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Zugspitzland:  Von Sagen, Mythen, Krippen und einer herrlichen Naturkulisse 

Wer auf der Autobahn 95 von München aus Richtung Garmisch-Partenkirchen unterwegs ist, der kann den Ort der Olympischen Winterspiele von 1936 auf eben dieser Schnellstraße nicht direkt erreichen, sondern wird bei der Ortschaft Eschenlohe automatisch auf die Bundesstraße 2 geleitet. Dort kommt es seit vielen Jahren zu Staus und Behinderungen, so dass es unerlässlich war und noch immer ist, Abhilfe zu schaffen, und zwar über Tunnel-Lösungen. Nicht nur den Autofahrern zuliebe, die gen Süden unterwegs sind, sondern vor allem der einheimischen Bevölkerung wegen. Die Menschen sind teilweise einem Verkehrs- und Lärmaufkommen ausgesetzt, das an die Grenze der Belastbarkeit geht.

Abhilfe kommt

Der Malerwinkel in Farchant mit der Pfarrkirche St. Andreas und dem Bauernhaus „Beim Krin“ ist ein begehrtes Fotomotiv. Das Gebäude ist das älteste Haus in Farchant; der Name geht auf die Familie Krin (1480–1650) zurück. – Foto: Tourist-Info Farchant / Andreas Müller

Der Malerwinkel in Farchant mit der Pfarrkirche St. Andreas und dem Bauernhaus „Beim Krin“ ist ein begehrtes Fotomotiv. Das Gebäude ist das älteste Haus in Farchant; der Name geht auf die Familie Krin (1480–1650) zurück. – Foto: Tourist-Info Farchant / Andreas Müller

Wenige Kilometer hinter Eschenlohe liegen die Gemeinden Oberau und Farchant. Die durchschnittliche Verkehrsbelastung auf der B2 im Bereich von Oberau beläuft sich auf 26 000 Kraftfahrzeuge pro Tag. Die Spitzenbelastungen an den Wochenenden (unter anderem durch viele Tagesausflügler aus dem Großraum München) liegen noch deutlich darüber, bis zu 45 000 Fahrzeuge pro Tag – katastrophale Rückstauverhältnisse sind die Folge!

Abhilfe ist jedoch in absehbarer Zeit in Sicht. So soll der „Tunnel Oberau“ den Menschen mehr Ruhe verschaffen. Die Fertigstellung der Ortsumfahrung ist für Ende 2021 geplant; Baubeginn war 2015. Seit 20 Jahren kennt Farchant diese Problematik nicht mehr. Der „Tunnel Farchant“ wurde  schon im Mai 2000 eröffnet.

Zahlreiche Outdooraktivitäten

Die Kuhflucht-Wasserfälle sind eine Gruppe von drei Wasserfällen oberhalb von Farchant. – Foto: TI Farchant / Andreas Müller

Die Kuhflucht-Wasserfälle sind eine Gruppe von drei Wasserfällen oberhalb von Farchant. – Foto: TI Farchant / Andreas Müller

Trotz aller widriger Umstände, oder gerade deshalb, haben sich die drei Tourist-Informationen der Gemeinden Eschenlohe (1600 Einwohner), Oberau (3400) und Farchant (3650) unter dem Begriff „Ferienregion  Zugspitzland“ zusammengeschlossen; es gibt jede Menge an Freizeitaktivitäten. Der bekannteste Skiort Deutschlands, Garmisch-Partenkirchen, ist nur wenige Kilometer entfernt. Bei einem Urlaubsaufenthalt in einer der drei oben genannten Gemeinden darf ein Ausflug nach „GAP“ auf keinen Fall fehlen.

Die Kapelle St. Georg in Oberau ist ein kleiner barocker Saalbau mit Zwiebeldachreiter. Der spätgotische Westteil wurde um 1660 nach Osten verlängert und barockisiert. – Foto: Ferienregion Zugspitzland / Benedikt Lechner

Die Kapelle St. Georg in Oberau ist ein kleiner barocker Saalbau mit Zwiebeldachreiter. Der spätgotische Westteil wurde um 1660 nach Osten verlängert und barockisiert. – Foto: Ferienregion Zugspitzland / Benedikt Lechner

Abseits der Hauptverkehrsader punkten Eschenlohe, Oberau und Farchant mit ihrem ländlich-dörflichen Charme, mit bäuerlicher Tradition, viel bayrischer Gemütlichkeit und tollen Outdooraktivitäten – zu jeder Jahreszeit. Und das alles vor malerischem Alpenpanorama und herrlicher Naturkulisse. Immer im Blickfeld: Deutschlands höchster Berg, die Zugspitze.

Ob abwechslungsreiche Radwege für Tourenfahrer oder Mountainbikestrecken in höheren Lagen, ob Wanderungen auf ruhigen (Wald)Wegen oder eine durchaus „knackige“ Tour durch dicht bewaldete Höhenzüge der umliegenden Bergmajestäten, alle kommen auf ihre Kosten. Und bei den  zahlreichen Beschäftigungsmöglichkeiten, die in den Wintermonaten angeboten werden, sollte auch keine Langeweile aufkommen. Der Blick von Farchant aus Richtung Wettersteinmassiv ist großartig, Eschenlohe, das Tor zum Werdenfelser Land, wird vom anmutigen Loisachtal umschmeichelt, und Oberau? Oberau hat mit der „Krippenwelt“ ein Museum, das seinesgleichen sucht.

„Krippenwelt“ in Oberau

Fronleichnams-Prozession im Zugspitzland. – Foto: Zugspitzland / Wolfgang Ehn

Fronleichnams-Prozession im Zugspitzland. – Foto: Zugspitzland / Wolfgang Ehn

Ludwig Reiser (Jahrgang 1932), viele Jahrzehnte lang Metzgermeister mit Geschäften in Oberau und Garmisch, begann mit 60 Jahren ein Hobby, das ungeahnte Ausmaße annahm – er baute aufwendig gestaltete Krippen mit unzähligen Menschen- und Tierfiguren. „Nach der ersten Krippe war ich nicht mehr zu bremsen“, betont der Senior. So kamen insgesamt 21 Weihnachtsmotivkrippen und eine Jahreskrippe, in der das Leben Jesus Christi von der Geburt bis zur Auferstehung erzählt wird, zusammen.

Ausgestellt werden die Kunstwerke im Erdgeschoss des Schmiedebauerhauses (unweit des Rathauses), einem 200 Jahre alten Bauernhaus. Das Anwesen, das der Gemeinde gehört, wurde Ludwig Reiser zur Verfügung gestellt, und unter Anweisung des mittlerweile 88-Jährigen so aus- und umgebaut, dass alle Krippen genügend Platz fanden, um für die Öffentlichkeit zugänglich zu sein. Im Gegenzug vermachte Reiser „sein Lebenswerk“ der Gemeinde. Hier geht’s zum Bericht über Krippenbauer Ludwig Reiser. 

Eine 1000-jährige Wurzel

Oberbayerische Traditionspflege – hier beim Waldfest in Oberau. – Foto: Tourist-Info Eschenlohe / Sophia Lohse

Oberbayerische Traditionspflege – hier beim Waldfest in Oberau. – Foto: Tourist-Info Eschenlohe / Sophia Lohse

Alle Figuren hat Reiser von vielen Auslandsreisen (vor allem nach Italien und Spanien) mit nach Hause gebracht. Die Häuser und Ställe, in denen die einzelnen Szenen spielen, hat der ehemalige Metzgermeister allesamt selbst gebaut, wie natürlich auch alle Landschaftsmalereien in Eigenregie angefertigt. Auf Wanderungen durch seine Heimat sind auch allerlei Fundstücke zusammengekommen, die der ehemalige Metzgermeister gut verwenden konnte, so zum Beispiel eine über 1000 Jahre alte Wurzel aus dem Murnauer Moos, „die“, so Reiser, „einfach aus dem Boden herausgeschaut hat.“

Sagenumwobene Götterplätze

Die Asamklamm in Eschenlohe ist ein wahres Naturjuwel. – Foto: Tourist-Info Eschenlohe / Sophia Lohse

Die Asamklamm in Eschenlohe ist ein wahres Naturjuwel. – Foto: Tourist-Info Eschenlohe / Sophia Lohse

Dass Eschenlohe, Oberau und Farchant sagenumwobene Orte sind – „weil sie Götterplätze waren“ –, weiß niemand besser als Henny Schübel. Sie kennt alle Göttersagen, deren mysthische (Opfer)plätze und geheimnisvollen Legenden – einfach alles. Bei Exkursionen führt sie Interessierte auf die Spuren, die die alten Völker und ihre Göttinnen hinterlassen haben. Sie berichtet über sogenannte Drachenplätze unweit von Eschenlohe und Oberau, von Quellplätzen im Wald „Bei den sieben Quellen“, einem der schönsten Plätze im Loisachtal, oder bei den Kuhflucht-Wasserfällen, sowie von Feuerplätzen (Brandopferplätze) nahe der Asamklamm bei Eschenlohe oder dem Spielleitenköpfl in einem Waldgebiet bei Farchant, einer eisenzeitlichen Kultstätte. „Der alpenländische Sagenschatz stammt von den Germanen, den Kelten und den Rätern“, berichtet Schübel.

Drachen-, Quell- und Feuerplätze waren die Ehrenplätze der drei keltischen Bethen (auch Berchten, Perchten genannt) Wilbeth, Ambeth und Borbeth. Alle drei sind Schicksalsgöttinnen und im christlichen Sinn Nothelferinnen. In den drei Ortschaften finden sich Hinweise auf sie; durch die Christianisierung zogen die drei Göttinnen sogar als Heilige (Katharina, Margarethe, Barbara) in die Kirche ein.

Das Kirchlein auf dem Drachenplatz

Eschenlohe – Blick Richtung Süden. – Foto: Ferienregion Zugspitzland / Benedikt Lechner

Eschenlohe – Blick Richtung Süden. – Foto: Ferienregion Zugspitzland / Benedikt Lechner

Das Kirchlein St. Georg in Oberau und der angrenzende, kleine und idyllisch gelegene Bergfriedhof sind solch mystische Stätten. Daran lässt Henny Schübel, zertifizierte Kultur-, Landschafts- und Naturführerin, keinen Zweifel. Die Kapelle steht nämlich, so berichtet die Sagenforscherin, auf einem Drachenplatz – schließlich war der hl.  Georg ein Drachentöter. Erstmals wurde Georg zur Zeit der Kreuzzüge im 12. Jahrhundert mit dem Begriff des Drachentöters in Verbindung gebracht.

Auf dem Walderlebnispfad in Farchant gibt es allerlei Wissenswertes zu erkunden. – Foto: Ferienregion Zugspitzland / Benedikt Lechner

Auf dem Walderlebnispfad in Farchant gibt es allerlei Wissenswertes zu erkunden. – Foto: Ferienregion Zugspitzland / Benedikt Lechner

Eine wahre Rarität ist die Darstellung des Deckenfreskos im Inneren der Kapelle. Gezeigt wird der hl. Jakobus, in dessen Traum sich Engel mittels einer Himmelsleiter auf die Erde begeben – eine sehr seltene Szene.

Häufig ist in der Alpenregion auch von zauberischen Gestalten, den „Saligen Frauen“ (salig = selig) die Rede – mit den Attributen wild, weise, scheu und hilfsbereit; sie boten unbeholfenen Menschen, unerwarteten Besuchern oder armen Bauern ihre Hilfe an.

Bäuerliche Prägung

Ein wandelndes Buch: Henny Schübel zeigt die sagenhafte Seite des Zugspitzlandes. – Foto: Kunz PR

Ein wandelndes Buch: Henny Schübel zeigt die sagenhafte Seite des Zugspitzlandes. – Foto: Kunz PR

Eschenlohe, Oberau und Farchant verbindet die Tatsache, dass sie – wie eben einst auch – vorwiegend bäuerlich geprägt sind, und in erster Linie der Viehwirtschaft nachgehen. Früher lebten die Menschen hier auch von Gipsabbau und der Verarbeitung von Quarzitgestein aus dem Murnauer Moos, und eine Fabrik, die Pappe herstellte, diente den Menschen ebenfalls als Broterwerb. Einen Schub bekam die Region, als 1849 die Eisenbahnstrecke zwischen Eschenlohe und Oberammergau eröffnet wurde. Dass es auch jede Menge Holz gab, das verarbeitet werden musste, versteht sich von selbst. 1920 ging das letzte Floß mit Holz via Loisach und Isar von Oberau nach München.

Drei Wasserfälle auf 270 Meter

Krippenbauer Ludwig Reiser hat 21 Weihnachtskrippen für die Ewigkeit gebaut. – Foto: Dieter Warnick

Krippenbauer Ludwig Reiser hat 21 Weihnachtskrippen für die Ewigkeit gebaut. – Foto: Dieter Warnick

Unerlässlich im Zugspitzland sind ein Besuch der Kuhflucht-Wasserfälle in Farchant (das sind eine Gruppe von drei Wasserfällen, deren drei Fallstufen sich auf etwa 270 Meter summieren und damit zu den höchsten in ganz Deutschland gehören), und die Asamklamm bei Eschenlohe, die von einer Stahlbrücke überspannt wird.

Die Loisach entspringt nördlich des Fernpasses in Tirol und mündet nahe Wolfratshausen in die Isar. – Foto: Dieter Warnick

Die Loisach entspringt nördlich des Fernpasses in Tirol und mündet nahe Wolfratshausen in die Isar. – Foto: Dieter Warnick

Vor dort aus hat man einen hervorragenden Blick in die Felsenschlucht. Fast scheint es so, als ob die Landschaft an einigen Stellen seit Jahrtausenden unberührt geblieben wäre.

Ferner interessant: Einige Handels- und Pilgerwege führten einst durch das Zugspitzland, wie die Via Romea (Romweg), die Via Raetia und die Via Imperii. Ebenso bemerkenswert: Eschenlohe gehört kirchenrechtlich zum Bistum Augsburg, Oberau und Farchant zum Erzbistum München und Freising. Und dass man die Weilheimer Hütte (1955 Meter) im Estergebirge (am Krottenkopf) von allen drei Orten erreichen kann, sollte auch nicht unerwähnt bleiben.

Prämierter Dorfladen

Die Loisach entspringt nördlich des Fernpasses in Tirol und mündet nahe Wolfratshausen in die Isar. – Foto: Dieter Warnick

Dieser Brunnen in Farchant erinnert an früher, als am Dorfbach Wäsche gewaschen wurde. – Foto: Dieter Warnick

Was es nicht alles noch gibt: So darf sich Farchant über die Auszeichnung „Bester Dorfladen Deutschlands 2019“ freuen. Vor sieben Jahren von Bürgern für Bürger in Betrieb genommen, erfreut sich das Geschäft in der Ortsmitte großer Beliebtheit, weil das hohe Maß an Frische und Regionalität nicht nur die Dorfbewohner begeistert, sondern auch die Kunden der benachbarten Ortschaften.

In diesem herrlich anzusehenden Haus in Farchant mit Blumenschmuck und Lüftlmalererei befindet sich der Dorfladen, der im Jahr 2019 die Auszeichnung „Bester Dorfladen Deutschlands“ erhielt. – Foto. Dieter Warnick

In diesem herrlich anzusehenden Haus in Farchant mit Blumenschmuck und Lüftlmalererei befindet sich der Dorfladen, der im Jahr 2019 die Auszeichnung „Bester Dorfladen Deutschlands“ erhielt. – Foto. Dieter Warnick

So werden für den Dorfladen eigens eigene Schlachtungen durchgeführt, wird der Farchanter Sommer-Käse von der Milch der Kühe dreier am Ort ansässiger Landwirte in einer mobilen Käserei hergestellt und Produkte, die nicht mehr verkauft werden können, weiterverarbeitet, beispielsweise zu Marmeladen, Antipasti oder Chutneys. „Weggeschmissen wird bei uns nichts,“ versichert denn auch Lisa Krötz, die stellvertretende Geschäftsführerin des Dorfladens. „Und wenn doch etwas nicht mehr verwertet werden kann, dann geht es zurück in die Landwirtschaft und wird verfüttert“.

Informationen: Tourist-Information Farchant, Am Gern 1, 82490 Farchant, Tel.: (08821) 96 16 96; info@farchant.dewww.farchant.de. – Tourist-Information Oberau, Schmiedeweg 10, 82496 Oberau, Tel.: (08824) 9 39 73; info@oberau.dewww.oberau.de. –Tourist-Information Eschenlohe, Murnauer Str. 1, 82438 Eschenlohe, Tel.: (08824) 82 28; info@eschenlohe.dewww.eschenlohe.de

Krippenausstellung

Wurzelkrippe mit süditalienischen Figuren. – Foto: Dieter Warnick

Wurzelkrippe mit süditalienischen Figuren. – Foto: Dieter Warnick

Krippenwelt Oberau, Schmiedeweg 3, 82496 Oberau bei Garmisch-Partenkirchen, Internet: www.zugspitzland.de/oberau/krippenmuseum.  – Kontakt über Tourist-Info Oberau, Tel.: (08824) 9 39 73, info@oberau.de oder bei Krippenbauer Ludwig Reiser, Tel.: (08824) 8750 (ludwig.reiser.2a@gmail.com). – Öffnungszeiten: bis November jeden Mittwoch von 14 bis 17 Uhr und ab dem 1. Advent (29.11.) bis zum 1.2.2021 jeweils von Dienstag bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr (Hl. Abend und Silvester geschlossen).

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