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Vom Glück, versichert zu sein: Zwei Monate ohne Bewusstsein

Auf Reisen begegnen einem Menschen mit außergewöhnlichen Geschichten. So einer ist der  aus  Deggendorf stammende Gastwirt Helmut „Leo“ Weiss. In Sihanoukville, an der kambodschanischen Küste, betreibt er seit einigen Jahren das Restaurant „The Bavarian“. Immer sonntags bereitet Leo frischen bayerischen Schweinsbraten, resch, mit Knödeln und Kraut. Dann ist das Lokal oft ausgebucht. Wer möchte, kann auch Rouladen oder Käsespätzle bestellen. In Flaschen gibt’s Erdinger. Bis er einen Unfall hat.

Helmut "Leo" Weiß vor seinem Lokal. Foto: Gertz

Helmut “Leo” Weiß vor seinem Lokal. Foto: Gertz

Ende Mai 2014, morgens gegen acht. Leo schnappt sich einen Stuhl, um die Uhr über der Theke nachzustellen. Eine unachtsame Bewegung, der Stuhl wackelt, Leo stürzt unsanft zu Boden. Unter Schmerzen versucht er sich aufzurichten – ohne Erfolg. Seine Küchenhilfe und einige Passanten eilen ihm zu Hilfe, richten ihn auf und setzen ihn in einen Sessel. Sein erster Gedanke: bloß eine Prellung. Anderntags, unter quälenden Schmerzen, trifft Leo eine folgenreiche Entscheidung: Er ruft ein Taxi und lässt sich ins Bangkok Hospital nach Phnom Penh bringen. Diagnose: Oberschenkelhalsbruch.

In Deutschland würde Leo nun medizinisch nach Lehrbuch betreut, schnell operiert und anschließend in die Reha geschickt. Doch in Südostasien gehen die Uhren anders. In der Klinik aufgenommen, wird Leo mit Schmerzmitteln vollgepumpt. Er verliert sein Bewusstsein. Als er wieder zu sich kommt, wird er gerade mit einem Krankenwagen zu einer Klinik nahe Deggendorf transportiert. Unglaublich, aber seit seinem Unfall sind zwei Monate vergangen.

Das "The Bavarian" in Sihanoukville. Foto: Gertz

Das “The Bavarian” in Sihanoukville. Foto: Gertz

Wie ihm die Ärzte bestätigen, ist der Bruch gut verheilt. Auch die Untersuchung von Nerven und Gehirn, die nach einer so langen Phase der Bewusstlosigkeit durchaus Schaden nehmen könnten, zeigt ein erfreulich gutes Ergebnis. Warum man ihn temporär ins Delirium versenkte, erfährt Leo nicht. Weder von deutschen noch von seinen asiatischen Ärzten. Leo hakt das Thema ab und will sofort wieder zurück nach Kambodscha, die Arbeit ruft. Heute benötigt er nur noch die Krücke. In einigen Wochen, sagt er, will er wieder gänzlich ohne Hilfen gehen können. Heilfroh sei er, dass ihm finanziell kein Schaden entstand.

Leo hat vor Jahren eine Krankenversicherung abgeschlossen, die sich speziell an Expats richtet. Das sind Personen, die im Ausland leben und arbeiten, aber auch Langzeitreisende und Globetrotter, die in der Fremde nicht auf den Versicherungsschutz zählen können, der einem in Deutschland durch gesetzliche oder private Kassen zusteht. Dafür bezahlt Leo einmalig pro Jahr 2900 Dollar.

Nach seiner Kalkulation sind für die “Odyssée” rund 100.000 Dollar Kosten entstanden: Allein die Operation, für die er eigens von Phnom Penh nach Bangkok verlegt worden war, steht mit 17.000 Dollar zu Buche. Internationale Kliniken in Asien berechnen pro Aufenthaltstag rund 1000 Dollar, hinzu kommen Kosten für die laufende Behandlung und – nicht zu vergessen – für die ärztlich verordneten Flüge mit Spezialmaschinen zwischen den einzelnen Krankenhäusern in Kambodscha, Thailand und Deutschland. Nicht einen Cent musste Leo aus eigener Tasche bezahlen. Seine Expat-Versicherung bestritt sämtliche Kosten.

Leos Geschichte ist naturgemäß Gesprächsthema Nummer eins unter seinen Stammgästen. Einigen wird mulmig zumute, weil sie erkennen, so etwas könnte auch ihnen zustoßen. Manch einer genießt das Leben und meint, sich die Kosten für eine Krankenversicherung sparen zu können. Andere sind der irrigen Annahme, ihre in Deutschland gültigen Versicherungen würden auch hier einspringen. Wiederum andere schließen eine sogenannte Reiseversicherung ab, ohne sich genau zu informieren. Kommt es zu einer Erkrankung oder einem Unfall, bleiben sie auf den Kosten sitzen, weil diese Versicherungen nur maximal 56 Tage gültig sind und lediglich das Allernötigste abdecken. Leo kennt Gäste, die wegen eines Unfalls mit dem Moped hohe Schulden abtragen und deshalb vorzeitig den Urlaub abbrechen müssen.

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