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Weißen Löwen auf der Spur

Langsam steuert Ranger Nick den grünen Geländewagen durch das südafrikanische Lowveld. Der Baumbestand hat sich gelichtet, eine weite Grasebene öffnet sich vor der Motorhaube. Der exponierte Sitz des Spurenlesers ist zusammengeklappt. Giani hat sich auf den Beifahrersitz gesetzt. Möglichst kompakt soll das Fahrzeug erscheinen. Wir nähern uns einem Rudel Löwen. Es riecht nach Zoo. „Elefantendung“, erklärt Nick.

©Jonathan Ponstingl

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Träge liegen die acht Tiere in der schwächer werdenden Nachmittagssonne. Von wilden Jagdszenen keine Spur. Auf der anderen Seite der Lichtung pflügt eine Giraffe durch das Unterholz. Die Löwen nehmen keine Notiz von ihr. Offenbar haben sie bereits gespeist. Von den beiden Autos lassen sie sich ebenfalls nicht beirren. Sie sind Teil ihrer natürlichen Umgebung geworden. Das braune Fell der Tiere fügt sich beinahe kontrastfrei in das grünbraune Gras, von der hellen Erde heben sie sich kaum ab. Sechs Löwenrudel leben im Ngala Private Game Reserve im östlichen Südafrika. Doch dieses hier, das Birmingham Pride, ist besonders. Zwei der jungen Löwen sind weiß.

©Jonathan Ponstingl

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Drei wilde weiße Löwen sind derzeit auf der Erde dokumentiert. Zwei davon leben hier, im Ngala Private Game Reserve, einer Konzession des angrenzenden Kruger Nationalparks. Der dritte lebt im Nationalpark selbst. In den Zoos dieser Welt leben einige weiße Löwen in Gefangenschaft. Doch die sind gezüchtet mit der Absicht Besucher zu unterhalten. Frei lebende weiße Löwen sind eine Rarität. Auch wenn sie von ihren Artgenossen nicht als solche wahrgenommen werden. „Jedes Mal versuche ich Anzeichen zu finden, ob die weißen Löwen von ihrer Mutter anders behandelt werden als die restlichen Jungen. Bislang habe ich nichts entdeckt“, sagt André, einer der Ranger im Reservat.

Wie Schüler eine Yogaklasse

©Jonathan Ponstingl

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Plötzlich recken die Löwen ihre Köpfe. Angeleitet von der Mutter stehen sie auf, strecken die imposanten Körper wie Schüler eine Yogaklasse. Die weißen Löwen heben sich ein wenig mehr von ihrer Umwelt ab als ihre Geschwister, ansonsten ist kein Unterschied zu erkennen. Wie auf ein unsichtbares Kommando hin setzen sie sich in Bewegung. Der Gegensatz zwischen einem Haufen schlapp daliegender Löwen und einem Rudel in Bewegung ist beträchtlich. Spannung liegt in der Luft. Die Touristen halten den Atem an, beobachten jede Bewegung der imposanten Tiere. Plötzlich kommt die ganze Kraft zum Vorschein. Mit jedem Schritt werden die Muskeln kenntlich und erzeugen jene Erhabenheit, die eine Begegnung mit Löwen in freier Wildbahn mit sich bringt.

©Jonathan Ponstingl

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Ngala ist ein privates Wildschutzreservat. Übersetzt aus der lokalen Sprache der Shangaan bedeutet Ngala Löwe. Das Gebiet selbst gehört dem WWF Südafrika und wurde von einem Tourismusunternehmen gepachtet, dass eine enge Verbindung zwischen Tourismus und Umweltschutz zieht. Die Einnahmen aus dem Tourismus werden direkt in den Schutz der Tiere investiert. Spezielle Programme sollen etwa den Schutz der vom Aussterben bedrohten Nashörner unterstützen. Die weißen Löwen sind somit ein Glücksfall. Zum einen touristisch, schließlich locken sie zahlende Besucher an. Aber dadurch eben auch für den Umweltschutz.

Nicht mehr als drei Fahrzeuge pro Sichtung

©Jonathan Ponstingl

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Allen Tieren wird mit großer Vorsicht begegnet. Die Mitarbeiter der Lodges pflegen eine enge Verbindung zu den Tieren. Diesen Ansatz nimmt man ihnen ab. Ohnehin sind nicht viele Fahrzeuge unterwegs, dennoch gibt es strenge Regeln für Tierbeobachtungen. Mehr als drei Fahrzeuge pro Sichtung sind verboten, Offroad ist nur für die sogenannten Big Five möglich: Elefant, Büffel, Löwe, Nashorn und Leopard. Die Bezeichnung Big Five stammt aus der Großwildjagd und bezeichnet die für Jäger gefährlichsten Tiere.

Die Löwen ziehen indes weiter durch den Busch. Lautlos streifen sie durch das hohe Gras. Die beiden Ranger lenken ihre Land Cruiser direkt in deren Pfad hinein, um den Touristen einen Blick in die Gesichter der Raubkatzen zu ermöglichen. Die Löwen nehmen weiterhin keine Notiz von den Fahrzeugen und laufen zielstrebig daran vorbei. Die weißen Tiere sind Teil des Rudels.

Keine Albinos

©Jonathan Ponstingl

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Weiße Löwen sind keine Albinos. Sie sind leuzistisch. Das bedeutet, ein rezessives Gen mutiert und verursacht die weiße Färbung des Fells, während Haut und Augen die herkömmlichen Pigmente aufweisen. Demzufolge sind weiße Löwen auch keine eigene Gattung sondern schlicht etwas anders frisierte ganz normale Löwen. Und sie sind selten. Für das Zustandekommen dieses besonderen Erscheinungsbildes müssen sowohl Männchen als auch Weibchen das entsprechende Gen tragen. Das kommt in der freien Wildbahn kaum vor und ist derzeit in dieser Region der Erde einzigartig. Erstmals entdeckt wurden weiße Löwen im benachbarten Timbavati Game Reserve 1938. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die lokale Bevölkerung solche Anblicke auch schon zuvor genießen konnte.

Das Löwenrudel ist mittlerweile bei einem kleinen Wasserloch angekommen. Mit langen rosa Zungen nehmen sie das kühle Nass in ihre Mäuler auf. Nicht nur für die Touristen, auch für die Ranger sind aktive Löwen kein alltäglicher Anblick. Die beiden weißen Jungen, im Übrigen ein Männchen und ein Weibchen, folgen in der Mitte des Rudels dem Beispiel ihrer Geschwister.

Machtkampf unter Löwen

©Jonathan Ponstingl

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Nur etwa 50 % junger Löwen überleben ihr erstes Jahr. Bei weißem Löwennachwuchs ist das nicht anders. Bereits vor zwei Jahren wurden drei weiße Junge geboren. Eine absolute Sensation, nachdem man in der Gegend seit mehreren Jahrzehnten keine weiße Löwen mehr gesichtet hatte. Unglücklicherweise war diese Besonderheit nur von kurzer Dauer. Zwei Männchen aus dem Norden fielen in das Gebiet ein und kämpften mit den Anführern des Birmingham Pride um dessen Herrschaft. Die Invasoren gewannen. Wie üblich töteten sie die jungen Nachkömmlinge ihrer Vorgänger, um ihren Herrschaftsanspruch zu sichern und den eigenen Genpool zu verbreiten. Auch die weißen Löwen fielen dem Machtkampf zum Opfer.

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Der Verdruss unter den Menschen der Region war groß. Man befürchtete, wieder etliche Jahre auf die Geburt weißer Löwen warten zu müssen. Umso größer war die Freude, als bei einem Wurf im November 2018 tatsächlich eines der vier Jungen weiß war. Auch die männlichen Neuankömmlinge verfügten über das entsprechende Gen. Drei Monate später gebar eine andere Löwin des Rudels ebenfalls ein weißes Junges. Heute geht es beiden prächtigen und es bestehen berechtigte Hoffnungen, dass die Beiden das Erwachsenenalter erreichen.

Dem Löwenrudel scheint all das egal zu sein. Nach der kleinen Erfrischungspause am Wasserloch zieht es weiter ins dichte Unterholz. Auch die Geländewagen können ihm dorthin nicht folgen. Die Ruhe sei ihnen gegönnt.

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Anreise: Aus Deutschland mit Lufthansa oder South African Airways direkt nach Johannesburg. Von dort mit einem Inlandsflug oder Mietwagen bis nach Ngala. www.flysaa.com/de und www.lufthansa.de

Unterkunft: Das Ngala Tented Camp lässt keine Wünsche offen. Die großzügigen Zelte sind eingerichtet wie richtige Zimmer, groß und luxuriös. Zwei tägliche Safarifahrten mit einem Ranger und einem Spurenleser sind im Preis inbegriffen. www.andbeyond.com

Weitere Informationen erteilt die deutsche Vertretung von South Africa Tourism unter www.dein-suedafrika.de

Reisezeit: Südafrika ist ganzjährig eine Reise wert. Im südafrikanischen Herbst und Winter sind die Bedingungen für Tierbeobachtungen am besten. Dann ist die Vegetation nicht so hoch und bietet eine gute Sicht.

Anmerkung: Diese Recherche wurde unterstützt von &beyond. Die Unterstützung hat keinerlei Auswirkungen auf die Neutralität der Berichterstattung.

Raushier-Reisemagazin

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