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Auf dem Nil mit Agatha Christie

„Lass uns nach Ägypten fahren“, murmelte eine der Hauptpersonen in Agatha Christies Roman „Tod auf dem Nil“ und vernahm die Antwort: „Sicher, es ist keine Frage auf Leben und Tod.“ Wahrscheinlich stimmt diese Antwort aus den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts, als Christies Roman entstand, auch für eine Nil-Kreuzfahrt im Winter des Jahres 2014. Doch bereits auf der Busfahrt vom Flughafen Hurghada nach Luxor durch die Wüste und beim Passieren einer Straßensperre nach der anderen verspürt der Reisende von heute ein merkwürdiges Gefühl: Nicht wegen der eintönigen Wüste, nicht wegen der zahllosen Bodenwellen, die jeden gehörig durchschütteln, sondern wegen der vielen Bewaffneten, die an den Kontrollpunkten, an jeder Kreuzung stehen. Was schützen bloß die Soldaten in der Wüste?

Straßensperre in Luxor. Foto: Gisela Marzin

Straßensperre in Luxor. Foto: Gisela Marzin

Die Straßensperren bleiben, aber mit Erreichen des Niltals ändert sich schlagartig das Bild der Landschaft. Wie aus dem Nichts zeigt sich üppiges Leben: Bäume wachsen am Straßenrand und Blumen und Sträucher blühen in allen Farben. Jung und Alt bevölkern die Straße, beladene Eselskarren blockieren die Fahrbahn und adrett schwarz-weiß gekleidete Schülerinnen fallen auf, weil sie oft zu viert oder fünft zusammen stehen und ihre Mobiltelefone bearbeiten. All’ dies – wie in der Schule gelernt – bewirkt die Lebensader Nil.

Ägypter beklagen Korruption

„Nein, das ist er noch nicht, sondern ein Bewässerungskanal, vom Nil gespeist“, erklärt der Reiseleiter und fügt weiter entschuldigend hinzu, dass der Müll im Kanal, das Plastik am Straßenrand und überall der Korruption zu verdanken seien. Die Ägypter zahlten für die Entsorgung, aber das Geld versickere irgendwo und die Dienste kämen bei der Bevölkerung nicht an.

Entree des Kreuzfahrtschiffs. Foto: Gisela Marzin

Entree des Kreuzfahrtschiffs. Foto: Gisela Marzin

Am Anleger in Luxor ist unser Schiff nicht auszumachen. Verborgen liegt es hinter vier anderen, die auf eine bessere Saison warten. Teile ihrer Einrichtung und ihres Mobiliars liegen herum und erschweren den Durchgang. Dass diese Schiffe jemals wieder den Nil befahren, scheint unwahrscheinlich, denn überall, an jedem Anleger zwischen Luxor und Assuan ankern manchmal bis zu zehn Schiffe und rosten vor sich hin. Von einstmals über 300 Schiffen waren 2014 lediglich zehn Prozent in Betrieb.

Haben die vielen Schiffswracks etwas mit den vergangenen politischen Ereignissen und der Frage auf Leben und Tod zu tun? Wirken der Sturz des Diktators Mubarak und die Entfernung Mursis aus dem Präsidentenamt nach auf die Entscheidung der Touristen, Ägypten fern zu bleiben? Während wir auf dem Nil schippern, wird bekannt, dass der ehemalige Präsident Mubarak freigesprochen und aus dem Gefängnis entlassen wurde. Dies erregt Unwillen bei den Ägyptern, die sich allerdings nur äußern, wenn einheimische Ohren fehlen. Vor achtzig Jahren bemerkte Agatha Christie dazu: „Dieses Land hat etwas an sich, das das Negative zutage fördert. Es bringt all die Dinge an die Oberfläche, die seit langem im Innern gären. Alles scheint plötzlich unfair – ungerecht.“

Heute wie einst

Sonnenuntergang am Nil. Foto: Gisela Marzin

Sonnenuntergang am Nil. Foto: Gisela Marzin

„Die Passagiere gingen an Bord und wurden in ihre Kabinen geführt. Da der Dampfer nicht voll belegt war, waren die meisten auf dem Promenadendeck untergebracht. Der ganze vordere Teil dieses Decks bestand aus dem Aussichtsraum mit Glaswänden, in dem die Passagiere sitzen und das Flußpanorama bewundern konnten. Auf dem Deck darunter gab es einen Rauchsalon und einen kleinen Aufenthaltsraum, der Speiseraum lag noch ein Deck tiefer.“ Mit seinem scharfen Verstand würde Hercule Poirot, Meisterdetektiv in „Der Tod auf dem Nil“, kaum Unterschiede in der Architektur seines Nilschiffes und eines heutigen feststellen. Oben wie unten immer noch ein ähnlicher Aufbau; neu hinzu gekommen sind ein Massagesalon, ein Fotograf mit einem offenen Studio und ein Geschäft für Schmuck, Kleidung und anderen teuren Kleinigkeiten. Noch immer nervt der Schiffsdiesel die Passagiere auf dem tiefer gelegenen Decks, aber wie einst entschädigt der Blick auf den Nil und das ihm umgebene fruchtbare Land. Rechts und links, nicht weit entfernt erstrecken sich die Libysche und Arabische Wüste, die mehrmals zwischen Luxor und Assuan unmittelbar bis ans Wasser reichen und dem Grün keinen Platz mehr lassen. Im Speiseraum auf dem untersten Deck schwappt das Wasser gelegentlich an die Fenster, wenn ein größeres Schiff vorbeifährt, was äußerst selten vorkommt. Frachtkähne, wie sie zu Hunderten auf dem Niederrhein tuckern, sind auf dem Nil selten.

Nach einer Begrüßung bleibt bis zur Abfahrt des Dampfers noch Zeit, um die Umgebung der abgeschirmten Anlegestelle zu erkunden. Der Wachmann am Ausgang des Sperrgebietes nimmt das Verlassen ohne einen ägyptischen Begleiter überrascht und erstaunt zur Kenntnis. Ein unbefestigter Weg führt an schiefen, ockerfarbenen Lehmhäusern vorbei, deren Haustüren stehen offen und ermöglichen einen Blick ins Innere. Welch’ ein Gegensatz zu der Schiffskabine. Um Neugier zu entgehen, halten die verschleierten Frauen Abstand und treten beiseite, während die Kinder sich ohne Scheu nähern, fröhlich Hallo rufen und uns bettelnd begleiten.

Spießrutenlauf

Feluken. Foto: Gisela Marzin

Feluken. Foto: Gisela Marzin

Am Rande einer staubigen Weggabelung stehen zwei ramponierte Campingstühle: Ein Café. Der Inhaber bietet uns unaufhörlich einen Platz an sowie Tee oder Cola. Nur mühsam lässt er sich abschütteln genau so wenig wie ein Kutschenfahrer, der eine Offerte nach der anderen macht. „Alles umsonst, morgen zahlen!“, lautet sein letztes Angebot, bevor wir vor Verzweiflung in den bewachten Hintereingang eines Fünf-Sterne-Hotels flüchten. Auf der Flusspromenade des Hauses bedrängen uns Bootshalter und bieten eine Segeltour an. „Tomorrow“, vertrösten wir sie und verlassen durch den Haupteingang das weiträumige Hotelgelände.

Doch dann beginnt erst recht ein Spießrutenlauf. Taxifahrer bieten ihre Dienste an, Kutschenfahrer mit schlecht genährten Pferden buhlen unaufhörlich um unsere Gunst. Mit jedem unserer Schritte sinken die Preise: Von 20 Euro, über noch preiswerter bis zu kostenlos. Nur Geld, egal welche Währung, fordern die Kinder. Besitzer von Plastikstühlen offerieren wiederum Getränke zum „best price“. Etwa fünfhundert Meter halten wir die Fülle von Angeboten und Forderungen, diese Bedrängnis und ungewohnte Annäherung aus, dann machen wir genervt kehrt. Auf dem Rückweg wiederholt sich das Spiel der Offerten. Zurück auf dem Schiff genießen wir die Distanz zum Alltag, beobachten vom Kabinenfenster die Lichter am Ufer und lesen, wie eine Passagierin, die an der Reling lehnte, zu Hercule Poirot sagte: „Ja, ich habe das Gefühl, daß man endlich dem Alltag und den Menschen entrinnt. Außer unserer eigenen kleinen Gruppe.“

Kaum Kontakt zu Land und Leuten

Zu Fuß unterwegs in den Sukhs von Assuan Foto: Gisela Marzin

Zu Fuß unterwegs in den Sukhs von Assuan Foto: Gisela Marzin

Diese Bemerkung in Christies Roman trifft genau so zu auf die Gegenwart. Der Reisende bleibt auf dem Schiff isoliert, ist vom Alltag Ägyptens abgeschnitten und bei Ausflügen zu den Altertümern mit seiner kleinen Gruppe zusammen. Einheimische begegnen ihm lediglich als Reiseführer oder fliegender Händler, als Kellner oder Steuermann.

Einen alerten Kapitän, wie ihm mancher vom „Traumschiff“ des ZDF kennt, gibt es übrigens auf keinem Nilschiff. Nur einen Mann, der aufgrund langjähriger Erfahrung, aber ohne Ausbildung, ohne Radar und andere technische Hilfen sein Schiff lenkt. „Ich weiß nicht, kann man Dinge nur nach ihrem Äußeren beurteilen“, würde Hercule Poirot bemerken.

Auf dem Schiff gibt es keine Beschäftigung außer Sonnenbaden, Essen und Trinken, was vielen Passagieren durchaus reicht. Sie begründen ihr Verharren mit Agatha Christies Bemerkung: „Die Tempel wären nicht besonders sehenswert.“ Das Gegenteil ist der Fall.

Krokodil-Mumien

Krokodilsmumien. Fotos: Gisela Marzin

Krokodilsmumien. Fotos: Gisela Marzin

Allein die Lage eines Tempels an der Nilschleife bei Kom Ombo ist grandios; vom eintönigen Vortrag des Reiseführers zur Geschichte, Architektur und Bedeutung des Tempels lässt sich das nicht sagen. Selbst als er stolz auf die einzigartigen Reliefdarstellungen von medizinischen Geräten hinweist, erlahmt das Interesse der Zuhörer. Diejenigen, die das geschriebene Wort vorziehen, lesen, dass es sich bei den Darstellungen eher um tägliche Gebrauchsgegenstände handele. Erst als der Reiseführer von einem Museum spricht, in dem Krokodil-Mumien aus einem nahe gelegenen Tierfriedhof gezeigt werden, erwacht die Aufmerksamkeit und fast alle eilen schnurstracks zu den Mumien.

„Die Gruppe kehrte plaudernd“ und von eifrigen Verkäufern bedrängt „zum Dampfer zurück. Und bald glitt [das Schiff] wieder flußaufwärts. Die Felsen waren Palmen und Feldern gewichen und dieser Wechsel der Landschaft“ erfreute die Passagiere, die den Nachmittagstee auf dem Panoramadeck genossen und sich auf die Visite anderer Tempel vorbereiten. Dazu bemerkte Agatha Christie: „Also, ehrlich gesagt, mache ich mir ja nicht viel aus Tempeln und Besichtigungen, aber dieser ist hier wirklich einzigartig!

Tempelanlage von Karnak

Der Tempel ...

Der Tempel …

Tatsächlich, einzigartig ist die Tempelanlage von Karnak: Seit 2100 v. u. Z. das größte Heiligtum der Ägypter und für über zweitausend Jahre der religiöse sowie geistige Mittelpunkt des Landes. Neben all’ den Superlativen, die zu bewundern sind, fristet der Botanische Garten im Tempel ein bescheidenes Dasein, wird von den Führern schlichtweg übergangen und muss mühsam gesucht werden. Wie in einem Lehrbuch sind an den Wänden fein gearbeitete Darstellungen von Tieren und Pflanzen Ägyptens und seiner Nachbarländer zu sehen. Von Tuthmosis III. angelegt, bildet die Sammlung die damals bekannte Flora und Fauna ab. „Diese Pharaonen müssen schon phantastische Kerle gewesen sein.“

... der Hatshepsut in der Nähe von Luxor. Fotos: Gisela Marzin

… der Hatshepsut in der Nähe von Luxor. Fotos: Gisela Marzin

Ob zu Fuss ins Nubische Museum oder mit dem Bus zu den Königsgräbern, ob mit der Kutsche zum Luxortempel oder mit einer Feluke, dem typischen Segelboot, zum Tempel der Isis und Osiris auf die Insel Philae, die meisten Altertümer sind recht bequem zu erreichen. Kehrt man vor Einbruch der Dunkelheit zum Schiff zurück und segelt man dabei an Agatha Christies Schreibort von „Der Tod auf dem Nil“, dem berühmten Old Cataract Hotel in Assuan, vorbei, dann ist auf der Hotelterrasse zwar nicht Hercule Poirot beim Tee zu erkennen, sondern der von den Besichtigungen Erschöpfte wird beglückt mit deutschen, englischen und französischen Volksliedern. Sie werden von kleinen Ägyptern vorgetragen, die sich auf einem Surfbrett geschickt an das Touristenboot rudern, sich festkrallen und aus voller Kehle schmettern. Wo sie das Geld verwahren, das sie erhalten, bleibt ein Rätsel. „Quel pays sauvage!“ murmelte Poirot“ am Ende seiner Reise, welch’ interessante Nil-Kreuzfahrt riefe er heute.

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