Haben Sie schon einmal etwas von „Lungomonte“ gehört? Nein? Hier kommt die Auflösung: Das Wort bedeutet wörtlich „entlang des Berges“ und handelt in diesem Fall von Ortschaften wie Dorf Tirol oder Schenna, die an den Flanken von Meran liegen. In den beiden Dörfern quartieren sich Urlauber ein, die nicht in der Kurstadt wohnen, aber auf kurzem Weg dort hin wollen – eine Art Riviera oberhalb der zweitgrößten Stadt Südtirols.
„oh! Meran“-Autorin Anita Rossi beleuchtet in ihrem Reiseführer nicht nur die alpine und mediterrane Seite der charmanten Kurmetropole, sondern auch die abwechslungsreiche Umgebung – die reizvollen Täler, die majestätischen Berge und den ein oder anderen Tipp für einen beruhigenden Spaziergang im Ort oder eine entschleunigende Wanderung vor den Toren der Stadt. Das Hauptaugenmerk legt Rossi allerdings auf Meran selbst.
Wasser spielt eine große Rolle

Mitten im grünen Herzen von Meran, eingebettet zwischen Passer und Palmen, thront eine elegante Marmorgestalt auf ihrem Sockel: die Statue der Kaiserin Elisabeth von Österreich, liebevoll „Sisi“ genannt. – Foto: Anita Rossi
In Meran spielt Wasser eine große Rolle (das Chlorwasser des Lido, das Solebecken der Therme, die Gischt im Flüsschen Passer) – die Stadt lebt vom (Gesundheits)-Tourismus und den zahlreichen Kurgästen, die sich seit dem 19. Jahrhundert hier tummeln. Was früher Molke, Traube und Gehstock war, ist heute Radon, Ozon und Vulkan-Gel. Die heutige Therme hat Meran vor über 20 Jahren auf ein anderes Level gehoben. Das warme Thermalwasser ermöglicht den ganzjährigen Betrieb der Außenbecken.

Im Escape-Room in der ehemaligen Herz-Jesu-Kirche sind Geheimnisse zu enträtseln – ohne Handy, dafür mit Hirnschmalz. – Foto: Anita Rossi
Die mondäne Kurstadt ist und war ein Publikumsmagnet für Reiche, Intellektuelle, Künstler und Blaublütige. Österreichs Kaiserin Sisi war viermal hier und flanierte viel, der Schriftsteller Franz Kafka lag nackt in der Frühlingssonne auf dem Balkon, der Dramatiker Arthur Schnitzler war hoffnungslos in eine Touristin verliebt, und der Dichter Christian Morgenstern wechselte von seinem Wohnsitz ganz hierher.
Obermais und Untermais

Von der Terrasse des Jagdschlosses Fragsburg aus hat man einen herrlichen Blick auf Meran und die weitläufige Umgebung. – Foto: Anita Rossi
Die Kunst war den Meranern schon immer wichtig. Das vierstöckige Gebäude „Kunst Meran“ zum Beispiel ist ein Labor für Gegenwartskunst, Architektur und Fotografie. Museen gibt es reichlich – auch das einzige Frauenmuseum Italiens ist in Meran ansässig.
Genussmenschen kommen auch auf ihre Kosten: ein Drittel aller Michelin-Sterne konzentriert sich an dieser Stelle und in der nahen Umgebung. Wer es feudal will, ist im Stadtteil Obermais richtig – Geld, Luxushäuser, Geschmack und Geschichte sind hier zu Hause, ganz im Gegensatz zu Untermais, dem alten Arbeiterquartier mit Wohnblöcken, Supermärkten und Industrie-Resten.
Zur nicht gerade ruhmreichen Geschichte Merans gehört auch, dass in der Fragsburg, oberhalb der Stadt gelegen, Menschen verhört, eingeschüchtert und misshandelt wurden. Nach 1945 (Südtirol war zum Transitland geworden) bekamen Jüdinnen und Juden auf der verzweifelten Suche nach Geborgenheit und Sicherheit nicht die Unterstützung, die sie sich gewünscht haben. Lieber wurde weggeschaut und geschwiegen.
Zur Autorin: Anita Rossi, geboren 1969, ist in Südtirol in einer Familie mit Wurzeln im Veneto, aufgewachsen. Sie lebt als freischaffende Journalistin, Podcasterin und Filmemacherin in Brixen und in der Lagune von Caorle.
Anita Rossi, oh! Meran, erschienen im Folio Verlag mit Sitz in Wien und Bozen; 160 Seiten, Klappenbroschur, durchgehend Farbabbildungen, ISBN 978-3-85256-942-0; Preis: 20 Euro.