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Parque Natural do Caraça: Verschnaufpause im Paradies

In engen Kurven schlängelt sich die Straße durch dichte Wälder, steil bergan, gesäumt von undurchdringlichem Grün. Weit und breit keine Menschenseele, die letzten Fazendas liegen längst hinter uns. Eine Schranke markiert die Zufahrt zu einem kleinen Paradies: dem Parque Natural do Caraça. Doch erst nach weiteren gut 15 Kilometern erreichen wir das Santuário do Caraça – eine Oase der Ruhe und des Friedens im sonst vor Lebenslust und  Hektik brodelnden Brasilien.

Das Santuário do Caraça ist eine Oase der Ruhe und des Friedens.

Das Santuário do Caraça ist eine Oase der Ruhe und des Friedens.

Das Santuário ist ein perfekter Ort, um sich von den Eindrücken und Strapazen einer Rundreise durch Brasilien eine Verschnaufpause zu gönnen. Zirka zwei Autostunden östlich von Belo Horizonte liegt es inmitten eines Naturparks auf halber Strecke zur Welterbe-Stadt Ouro Preto. Im ehemaligen Kloster empfängt den Besucher heute eine gepflegte Pousada (Gaststätte). Besonders an Wochenenden entspannen hier neben wenigen Touristen Paare und Familien aus Belo Horizonte. Doch es ist nicht nur die Abgeschiedenheit und die gute Mineiro-Küche, die sie nach Caraça lockt, sondern ein einzigartiges allabendliches Ritual: die Fütterung der Mähnenwölfe.

Wenn die Mähnenwölfe speisen…

Im Kloster entspannen neben wenigen Touristen Paare und Familien aus Belo Horizonte.

Im Kloster entspannen neben wenigen Touristen Paare und Familien aus Belo Horizonte.

Vor rund 30 Jahren begann einer der Padres, sich in der Tradition Franz von Assisis mit dem Lobo Guará anzufreunden. Der Padre zog die im umliegenden Cerrado lebenden Mähnenwölfe mit allerlei Leckerbissen aus der Klosterküche an.

Der Lobo ist aufgetaucht? Das lange und stille Warten hat sich gelohnt

Der Lobo ist aufgetaucht Das lange und stille Warten hat sich gelohnt.

Seither bietet sich Abend für Abend das gleiche Spektakel. Nach dem Essen pilgern die Gäste und der Padre auf den kleinen Platz vor der Kirche. Jetzt heißt es, sich in Geduld zu üben. Wann zeigt sich der Lobo? Kommt er heute? Oder ist es gar zu unruhig? Bei einem Glas Bier oder Cachaça fällt das stille Warten den meisten Gästen nicht gerade leicht.

„Komm, komm, hier ist es friedlich“, murmelt Padre Paulo mit sonorer Stimme. „Na, komm, du bist doch hungrig, deine Familie auch.“ Plötzlich tastet sich ein seltsam hochbeiniges Tier die Freitreppe zur Kirche empor. Mit blitzenden Augen, scheu und nervös tänzelnd nähert es sich der prall gefüllten Schale. „Der Lobo guará lebt in familienähnlichen Strukturen, Vater, Mutter, Jungtiere“, erzählt der Padre. „Zuerst frisst der Vater, dann die Mutter und schließlich der Rest der Familie, jeder allein für sich.“

Die Stimmung ist magisch

1876 begann der Bau des Klosters im neugotischen Stil.

1876 begann der Bau des Klosters im neugotischen Stil.

Im Klostergarten unterhalb der Kirche sichern die übrigen Mitglieder des Wolfs-Clans den Rückzug. Eine magische Stimmung breitet sich aus. Wir empfinden, gerade einen besonderen Moment erlebt zu haben. Diese Stimmung begleitet uns auch durch den nächsten Tag, als wir Kloster und Umgebung ergründen und durch die Wälder streifen.

Caraça liegt inmitten eines Biosphären-Reservats mit üppiger Flora und Fauna. Die Ausläufer des atlantischen Regenwaldes treffen hier auf das Cerrado, die Vegetation der Savanne. Neben dem Lobo Guará sollen sogar Tapire und Pumas hier leben.

Ein Mönch als Missionar

Caraça liegt inmitten eines Biosphären-Reservats mit üppiger Flora und Fauna.

Caraça liegt inmitten eines Biosphären-Reservats mit üppiger Flora und Fauna.

2000 Meter hohe Gipfel umgrenzen das Kloster, darunter der imposante Pico do Sol, der höchste Berg der Region. Eine Wanderung führt uns zur Cachoeirinha, einem kleinen Wasserfall mit natürlicher Badestelle und der Ruine einer Kapelle oberhalb des Klosters. Die Geschichte Caraças ist eng verbunden mit dem portugiesischen Mönch Lourenço, der 1770 als Missionar nach Minas Gerais kam. Wenige Jahre später erbaute er in Caraça eine kleine barocke Kapelle. Geplagt von körperlichen Gebrechen und finanziellen Sorgen vermachte er diese der portugiesischen Krone, die den Besitz schließlich dem Vinzentiner-Orden aus Rio de Janeiro übertrug.

Der Orden gründete eine weit über die Grenzen von Minas Gerais hinaus bekannten Schule mit Priester-Kolleg. 1876 begann schließlich der Bau des Klosters im neugotischen Stil.  „Nur Caraça lohnt den ganzen Besuch in Minas Gerais“, schwärmte einst der brasilianische Kaiser Dom Pedro II, Sohn einer Habsburgerin. 1881 verweilte er gemeinsam mit seiner Frau Teresa Maria Cristina von Neapel-Sizilien auf Reisen zwei Tage im Kloster.

Die Schule ist sehr renommiert

Der Klostergarten ist ein gepflegter Rückzugsort.

Der Klostergarten ist ein gepflegter Rückzugsort.

Des Kaisers Bettstatt und einige seiner Tagebuchnotizen sind im Museum ausgestellt. Das Museum befindet sich im ehemaligen Schulgebäude und beheimatet heute unter anderem eine bedeutende historische Bibliothek. Das Kolleg galt im vergangenen Jahrhundert als eine der renommiertesten Schulen des Landes. In ihrer 148-jährigen Geschichte besuchten sie mehrere spätere brasilianische Präsidenten; Gouverneure und ungezählte Senatoren und Abgeordnete drückten dort dereinst die Schulbank.

Eine Feuersbrunst zerstörte 1968 das Kolleg. Die Schule wurde geschlossen. Mitte der 1970er-Jahre rettete eine Idee das Kloster vor dem Verfall: Die Gemeinschaft sanierte die Gebäude und verwandelte sie in eine Pousada, einen Landgasthof. Getafelt wird heute übrigens im Refektorium und der ehemaligen Klosterküche. Im vielleicht originellsten Speisesaal von Minas Gerais dürfen sich die Gäste Spiegeleier und Pfannkuchen auf dem Eisenofen selber brutzeln.

Wichtige Informationen

      • Adresse: Santuário do Caraça, Santa Bárbara – MG, 35960-000, Brasilien, Tel.:+55 31 3837-2698. Die dem Nationalpark nächstgelegenen Städte sind Santa Bárbara und Barão de Cocais.
      • Anreise: Von Belo Horizonte aus: Mit dem Bus nach Barão de Cocais (Busgesellschaft: Pássaro Verde www.passaroverde.com.br), Dauer ca. drei Stunden, von dort weiter mit dem Taxi. – Von Ouro Preto aus: Mit dem Bus nach Santa Barbara (Busgesellschaft: Vale do Ouro), Dauer ca. 3 Stunden, von dort weiter mit dem Taxi.
      • Der Nationalpark ist täglich von 7 bis 17 Uhr geöffnet.
      • Preise: Übernachtung Pousada: Doppelzimmer mit jeweils üppigem Frühstück, Mittagessen und Abendessen ca. R$ (Brasilianischer Real) 200 bis 350 = 51 – 92 Euro) – abhängig von Zimmerausstattung und Wochentag.

Fotos: Hans-Georg Nagel

Raushier-Reisemagazin

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