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3000 Kilometer im Liegerad durch Amerika: Rednecks radeln nicht

Auf einmal stand er vor mir. Ich hatte gerade das Motel verlassen und wollte am Gebäude entlangfahren, da hob er die Hand und rief: „Hey du, anhalten!“. Vor Überraschung trat ich sofort auf die Bremse. Das war natürlich ein Fehler: Machte es uns beiden doch klar, wer hier das Sagen hatte.

Welcome to Mississippi - endlose Weite.

Welcome to Mississippi – endlose Weite.

Andererseits ragte der Kerl hünenhaft vor mir auf. Sein sonnenverbranntes Gesicht ließ nicht erkennen, von welcher Farbe es einst gewesen sein mochte, aber seine wilden, leicht rötlichen Locken deuteten auf eine irische Abstammung hin. Natürlich trug er einen Bart, vor allem ums Kinn herum, das taten fast alle hier. Gebannt starrte der Riese auf das Gefährt, in dem ich saß. Ich konnte es ihm nicht verübeln: Ein Liegerad bekam man nicht alle Tage zu sehen, vor allem nicht in diesem Teil der Welt, wo man selbst bis zum Laden auf der anderen Straßenseite den Pick-up nahm. Doch da war ich nun einmal, in einer drei Meter langen Eigenkonstruktion, die aussah wie ein erstarrtes Insekt. Natürlich musste das genauer untersucht werden.

Velomobil sorgt bei Passanten für Erstaunen.

Velomobil sorgt bei Passanten für Erstaunen.

„Was ist das denn für ein seltsames Ding?“, wollte der Muskelprotz wissen. Zumindest glaubte ich das zu verstehen. Sicher konnte ich mir da nicht sein. Seit ich in den Südstaaten unterwegs war, verstand ich so gut wie nichts mehr von dem, was mir die Leute sagen wollten. Schon gar nicht hier, im ländlichen Arkansas, in einem zwielichtigen Nest namens Osceola. Das war kein Akzent mehr, das war eine andere Sprache! Die Vokale wurden gedehnt bis es ihnen wehtun musste.

Mein Gegenüber griff jetzt mit routinierter Selbstverständlichkeit in die rechte Backentasche seiner verwaschenen Jeans und zog eine Pistole hervor. Was hatte mich nur geritten, dachte ich, mit einem so auffälligen Fahrzeug durch ein derart raues Land zu ziehen?

Ein guter Geschichtenerzähler

Angekommen - Velomobil parkt vor Motel

Angekommen – Velomobil parkt vor Motel

Schon der Anfang meiner USA-Tour hatte es in sich gehabt. In Bemidji knirschten Schnee und Eis unter den Rädern des Velomobils. Die Bewohner sagen, dass es hier in manchen Wintern derart kalt werde, dass die Worte in der Luft gefrören, ehe sie das Ohr eines Empfängers erreichten. Im Frühjahr tauten sie dann auf, und ein Gemurmel erfülle die Luft.

Hier entspringt er, der amerikanischste aller Flüsse. Ohne den Mississippi sind die Vereinigten Staaten nicht denkbar. Hier brachen Lewis und Clark auf, um erstmals zur Westküste des Landes zu gelangen. Sie ermöglichten dadurch die Gründung einer „mächtigen Nation zwischen Atlantik und Pazifik“, wie sie der damalige Präsident Thomas Jefferson gefordert hatte. Kurz darauf begann die goldene Ära der Dampfschifffahrt. Erlebnishungrige Ladies und streitlustige Gentlemen fuhren stromauf- und stromabwärts. Zu ihrem Zeitvertreib erfand man das Pokerspiel und das Wasserskifahren. Wahrscheinlich war ich darum hier unterwegs: um die Überbleibsel jenes lebenshungrigen Amerikas aufzusammeln. Mein Velomobil sollte mir dabei gute Dienste leisten. Jemanden in einem so seltsamen Dreirad will man kennenlernen.

Velo vor typisch amerikanischem Schild: Believe you can.

Velo vor typisch amerikanischem Schild: Believe you can.

Sartell, stand auf einem Ortsschild kurz vor Saint Cloud, und darunter: 18.789. Dass man hierzulande die Einwohnerzahl von Städten und Dörfern personengenau angibt, erstaunte mich. Was machen die Leute eigentlich, wenn ein Baby geboren wird oder ein Jugendlicher wegzieht? Muss dann jedes Mal das Ortsschild ausgetauscht werden? Vermutlich. Und wahrscheinlich bekam eine frischgebackene Mutter noch im Kreißsaal einen Anruf: „Ja, Pete hier, vom Straßenbauamt. Was ist denn nun, sind es Zwillinge oder nicht?“

Erst auf den letzten Meilen wurde Minnesota schön. Geradezu angeberisch spannte es einen Himmel über mir auf, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Er erinnerte an einen Ozean. In Hochstimmung fuhr ich in Red Wing ein. Das Dorf ist bekannt für die gleichnamigen Schuhe, die dort hergestellt werden: globige Treter, mit denen man Bisons nachstellen und Grizzlybären ernsthaft verletzen kann. Im Schuhmuseum wird der Brief eines Arztes ausgestellt, der Mittel gegen Schlangengifte herstellt. Auf einem Bild sieht man ihn inmitten von Klapperschlangen; eine beißt soeben in seinen Schuh. Das passiere zwölf Mal am Tag, schreibt der Doktor, und noch nie sei es einer Schlange gelungen, das Futter des Red-Wing-Schuhs zu durchstoßen. Nebenan steht der größte Lederstiefel der Welt. Er wiegt über eine Tonne.

Velomobil vor Mississippi.

Velomobil vor Mississippi.

Der Fluss hatte sich verändert. Wo er Wisconsin und Iowa voneinander trennt, hält den Mississippi nichts mehr auf. Er hat Hunderte Flüsse in sich aufgenommen. Aus allen Begegnungen ist er als Sieger hervorgegangen, und er weiß es. Er laviert nicht mehr herum, wie er es auf seinen ersten 1000 Kilometern immer wieder tut. Von hier an ist er ein einziges Ausrufezeichen, mit dem Golf von Mexiko als Endpunkt.

Ich begann zu begreifen, dass der Strom unablässig Geschichten erzählt. Er muss sie erst aufsammeln unterwegs, muss sie aus den vergangenen Jahrhunderten pflücken. Der Mississippi erzählt, wenn man genau hinhört: Er berichtet davon, wie erste Brücken gebaut wurden, Holzfabriken entstanden, Raddampfer auf Grund liefen und mächtige Eisenbahnen die Ufer entlangstrichen. Er weiß, dass nichts konstant ist außer dem ewigen Wandel. Gibt es ein besseres Sinnbild für das, was unser Leben ausmacht, als einen solchen Fluss? Der Mississippi erzählt unentwegt die verrückte und unwahrscheinliche, die brutale und kompromisslose Erfolgsgeschichte der Vereinigten Staaten von Amerika.

„Hör’ meine Knarre für die Toten!“

Thomas Bauer in Deerwood, Minnesota.

Thomas Bauer in Deerwood, Minnesota.

Dass ich wirklich angekommen war im Heartland, im echten, tiefen Amerika, wurde mir in Arkansas unmissverständlich klar. Auf einmal stand er vor mir. Ich hatte gerade das Motel verlassen und wollte am Gebäude entlangfahren, um auf den Highway zu kommen, da hob er die Hand und rief: „Hey du, anhalten!“. So konnte ich erkennen, dass er wohl irischer Abstammung war. Dann griff er mit routinierter Selbstverständlichkeit in die rechte Backentasche seiner verwaschenen Jeans und zog eine Pistole hervor.

Das war’s also, dachte ich. Jetzt würde mich der Kraftmeier zwingen, ihm das Liegerad zu überlassen. Vielleicht vermutete er Wertvolles in meinem Gepäck oder meinte, die Einzelteile meines Gefährts verkaufen zu können. Wenn es wirklich schlecht lief, schoss er mich auch einfach über den Haufen, um die Sache abzukürzen. Obwohl das unpraktisch wäre, da er mich in diesem Fall noch aus dem Velo ziehen musste, ehe er an die begehrten Teile gelangen konnte.

Mississippi-Alligator schnappt zu.

Mississippi-Alligator schnappt zu.

Meine Gedanken vollführten solche tollkühnen Bocksprünge, sodass ich kaum mitbekam, was der Bizepsfetischist als Nächstes sagte. Was natürlich auch wieder an seinem Akzent liegen konnte.

Hear my gun for dead! Real?“, verstand ich.

„Hör’ meine Knarre für die Toten!“. Das war offensichtlich eine Drohung, und ich war in seinen Augen praktisch schon Geschichte. Mir war nur nicht klar, warum er mich am Ende fragte, ob das überhaupt wahr sein konnte: real? Ich bat ihn höflich, seine Frage zu wiederholen. Es machte die Sache nur unwesentlich besser.

Here’s my rhum for dad. Feel?“, setzte ich nun aus seinen langgezogenen Vokalen und abgehackten Konsonanten zusammen. „Hier ist mein Rum für Papa. Fühlst du das?“ Was um alles in der Welt mochte das bedeuten?

Well …“ Ich gab mich unentschlossen, da ich noch immer keinen Schimmer hatte, welche Reaktion von mir erwartet wurde. Ich wusste nicht einmal, ob ich Angst haben sollte oder nicht.

C’mon“, beharrte der Fitnessfreak. Und erst als er seinen Wunsch ein drittes Mal wiederholte, wurde mir klar, was er mir da anbot.

La Crosse, Wisconsin: Skulptur mit Amerikaflagge am Ortseingang

La Crosse, Wisconsin: Skulptur mit Amerikaflagge am Ortseingang

Here’s my gun for that. Deal?“ Er wollte seine Knarre also nicht gegen mich richten, sondern sie eintauschen gegen das Bike, in dem ich saß. Vermutlich wäre das nicht einmal ein schlechtes Geschäft für mich. Trotzdem lehnte ich dankend ab. Ich betonte es so, als ob ich diesen Umstand wirklich bedauerte.

„Bist du sicher?“, hakte er nach. Sein rechter Zeigefinger tastete spielerisch nach dem Abzugshalm der Waffe.

In diesem Moment kam der Rezeptionist um die Ecke. Ich hatte ihn gestern kennengelernt. Bob hieß er oder Rob, und er kam aus Alaska. Vielleicht stimmte das aber auch gar nicht, und er hatte mir nur erklären wollen, dass er einst Polizist gewesen war, Cop, und dass er seine Chefin fragen musste, ob ich mein Velo im Eingangsbereich abstellen durfte: nicht „Alaska“ also, sondern: I’ll ask her. Ich musste dringend damit beginnen, den hiesigen Dialekt zu entschlüsseln.

Der Ire packte jedenfalls sein ungewöhnliches Tauschobjekt wieder ein.

„Ich bin sicher“, bestätigte ich und fuhr rasch weiter.

Rednecks radeln nicht

Buchcover USA: Rednecks radeln nicht.

Buchcover: Rednecks radeln nicht.

Von dieser Begegnung abgesehen waren sie letzten Endes gar nicht so schlimm gewesen: die als Rednecks verschrienen Bewohner des Landesinneren zwischen Bemidji und New Orleans. Natürlich gibt es die Trumpfans und die Waffennarren, die Enttäuschten mit ihrem aufbrausenden Temperament und die Erdnüsse mampfenden Trucker. Vor allem aber war ich auf neugierige und gastfreundliche Menschen gestoßen. Nirgendwo sonst auf der Welt habe ich mich besser verstanden gefühlt als im Zentrum der USA.

Rednecks radeln vielleicht nicht. Aber wenn damit die neugierigen und bodenständigen, zuweilen vielleicht etwas unbedarft erscheinenden Typen gemeint sind, die wirklich etwas auf die Beine stellen wollen, und die sich lieber dann und wann eine blutige Nase holen, statt auf irgendein Erlebnis zu verzichten – dann bin ich einer von ihnen.

Reiseliteratur: „Rednecks radeln nicht: Meine 3000 Kilometer per Liegerad durch das wahre Amerika“ von Thomas Bauer, millemari Verlag, München. Mehr zum Autor: www.neugier-auf-die-welt.de

 

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