horst Tümmers erschrocken über die Schäden, die wir dem Rhein in Jahrhunderten zugefügt haben, doch andererseits glücklich über die Segnungen und Gaben, die er uns schenkt.

Fotos: Gisela Marzin

Raushier-Reisemagazin

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