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Zu unrecht verfemt: Dinslaken-Lohberg

Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn“ und waren unterwegs auf der A 3 von Amsterdam nach Köln. „Jetzt schalten wir ja das Radio an / Aus dem Lautsprecher klingt es dann“ und später steht es in allen Zeitungen: Nils D. beschrieb „seine Radikalisierung in Dinslaken“, wo er Kontakt zu Islamisten der sogenannten Lohberger Brigade bekam. Später folgte er ihnen nach Syrien, in den Kampf für den IS. Das Oberlandesgericht verurteilte ihn zu viereinhalb Jahren Haft (SZ vom 5./6.03.2016).

Der Eingang zur ehemaligen Zeche Lohberg. Die Gebäude im Eingangsbereich sind wie der Förderturm erhalten geblieben.

Der Eingang zur ehemaligen Zeche Lohberg. Die Gebäude im Eingangsbereich sind wie der Förderturm erhalten geblieben.

Tatsächlich, als nächste Ausfahrt wird Dinslaken-Nord angezeigt. Hier also liegt Dinslaken und das „Dorf“ Lohberg, aus dem so viele Männer für den IS in den Kampf gezogen sind. Als Lohberger Brigade sind sie durch alle Medien bundesweit bekannt geworden. Eine volle Stunde hat zum Beispiel der Deutschlandfunk über Lohberg und die Salafisten berichtet und später für diese Sendung mit falschen geografischen Angaben sogar einen Preis bekommen.

Geprägt vom Bergbau

Das „Bullenkloster“, wie das Haus der ledigen Bergleute einst genannt wurde. Heute beherbergt es Büros, Restaurants und ein Veranstaltungsraum, in dem die renommierten Jazz-Konzerte stattfinden.

Das „Bullenkloster“, wie das Haus der ledigen Bergleute einst genannt wurde. Heute beherbergt es Büros, Restaurants und ein Veranstaltungsraum, in dem die renommierten Jazz-Konzerte stattfinden.

Vor und nach der Ausfahrt Dinslaken-Nord sieht der Besucher als erstes von dem Ort, über den so viel berichtet und gesprochen wird, einen 114 Meter hohen Berg inmitten einer ansonsten flachen Landschaft. Es ist eine riesige Halde und nun ist klar, was Dinslaken-Lohberg seit dem Abteufen des ersten Schachts 1907 bis zur Schließung der Zeche 2005/2006, also in den letzten einhundert Jahren seit der Stadtgründung im Jahre 1273 geprägt hat: Der Bergbau.

Ein Stand auf dem Johannesplatz, auf dem zweimal in Woche Markt ist.

Ein Stand auf dem Johannesplatz, auf dem zweimal in der Woche Markt ist.

Einige ehemalige Zechenbauten stehen noch wie der Förderturm oder die immense Kohlenmischhalle, in der die Ruhrtriennale 2015 mit dem Musik-und Schauspielprojekt „Accattone“ eröffnet wurde. Ansonsten ist das Zechengelände in eine Freizeit- und Erholungslandschaft umgestaltet. Entstanden ist ein Bergpark, von dessen höchstem Punkt auf der grünen Halde bei schönem Wetter der Blick nach Westen bis weit über den Rhein und nach Südosten über Oberhausen und Essen bis ins Ruhrgebiet hinein geht. Solch’ eine Weitsicht widerspricht der Vorstellung, dass hier einst schwer malocht wurde.

Aufgebauscht?

Einst war im Kasino der Schankraum zwischen Hauern und Steigern genau getrennt; heute speisen im Alten Kasino alle in einem Raum.

Einst war im Kasino der Schankraum zwischen Hauern und Steigern genau getrennt; heute speisen im Alten Kasino alle in einem Raum.

Jetzt toben auf dem Rasen kleine Kinder, Mütter schieben Kinderwagen über neue Wege und einige Spaziergänger stehen ratlos vor der Skulptur „Hase” von Thomas Schütte. Nirgends sind verschleierte oder gar Burka tragende Frauen zu sehen und nirgends junge Männer mit Salafisten-Bärten. Kein Koran wird im Park oder seiner Umgebung feil geboten oder kostenlos verteilt. Die Besucher des Bergparks unterscheiden sich in nichts von denen des Berliner Tiergartens oder des Englischen Gartens in München. In einhundert Portraits mit Kommentaren wird diese Normalität, die diametral von den zu Terroristen gewordenen Männern abweicht, von den Lohbergern im Alter von 1 bis 100 (für das Forum Lohberg) dokumentiert. Da fragt es sich, ob Dinslaken-Lohberg nicht als Hort von Deutschlands Islamisten aufgebauscht ist und gleichzeitig disqualifiziert wird?

Jazz-Hochburg

Gebannt warten die Zuschauer auf dem Beginn der Vorstellung im Theater „Halbe Treppe“.

Gebannt warten die Zuschauer auf dem Beginn der Vorstellung im Theater „Halbe Treppe“.

Auf dem Weg zum Marktplatz, ungefähr 300 Meter vom ehemaligen Zechentor entfernt, ist die Stimmung genau so entspannt wie im Park. Man passiert das Ledigenheim, ein schlichtes, aber imposantes Gebäude, in dem einst unverheiratete Bergleute untergebracht waren und das den Spitznamen „Bullenkloster“ trug. Klösterlich ging es darin gewiss nicht zu; heute erst recht nicht, vor allem nicht für konservative Islamisten. Im großen Bühnensaal des Hauses gastiert regelmäßig die Jazz Initiative, deren Konzerte weit über die Stadt bekannt und gerühmt sind. Wie man weiß, sind Salafisten Musik gegenüber besonders argwöhnisch, denn sie ist wie Weingenuss, Unzucht und Ekstase sündig und verdorben. Dennoch wird ohne Beeinträchtigungen Monat für Monat Bebob, Swing oder Free Jazz in Lohberg gespielt.

Der "Rote Hase" von Thomas Schütte auf dem ehemaligen Zechengelände erweckt bei den Besucher Ratlosigkeit und mitunter Verärgerung. Im Hintergrund steht die riesige Kohlenmischhalle, der Premieren-Ort der Ruhrtriennale 2015.

Der “Rote Hase” von Thomas Schütte auf dem ehemaligen Zechengelände erweckt bei den Besucher Ratlosigkeit und mitunter Verärgerung. Im Hintergrund steht die riesige Kohlenmischhalle, der Premieren-Ort der Ruhrtriennale 2015.

Wenige Schritte hinter dem Ledigenheim liegt der Johannesplatz, das Zentrum des Stadtteils. Der Platz trägt als einziger einen Namen, der nicht mit dem Bergbau oder der Kohle in Verbindung steht. Ringsum heißen die Straßen Steiger- und Hauer- oder Koks- und Teerstraße. An Markttagen soll der Platz proppenvoll sein, nachmittags kicken nur ein paar Jungs auf dem Asphalt und leere Sitzbänke finden sich reichlich. Nirgendwo stehen martialisch blickende Männer konspirativ zusammen und taxieren den Fremden.

Statt auf potenzielle Terroristen stößt der Besucher in der Nähe des Platzes auf das Theater „Halbe Treppe“, ein kleines, privat getragenes und finanziertes Theater. Im Verruf geratenen Lohberg feiert es Erfolge mit seinem abwechslungsreichen und ansprechenden Programm, das Schauspiel, Kabarett und Comedy sowie Konzerte und Lesungen umfasst.

Eigenes Landestheater – als kleinste Gemeinde Deutschlands

Ein Reihenhaus auf der Haldenstraße im fast ursprünglichen Zustand.

Ein Reihenhaus auf der Haldenstraße im fast ursprünglichen Zustand.

Damit nicht genug an Theatern. Dinslaken ist die kleinste Gemeinde in Deutschland, die über ein Landestheater verfügt. Wie fast überall möchten kurzsichtige Politiker auch dieser Bühne das knappe Geld noch kürzen, aber sie verkennen, dass gerade das Theater Aufklärung und Humanität verkörpert und Zeichen setzt gegen Verblendung und Falschheit. Eindrucksvoll bestätigen dies die Inszenierungen des Landestheaters Burghofbühne. Wären die Berichte und Darstellungen über Dinslaken-Lohberg doch ähnlich unverzerrt und unvoreingenommen.

Auf der „Route der Industriekultur“

Eine Eckbebauung in der nach englischen Vorbild gestalteten Gartenstadt Lohberg.

Eine Eckbebauung in der nach englischen Vorbild gestalteten Gartenstadt Lohberg.

Jenseits von Terrorismus und Menschenverachtung und neben den kulturellen Aktivitäten schmückt das architektonische Erbe den gescholtenen Stadtteil Lohberg, der ab 1907 zeitgleich mit dem Bergwerk in ländlicher Umgebung entstanden ist. Wie unberührt, urwüchsig und idyllisch zugleich die Landschaft damals gewesen ist, bezeugen die Bilder des hier aufgewachsenen Malers und Grafikers Felix Hollenberg (1868-1945; eine Ausstellung seiner Radierungen und Gemälde wird in Kürze im Stadtmuseum Dinslaken eröffnet).

Blick auf die Rückseite der Häuser, über die Freiflächen und die Gärten der Bewohner.

Blick auf die Rückseite der Häuser, über die Freiflächen und die Gärten der Bewohner.

Nach dem Vorbild englischer Gartenstädte entstand eine Kolonie mit fast 1000 Wohnhäusern, Geschäften, einer Schule, Kindergärten, einer Poststelle, Polizeistation und Arztpraxen. Unterschiedliche Hausformen mit verschiedenen Elementen geben der Siedlung ein abwechslungsreiches Aussehen. Während viele Häuser ihren Urzustand wundervoll bewahrt haben, sind andere durch Billigprodukte aus dem Baumarkt leider etwas verunstaltet. Die zahlreichen Freiflächen zwischen den Bauten ermöglichten den Bewohnern die Haltung einer Ziege – der Kuh des kleinen Mannes – und den Anbau von Obst und Gemüse. Heute steht Lohberg unter Denkmalschutz und ist eine Sehenswürdigkeit auf der „Route der Industriekultur“.

Herberts Currywurst

Das Gemälde von Karl Heiduck in der ehemaligen Lohnhalle der Zeche ist erhalten geblieben. Es symbolisiert den Zusammenhalt und die Gemeinsamkeit von Bauer, Handwerker und Bergmann in Dinslaken-Lohberg.

Das Gemälde von Karl Heiduck in der ehemaligen Lohnhalle der Zeche ist erhalten geblieben. Es symbolisiert den Zusammenhalt und die Gemeinsamkeit von Bauer, Stahlarbeiter und Bergmann in Dinslaken-Lohberg.

„Kommste vonne Schicht / wat schönret gibt et nich / als wie Currywurst“, singt Herbert Grönemeyer. Auch wenn niemand mehr von der Schicht auf Lohberg kommt, sondern von der Besichtigung der klassischen Zechensiedlung, schmeckt im Alten Kasino gleich gegenüber dem Zechentor die Wurst „mit hausgemachter, pikanter Sauce, gebackenen Kartoffelspalten, Salzgurkenscheiben und Kräuterdip“. Der Bereich des Kasinos, wo heute gespeist wird, war früher nur den Steigern vorbehalten.

Vor oder nach der Schicht genehmigte sich mancher Bergmann auf die Schnelle ein Bier oder Hochprozentigeres am Kiosk nahe des Schachts. Heute ist der Kiosk ein Kunstobjekt.

Vor oder nach der Schicht genehmigte sich mancher Bergmann auf die Schnelle ein Bier oder Hochprozentigeres am Kiosk nahe des Schachts. Heute ist der Kiosk ein Kunstobjekt.

Für die einfachen Hauer gab es eine Kneipe nebenan, um den Durst nach Stunden unter Tage bei 50° Celsius zu löschen. Ab und an spülen hier Künstler, die in erhalten gebliebenen Zechengebäuden untergekommen sind, ihren Ärger und ihre Verzweiflung herunter wegen der falschen Urteile der Welt über Lohberg. Vor allem dann, wenn wieder abscheuliche Verbrechen eines deutschen IS-Kämpfers – der Dinslakener war dabei, wie Gefangene enthauptet und gekreuzigt wurden, er verscharrte eine Leiche auf der Müllkippe (SZ vom 5./6.03.2016) – und Dinslaken-Lohberg in einen Topf geworfen und zu diesem Ort in Beziehung gesetzt werden.

Fotos: Klaus Ulrich, Dinslaken.

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4 Gedanken zu „Zu unrecht verfemt: Dinslaken-Lohberg

  1. Das ist sehr schön zu lesen. Ich bin begeistert,
    das andere Leute Dinslaken/Lohberg zu schätzen wissen. Ich lebe 43 Jahre in Dinslaken, 20 davon habe ich in lohberg verbracht. Traurig das die revolverpresse uns verunglimpft und abstempeln. Das ist aber der auch die breite masse, aber wollen wir die breite Masse in lohberg haben. Nein. Ich danke euch für diese positiven Eindrücke.
    danke danke danke
    Übrigens Heidfeld ist auch eine Reise wert. Aber die Musik spielt im Moment in lohberg.

  2. 51 Lebensjahre, aufgewachsen in Friedrichsfeld, die meiste Zeit im Kreis Wesel und in Duisburg gelebt – die besten Jahre davon waren die in Lohberg!!! Man muß es akzeptieren, dass die vollidioten des IS auch in Lohberg ihr Unwesen treiben, aber man kann sich davon dieses wundervolle Dorf nicht kaputtmachen lassen. Ich komme auch heute noch oft in die Hauerstraße,wo ich einmal gewohnt habe, und esse bei Ilhan ein Hähnchen oder einen Türkburger, egal was geredet wird und wer sich da sonst noch – laut Revolverblatt STERN – aufhält.

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