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Umbrien: Hügelland mit Krönchen

Umbrien? Irgendwo zwischen Rom und Florenz gelegen, keine Toskana und kein Veneto, kein Meer und kein Gebirge. Ein weiches, ein unspektakuläres Stückchen Italien, mit vielen Hügeln und vielen Klöstern, Dörfern, Heiligen. Ein Wohlfühl-Land, meint der italienische Tourismus, und fördert die Idee, Wellness anzubieten. „Benessere“: Ruhe und Stille, Genuss und Geschmack. Und dazu viel greifbare Geschichte.

Erinnerungen an die Südsteiermark

Umbrien - ein weiches, unspektakuläres Stückchen Italien, mit vielen Hügeln und vielen Klöstern.

Umbrien – ein weiches, unspektakuläres Stückchen Italien, mit vielen Hügeln und vielen Klöstern.

Irgendwie erinnert es mit seinen Weinhügeln an eine „umbrische Südsteiermark“ (warum muss es auch immer „steirische Toskana“ heißen?). Doch die Zypressen und Olivenhaine weisen nach Süden. So wie die Temperaturen, die einen durchaus in dieses noch etwas verschlafene, ursprüngliche (und preiswerte) Herz Italiens locken können.

Buitoni-Teigwaren und Perugina-Schokolade

Gotteshäuser und Klöster stehen sinnbildlich für Ruhe und Stille.

Gotteshäuser und Klöster stehen sinnbildlich für Ruhe und Stille.

Wobei es hinter den Kulissen, hinter den Hügeln und den uralten Stadtmauern gar nicht so verschlafen zugeht. Erfolgreiche Traditionsfirmen und grandiose Start-Ups haben international einen guten Namen: Buitoni-Teigwaren und Perugina-Schokolade stammen von hier. Viele Couturiers lassen hier arbeiten, Laura Biagotti und internationale Mode-Labels von Burberry bis Zegna, denn die Schneider und Wirker aus Umbrien mit ihren vielen kleinen Werkstätten sorgten schon immer für ein Auskommen in dieser soliden, bodenständigen Gegend.

Herzlich willkommen im Kloster von San Biagio.

Herzlich willkommen im Kloster von San Biagio.

Das hat zum Beispiel einen geschickten Mann namens Brunello Cucinelli auf die Idee gebracht, hochwertigstes Kaschmir auch einmal in Modefarben und für Damen in den vielen kleinen Schneidereien der Umgebung für ein eigenes Label verarbeiten zu lassen. Das war in den 1980-er Jahren, mit einem Startkapital von 25 000 Lira. Heute beschäftigt er 500 Familien und liefert bis China, besitzt und restaurierte ein ganzes Dorf, dem er sogar ein Theater und Kultur schenkte, und bekleidet Reich und Schön.

Dankbarkeit für ein Erdbeben

Als etliche Erdbeben im Jahr 1997 viele mittelalterliche Kirchen beschädigten und in Assisi das Dach der Basilika des Heiligen Franziskus einstürzen ließen, wobei unersetzliche Fresken von Giotto schwer beschädigt wurden, war der Schock in aller Welt groß. Doch heute ist man diesem Beben fast dankbar. Denn so perfekt restauriert, wiederhergestellt, aufgebaut waren die vielen malerischen Dörfer – von denen manche schon vor ihrem neuen Glanz zur Gruppe der schönsten Dörfer Italiens gewählt wurden – noch nie. Und die Fresken Giottos leuchten heute in wunderbaren Farben und bezaubern jährlich hunderttausende Besucher.

Wohlhabende Handeslroute

Franz von Assisi (* 1181/82, † 3.10 1226) war der Begründer des Ordens der Minderen Brüder (Franziskaner). Er wird in der römisch-katholischen Kirche als Heiliger verehrt.

Franz von Assisi (* 1181/82, † 3.10 1226) war der Begründer des Ordens der Minderen Brüder (Franziskaner). Er wird in der römisch-katholischen Kirche als Heiliger verehrt.

Umbrien ist ursprünglich Agrarland, durch das die Via Flaminia, die Römerstraße, auch zu einer wohlhabenden Handelsroute wurde. Tabak wuchs hier, die berühmten Nurcini-Schweine holen sich Nüsse und Maroni auf ihren Speisezettel, ganz besondere Linsen und Bohnen wachsen hier und die schwarze Trüffel, Olivenöl und Wein gibt es zu verkosten, Akazienhonig und berühmte Kartoffelsorten.

Wer hierher kommt muss den Spanferkelbraten mit eingerolltem wildem Fenchel, Knoblauchzehen, Rosmarin, Pfeffer und Muskatnuss probieren. Und ein Bistecca Fiorentina, das seine butterweiche Köstlichkeit dem wieder gezüchteten Chianina-Rind dankt, nicht gerade billig, aber jeden Cent wert. Oder einen Pecorino di Fossa, sechs Monate in abgeschlossenen Grüften gereift – wer will so einer Käseplatte widerstehen? Alle diese Köstlichkeiten gehören zur „Dieta Mediterranea“, ausgezeichnet als UNESCO Kulturerbe.

Alte Klöster als Wellnesstempel

Olivenöl, Wein, Käse, Salami – Umbrien ist stolz auf seine Bodenständigkeit.

Olivenöl, Wein, Käse, Salami – Umbrien ist stolz auf seine Bodenständigkeit.

Überhaupt gibt es viel Kulturerbe zu genießen, besichtigen oder bewohnen in Umbrien. Weil man hier nicht mit Meeresblick werben kann und der Trasimenische See zwar groß, aber flach und zum Baden eher ungeeignet ist – die mangelnde Wasserqualität stört glücklicherweise die vielen seltenen Vogelarten nicht, die unter WWF Naturschutz stehen – hat man auf Spa-Kultur gesetzt und viele alte Klöster zu Wellnesstempeln umgebaut. Wobei Kloster und Tempel ja oft zwei Seiten einer Medaille sind: Meist prachtvolle Lage und weite Aussicht, rundum viel Natur und Stille zur Einkehr.

Wunderbare Ruhe-Oasen

Verwinkelte Gassen sind typisch für alle Orte Umbriens.

Verwinkelte Gassen sind typisch für alle Orte Umbriens.

Das hat man genutzt, und mit viel Privatinitiative und viel Privatgeld (woher immer es gekommen sein mag) wunderbare Ruhe-Oasen geschaffen. Manche dem esoterischen Geschmack verpflichtet, wie das Kloster Biagio, das einst im 13. Jahrhundert Kreuzfahrern als Hospiz und Zuflucht diente, wo auch ein interessantes Kräuterbuch aus dem 15. Jahrhundert, verfasst von einem gewissen Angelino, entdeckt wurde, wo aber vom Ruhe-Ei für gestresste Manager, die sich wie im Mutterleib fühlen wollen, bis zu jeglicher Eso-Massage, Diät oder sonstiger Übung alles angeboten wird, was Selbstfindung und feinstoffliche Erfahrung fördert.

Aber es gibt auch durchaus konkrete Klostererlebnisse mit Verwöhn-Kultur, wie im San Pietro Sopra le Acque bei Massa Martana, oder im Antica Casale di Montegualandro bei Tuoro. Oder die Residenza Roccafiore gegenüber der Hügelstadt Todi, die wie ein Landschaftsgemälde den Cocktail in diesem höchst modern ausgestatteten, kleinen Boutique-Hotel als Aussicht schmückt.

Fotos: Elisabeth Hewson

Raushier-Reisemagazin

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