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In acht Tagen durch das Heilige Land

Ohne Ahnung und voll eifrigen Tatendrangs rennen die Touristen in die Falle, schrieb Anna Mitgutsch in ihrem Roman „Abschied von Jerusalem“ (Berlin 21995). Denn „die Einheimischen lesen in ihnen wie in offenen Büchern“ und sehen, „ob sie ein Ziel haben oder sich treiben lassen.“ Wie Hellseher sagen sie einen Satz, „der neugierig macht.“ So ähnlich erging es uns als Tourist in Jerusalem. Als wir auf den Stadtplan schauten, bot sich uns ein Sepharde an, der umständlich und weit ausholend von der jüdischen Geschichte sprach und eigentlich nur den Weg zeigen wollte. Er führte uns kreuz und quer durch die engen Gassen des jüdischen Viertels, zeigte eine Synagoge nach der anderen und forderte immer wieder auf, Fotos zu machen von den allerbesten Motiven, die allein er kannte.

In Jerusalem wird die imposante Tempelmauer unterbrochen durch das Goldene Tor, durch das der Messias, wie die Juden glaubten, die Stadt betrete. Deshalb und aus strategischen Überlegungen vermauerten die Araber das Tor und legten einen Friedhof davor an. Links neben dem Tor die vergoldete Aluminium-Kuppel des Felsendoms.

In Jerusalem wird die imposante Tempelmauer unterbrochen durch das Goldene Tor, durch das der Messias, wie die Juden glaubten, die Stadt betrete. Deshalb und aus strategischen Überlegungen vermauerten die Araber das Tor und legten einen Friedhof davor an. Links neben dem Tor die vergoldete Aluminium-Kuppel des Felsendoms.

Unseren Stadtplan hatte der Cicerone, wie er sich ganz nebenbei nannte, nicht unabsichtlich an sich genommen, sodass wir nicht mehr wussten, wo wir uns befanden. Nach anscheinend planlosem Hin und Her und allzu viel Liebedienerei wollten wir uns verabschieden, zumal wir unbedingt unseren Bus zum Hotel in Bethlehem erreichen und unser Abendessen nicht versäumen wollten.

Der Abschied veränderte sein Verhalten in Sekundenschnelle. Nun beschimpfte und verunglimpfte er uns, wie wir es bisher nie vernommen hatten. Selbst eine nicht geringe Geldspende für seine Hilfsbereitschaft beruhigte ihn nicht. Noch nach vielen Metern Wegs hörten wir seine wüsten Schmähungen.

Unterwegs in Jerusalem

Die Cafeteria der Erlöserkirche, von Kaiser Wilhelm II. 1898 eingeweiht als geistliches Zentrum des Protestantismus im Heiligen Land. Die Cafeteria ist ein Hort der Stille und Erholung in der quirligen Altstadt.

Die Cafeteria der Erlöserkirche, von Kaiser Wilhelm II. 1898 eingeweiht als geistliches Zentrum des Protestantismus im Heiligen Land. Die Cafeteria ist ein Hort der Stille und Erholung in der quirligen Altstadt.

Am Jaffa-Tor, der Verbindungsstelle zwischen Alt- und Neustadt, welches wir durch den Gang entlang der gewaltigen Stadtmauer aus Sultan Suleimans Zeiten und durch das armenische Viertel erreichten, wartete der Linienbus ins palästinensische Bethlehem. Die Schlange vor und das Gedränge im Bus erinnerten an das Tohuwabohu in der Grabeskirche. Dort feierte eine unüberschaubare Zahl orthodoxer Christen Ostern, das in diesem Jahr mit dem jüdischen Pessach-Fest zusammen fiel.

Der Ansturm der Orthodoxen sowie das rigorose Vorgehen ihrer körperlich gut gestählten Priester – so es denn welche waren – ließ anderen Besuchern keinen Raum mehr in der Kirche, sodass wir notgedrungen auf den Besuch der Grabstelle Christi verzichteten und möglichst rasch das Freie und den Vorplatz der Kirche erreichen wollten, um Atem zu schöpfen.

Vor der Grotte in der Geburtskirche von Bethlehem feiern Christen Gottesdienst und Besucher werden dementsprechend fern gehalten, auch wenn sie sich vorher durch ein nur 1,20 Meter hohes Portal gezwängt haben. Dieser schmale Spalt sollte das Eindringen der Mamelucken zu Pferd verhindern.

Vor der Grotte in der Geburtskirche von Bethlehem feiern Christen Gottesdienst und Besucher werden dementsprechend fern gehalten, auch wenn sie sich vorher durch ein nur 1,20 Meter hohes Portal gezwängt haben. Dieser schmale Spalt sollte das Eindringen der Mamelucken zu Pferd verhindern.

Atem holen, sich besinnen und über den Sinn des Lebens nachdenken – jederzeit Gelegenheit bietet dazu die Klagemauer, an die auch Nichtjuden herantreten dürfen, allerdings strikt nach Mann und Frau getrennt und unter Beobachtung von bewaffneten Kräften.

Schwer vorstellbar ist es, dass manchmal Araber von der Mauerkrone Steine auf die wehrlosen Beter werfen, um sie zu verletzen. Moslems gelangen dort hin, weil sich hinter der Mauer zwei bedeutende islamische Baudenkmäler befinden: Der Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee.

Im Gegensatz zur Klagemauer und den christlichen Kirchen können die beiden islamischen Stätten von Ungläubigen nur eingeschränkt von 9 bis 11 Uhr besucht werden. Das war mit unserem Terminplan unvereinbar. Stattdessen lockte die evangelisch-lutherische Erlöserkirche mit einer angenehm ruhig gelegenen Cafeteria.

In Palästina

In Kapernaum steht das Petrus-Oktogon über Ausgrabungen von Wohnhäusern. In einem fand man Inschriften mit den Namen von Christus und Petrus und man vermutet in ihm das Haus des Apostels Petrus.

In Kapernaum steht das Petrus-Oktogon über Ausgrabungen von Wohnhäusern. In einem fand man Inschriften mit den Namen von Christus und Petrus und man vermutet in ihm das Haus des Apostels Petrus.

Ruhig war es in dem öffentlichen Bus nach Bethlehem nicht und kühlere Luft Mangelware. Dennoch waren wir froh, dass der Fahrer uns überhaupt mitnahm ohne einen Schekel und ohne einen Euro – die letzten hatten wir dem sephardischen Cicerone gegeben. Sechs verbliebene Dollars im Portemonnaie verhalfen uns dennoch zu einem Fahrschein.

Überbleibsel des Sechs-Tage-Krieges, in dem Israel die Golan-Höhen einnahm. Links neben der Fahne stehen zwei Gedenksteine, die an Gefallene Israelis erinnern.

Überbleibsel des Sechs-Tage-Krieges, in dem Israel die Golan-Höhen einnahm. Links neben der Fahne stehen zwei Gedenksteine, die an Gefallene Israelis erinnern.

„Die nehmen hier alles“, kommentierte jemand überraschend auf Deutsch. Wegen dieser Bemerkung ergab sich in dem voll besetzten und stickigen Bus eine Unterhaltung mit zwei deutschen Lehrerinnen, die einen Austausch ihres Gymnasiums mit einer Schule im palästinensischen Bethlehem betreuten. Sie berichteten lebhaft von den Schwierigkeiten der Palästinenser ins israelische Jerusalem zu kommen. „Wegen der scharfen Kontrollen bei der Einreise benötigen sie für den Weg etwa zwei Stunden länger. Die palästinensischen Schüler“, so lamentierten sie, „hätten deswegen auf den Ausflug mit ihren deutschen Gästen nach Jerusalem verzichtet.“

Die Grenzmauer zwischen dem palästinischen Autonomiegebiet und Israel; hier die Mauer in Bethlehem von palästinensischer Seite aufgenommen.

Die Grenzmauer zwischen dem palästinischen Autonomiegebiet und Israel; hier die Mauer in Bethlehem von palästinensischer Seite aufgenommen.

Dass der Bus mittlerweile die Grenze zwischen Israel und Palästina passiert hatte, merkten wir erst, als die meisten Passagiere ausstiegen und zu ihren abgestellten Fahrzeugen an der extrem hohen Grenzmauer eilten. Trotz ständiger Klagen scheint das Einkommen der Palästinenser nicht gar so schlecht. Zumindest die Pendler zwischen Bethlehem und Jerusalem leisteten sich stattliche Autos. Auch sonst vermittelte Bethlehem nicht den Eindruck, als darbten deren Bewohner oder litten materiell schwer unter der Abhängigkeit von Israel. Politische Bekenntnisse gegen Israel oder für die Autonomiebehörde waren in der Stadt nicht wahrnehmbar, abgesehen von wenigen palästinensischen Fahnen. Die Bevölkerung scheint die politische Stagnation hinzunehmen und die Korruption, den Filz und die Vetternwirtschaft in ihrer Autonomiebehörde zu verdrängen. Verwirrend wirkten auf vielen Autokennzeichen die deutschen Farben schwarz, rot, gold. Wohl kaum waren die PKW durch deutsche Kredite finanziert. In Israel dagegen fiel der Fahnenschmuck überaus reichlich aus. Allerorts wehte der blaue Davidsstern und überall, wo wir hinkamen, war man Stolz auf die nationalen Leistungen.

Leistungen der Israelis

Auf den Golan-Höhen an der syrisch-israelischen Grenze, die von UN-Truppen überwacht wird. Von hier aus ist Damaskus eine halbe Autostunde entfernt.

Auf den Golan-Höhen an der syrisch-israelischen Grenze, die von UN-Truppen überwacht wird. Von hier aus ist Damaskus eine halbe Autostunde entfernt.

Auf den nordöstlichen Golanhöhen, fünfzig Kilometer von Damaskus entfernt, und am östlichen Rand des Sees Genezareth akzentuierte unser Fremdenführer die militärischen Erfolge Israels im Sechs-Tage-Krieg und verteidigte vehement die Annexionen:

„Unsere Armee hat die ständigen Provokationen und Attacken der Syrer ein für allemal beendet.“ Schaut man von den einst syrischen Höhen auf die unmittelbar unterhalb gelegenen jüdischen Siedlungen und vergegenwärtigt sich, wie leicht und zugleich lebensbedrohlich es hier war, Granaten abzufeuern, dann festigte sich der Eindruck, Israel habe in diesem Falle zu Recht gehandelt.

Die Mitte des Jordan bildet die Grenze zwischen Israel und Jordanien und wird von beiden Seiten bewacht. Als der Fluss noch ungeteilt war, taufte an dieser Stelle Johannes der Täufer Jesus Christus. Heute steigen viele Christen in weißen Gewändern in die Fluten und taufen sich.

Die Mitte des Jordan bildet die Grenze zwischen Israel und Jordanien und wird von beiden Seiten bewacht. Als der Fluss noch ungeteilt war, taufte an dieser Stelle Johannes der Täufer Jesus Christus. Heute steigen viele Christen in weißen Gewändern in die Fluten und taufen sich.

Der Stolz auf die eigene Leistung wurde auch bei einem Besuch im Kibbuz in der Nähe des Sees Genezareth offensichtlich. Ein älterer Bewohner schilderte lebendig die Schwierigkeiten, mit denen die Kibbuznik zu kämpfen hatten und haben, und wie sie sich mit Klugheit und List gegen Araber und Engländer durchsetzten.

Ein Kibbuzim präsentiert den Ursprungsplan seines Kibbuz aus den zwanziger Jahren.

Ein Kibbuzim präsentiert den Ursprungsplan seines Kibbuz aus den zwanziger Jahren.

Das für die arabischen Besitzer wertlose Land hatten sie legal und mit erheblichen finanziellen Aufwand gekauft und in langjähriger mühevoller Arbeit zu wertvollem Grund und Boden gemacht. Um sich zu schützen, erwarben sie entgegen englischen Bestimmungen Waffen, die sie unter dem Kindergarten, wo die Engländer sie nicht vermuteten, versteckten. Heute kommen die Widersacher nicht von außen, sondern befinden sich in den eigenen Reihen. Der ursprünglich gemeinwirtschaftliche Gedanke wird verwässert und originäre Ideen der Kibbuz-Bewegung werden aufgegeben.

„Wir lassen uns nie mehr zur Schlachtbank führen; wir wehren uns“, bestimmte nicht allein den Tenor auf den Golanhöhen und im Kibbuz, sondern ließ sich auch in Yad Vashem, der eindrucksvollen Gedenkstätte für Holocaust und Heldentum (sic), wiederfinden. Neben seinen jüdischen Helden und Opfern gedenkt Israel der Nichtjuden, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens Juden gerettet haben.

Weil der Baum für Oskar Schindler recht weit vorne in der „Allee der Gerechten“ wächst und kein Führer alle Namen und Schicksale der Geehrten kennen kann, verharrt zumindest jede deutsche Gruppe vor Schindlers Baum und hört dessen Geschichte. Die von Berthold Beitz, dem „letzten Kruppianer“ und einer weniger problematischen Figur als Schindler, bleibt so den meisten Deutschen weitgehend unbekannt.

Massada und Akko

Am Felsenhang der Qilt-Schlucht klebt das griechisch-orthodoxe Kloster St. Georg, das im 5. Jahrhundert zu Ehren der Jungfrau Maria gegründet wurde.

Am Felsenhang der Qilt-Schlucht klebt das griechisch-orthodoxe Kloster St. Georg, das im 5. Jahrhundert zu Ehren der Jungfrau Maria gegründet wurde.

Neben den Problemen der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit kamen natürliche auch die biblischen Stätten, sei es Kapernaum und Nazareth, wo Jesus aufgewachsen ist und gelebt hat, oder der Ort von Jesus’ Taufe im Jordan sowie weitere Plätze und Ereignisse der reichen Geschichte des heiligen Landes nicht zu kurz – soweit das bei einer achttägigen Rundfahrt überhaupt zu leisten ist. Imponierend präsentierten sich die Orte großer Auseinandersetzungen: Massada und die Kreuzfahrerstadt in Akko.

Zwei Stufen der Treppe (oben links) waren von der nach 1291 zugeschütteten Kreuzfahrerstadt in Akko bis Mitte des 20. Jahrhunderts sichtbar. Dann wurden große Teile der gewaltigen Anlage wieder freigelegt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Zwei Stufen der Treppe (oben links) waren von der nach 1291 zugeschütteten Kreuzfahrerstadt in Akko bis Mitte des 20. Jahrhunderts sichtbar. Dann wurden große Teile der gewaltigen Anlage wieder freigelegt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Für die Juden ist Massada nicht nur steinerner Überrest am Toten Meer, der heutzutage bequem mit einer Gondelbahn zu erreichen ist, sondern ein Symbol der Freiheit und des jüdischen Behauptungswillen. Das Privileg der Freiheit nutzend, wurde vom strammen Besichtigungsprogramm abgewichen und ein Bad genommen im Toten Meer, in dem ein Untertauchen fast unmöglich ist. Dennoch hat niemand auf dem Rücken liegend etwas  gelesen; Entspannung und Erholung waren in diesem Augenblick angesagt.

Von den ehemaligen Gebäuden der Johanniter, der Kreuzfahrerstadt, sind ein Dormitorium, ein Refektorium und sieben Säle, von denen heute einer Konzertsaal ist, ausgegraben. Weitere Räume beherbergen eine sehenswerte Ausstellung über das Leben während der Kreuzzüge.

Von den ehemaligen Gebäuden der Johanniter, der Kreuzfahrerstadt, sind ein Dormitorium, ein Refektorium und sieben Säle, von denen heute einer Konzertsaal ist, ausgegraben. Weitere Räume beherbergen eine sehenswerte Ausstellung über das Leben während der Kreuzzüge.

Wie Massada von den Römern so wurde tausend Jahre später die letzte Festung der Kreuzfahrer in Akko von den Muslimen eingenommen. Ihren Fall schilderte ein arabischer Chronist: „Anfang des Jahres 690 [islamische Zeitrechnung] wurde der letzte Turm genommen, der in Akkon noch Widerstand geleistet hatte, und seine Verteidiger kamen heraus, da er von allen Seiten untergraben war.

Das Tote Meer ist die tiefste Stelle der Erdoberfläche und wegen seines hohen Salzgehaltes leben darin weder Pflanzen noch Tiere. Nur Menschen können im Wasser ein Bad nehmen oder sich mit dem Schlamm am Ufer einreiben, was heilende Wirkung haben soll.

Das Tote Meer ist die tiefste Stelle der Erdoberfläche und wegen seines hohen Salzgehaltes leben darin weder Pflanzen noch Tiere. Nur Menschen können im Wasser ein Bad nehmen oder sich mit dem Schlamm am Ufer einreiben, was heilende Wirkung haben soll.

Als die Franken draußen waren, stürzte der Turm über einer ganzen Schar Muslime zusammen; alle kamen dabei um. Darauf ließ der Sultan alle [Franken] – eine sehr große Zahl – enthaupten. Es ist wunderbar zu sehen, daß Gott der Erhabene Akkon“ erobern ließ (Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht. München 21976. S. 412 f.).

Nach der Eroberung 1291 wurde der gesamte Gebäudekomplex zugeschüttet, nach über 600 Jahren teilweise wieder freigelegt, eindrucksvoll instandgesetzt und für Besucher geöffnet.

Der Ausstrahlung von Jerusalem und Massada, von Akko und all den anderen Stätten kann man sich nicht entziehen. Nahezu jeder Teil des kleinen Landes Israel ist durchdrungen von Geschichte und religiösen Überlieferungen. Um all das zu sehen und auch zu verstehen, reicht eine achttägige Rundfahrt kaum, aber sie ist zumindest ein Anfang.

Fotos: Gisela M. Marzin

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