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Notizen aus Bangladesch – Teil 3

Dhaka ist eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Heute erzähle ich etwas über die Menschen in dieser Stadt – sie finde ich am interessantesten. Es gibt eine Studie darüber, wo in der Welt die glücklichsten Menschen leben. Einige meinen, Bangladesch gehöre dazu. Wenn man das Leben der Menschen dort beobachtet, dann bekommen Worte wie “wichtig”, “unwichtig” und “Glück” eine ganz andere Bedeutung. Allein dadurch ist so eine Reise wirklich unvergesslich. Eine Reise nach Bangladesch ist kein “Urlaub”, sondern eher eine Lebenserfahrung und Horizonterweiterung. Ich war wieder in einer fremden Welt, wo man sich einfach nur treiben lassen muss.

Geschäftstüchtige Bangladescher.

Geschäftstüchtige Bangladescher.

Wie schon geschrieben, lässt sich das Vorwärtskommen in Dhaka mit nur einem Wort beschreiben: Stau! Wer hier keine Geduld hat, ist fehl am Platz. Um Dhaka zu durchqueren, benötigt man mehr als zweieinhalb Stunden. Für die Einheimischen völlig normal. Leider findet man unter den Rikschafahrern kaum einen, der Englisch spricht. Aber trotzdem kamen wir irgendwie immer dorthin, wo wir wollten.

Fotografen gerne gesehen

Oft sah es übrigens so aus, als würde es die Menschen in Bangladesch stolz machen, wenn man sie bei der Arbeit fotografiert. Viele stellen sich sogar in Pose und strahlten. Manche arbeiteten extra energisch weiter, als würden sie zeigen wollen, wie fleißig sie sind und unter welchen Bedingungen sie ihr täglich Brot verdienen. Fotografieren ist dort also kein Problem.

Man begrüßt sich mit as-salāmu ʿalaikum (Muslime) oder namaskar (Hindus).

Man begrüßt sich mit as-salāmu ʿalaikum (Muslime) oder namaskar (Hindus).

Die meisten Menschen, die in Bangladesch geboren sind, haben Bangladesch noch nie verlassen. Als Europäer waren wir dort oft eine Attraktion und wurden auch oft von Passanten gefragt, ob sie mit uns zusammen ein Handyfoto machen dürfen. Danach standen sie zusammen und waren ganz begeistert beim Anschauen des Bildes. Als Ausländer wird man in Bangladesch sehr aufmerksam beobachtet und auf der Straße versuchten viele Menschen, mit uns ins Gespräch zu kommen. “How are you?”, “What is your name?”, “What is your Country?”.

Am Fluss Buriganga.

Am Fluss Buriganga.

Apropos Handy. Vollen Empfang hat man in Bangladesch in der hintersten Pampa. Unglaublich. Auch ist telefonieren dort mit einer landeseigenen SIM-Karte spottbillig. Sogar internationale Gespräche nach Deutschland kosten gerade einmal um die 15 Cent pro Minute.

Begrüßen tut man sich mit as-salāmu ʿalaikum (Muslime) oder namaskar (Hindus).

158 Millionen Einwohner auf der doppelten Fläche Bayerns

Arbeiterinnen auf dem Bau.

Arbeiterinnen auf dem Bau.

In Bangladesch wohnen übrigens 158 Millionen Einwohner auf einer Fläche, die ungefähr doppelt so groß ist wie Bayern. In kaum einem anderen Land der Erde leben die Menschen auf so engem Raum – über 1.000 pro Quadratkilometer. Da kann man sich vorstellen, wie wichtig die japanischen Müllautos sind.

Es gibt genügend Wasser und sehr fruchtbare Böden in Bangladesch. Fast jeder Fleck, auf dem kein Gebäude steht und über den keine Straße läuft, ist bearbeitet. Wir haben kilometerweit Reisfelder gesehen. Dazu kommen Weizen, Gerste, Mais, Kartoffeln, Bananen, Jackfrüchte und Mangos. Trotzdem sind über die Hälfte der Vorschulkinder mangelernährt.

Auch auf Abduls Grundstücken – er ist der Vater meiner Schwiegertochter Khukie – wachsen Bananen. Ich konnte nicht genug davon bekommen. Sie schmecken genial, irgendwie ein bisschen nach Zitrone und süß. Abdul hatte mir jeden Tag schon ein paar neben meinen Teller gelegt. Ich vermisse sie heute noch.

Freundliche Menschen mit großer Hoffnung

Die Menschen sind sehr freundlich uns lassen sich gerne fotografieren.

Die Menschen sind sehr freundlich uns lassen sich gerne fotografieren.

Die Menschen sind überall sehr freundlich, sogar bei den Menschen, die in Wellblechhütten leben, wird man eingeladen und bekommt nur das Beste serviert, was sie bieten können.

Ich muss sagen, dass ich die Menschen in Bangladesch sehr bewundere. Vor allem für ihre Fähigkeit, einfach weiterzumachen, egal, wie widrig die Umstände sind. Die allermeisten sind extrem fleißig, arbeiten etwa elf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche und sind dabei so optimistisch und sehr stolz auf ihr Land. Die Näherinnen in den Fabriken arbeiten teils von 6 Uhr morgens bis abends 22 Uhr für einen Hungerlohn. Dass sie unter diesen Umständen so viel Hoffnung haben, finde ich tief beeindruckend.

Vielerorts werden Ziegel hergestellt.

Vielerorts werden Ziegel hergestellt.

Wenn ich da meine Schwaben sehe, schäme ich mich echt ein bisschen. Wie engstirnig, oft neidisch und unzufrieden viele sind. Aber mit einem Brunnenfrosch kann man nicht über den Ozean reden, sagt mein Bruder immer. Sie sollten alle mal durch einen Slum dort laufen. Etwa 60 Prozent der städtischen Bevölkerung in Bangladesch lebt in Slums.

Wundern würden sich viele nicht nur über das Elend dort, sondern das Verhalten der Menschen selbst. Kein Zeichen von Trauer oder Verzweiflung sieht man auf diesen Gesichtern. Im Gegenteil! Da spürt man eher eine Wärme, die man hier in Schwaben oder allen wohlhabenden Ländern, gar nicht mehr kennt.

Viele Ideen

Vieles wird in Bangladesch auf dem Kopf getragen.

Vieles wird in Bangladesch auf dem Kopf getragen.

Ich habe die Bangladescher als sehr fleißiges Volk erlebt. Es wir kaum gebettelt und alle bemühen sich um Arbeit, auch wenn die Bedienungen meist sehr schwer sind. Es gibt viele Ziegeleien. Die Ziegel werden in Bangladesch noch sehr mühevoll hergestellt.

Die Menschen entwickeln viele Ideen, um Geld zu verdienen. Manche wiegen Passanten auf einer Waage gegen Bezahlung.

Die Ware, die in den Märkten verkauft wird, ist meist unverpackt und wird sehr oft auf Körben auf dem Kopf getragen – darunter oft lebende Hühner, Gänse und anderes Getier.

Für 53 Euro im Monat

An Buriganga.

An Buriganga.

Auch diesmal haben wir eine Bootsfahrt auf dem Buriganga gemacht. Das Wasser des Flusses ist kohlrabenschwarz. Wie Pech! Kann mir nicht vorstellen, dass da noch irgendetwas Lebendiges drin ist. Die ganzen Abwässer der giftigen Lederfabriken – Leder aus Bangladesch ist unschlagbar billig – und vieles andere wird in diesen Fluss geleitet. Und trotzdem baden sich viele Menschen darin oder waschen ihre Wäsche. In den Lederfabriken arbeiten Erwachsene, teils auch Kinder zehn Stunden am Tag, 70 Stunden in der Woche für 53 Euro pro Monat.

Am Flussufer arbeiteten Männer in der Mittagshitze. Sie reinigten kleine Plastikscherben in diesem schmutzigen Wasser, die sie anschließend zum Trocknen auslegen. Danach bringen sie diese zum Recyceln.

Ziegelei in Dhaka.

Ziegelei in Dhaka.

Ich möchte nicht in diesem schwarzen Wasser stehen, um den Abfall der zivilisierten Welt zu waschen. Da frage ich mich schon, wie verschwenderisch und sinnlos hier bei uns mit vielem umgegangen wird.

Traditionelle Kleidung.

Traditionelle Kleidung.

Noch kurz was anderes. Obwohl es in den Geschäften viel westliche Kleidung zu kaufen gibt, haben die meisten Frauen Saris an oder sie tragen Salwar Kameez – das sind bunte halblange Kleider mit traditionellen Hosen darunter. Die Hosen passen immer, ob du 20 kg zunimmst oder ab. Sind also sehr bequem. Männer tragen oft einen Lungi, einen traditionellen Rock, der aus einem Tuch gebunden wird. Viele tragen aber auch Hosen, besonders zu formellen Anlässen.

Mit vier Euro einen Menschen glücklich gemacht

Die alte Dame freute sich sehr über kleine Geschenke.

Die alte Dame freute sich sehr über kleine Geschenke.

Ein Erlebnis hatten wir mit einer alten Frau, etwa 70 Jahre alt. Auch sie wohnt wie ganz viele andere an einer Mauer unter einem Bretterverschlag. Sie erzählte uns ihre Lebensgeschichte. Sie wurde mit fünf Jahren von ihren Eltern in Dhaka ausgesetzt und lebt seither auf dem Gehweg. Sie besuchte nie eine Schule und kam so nie raus aus dem Elend. Sie erzählte, dass ihr größter Wunsch eine warme Decke sei, da sie nachts sehr frieren würde.

Ihre Kochstelle.

Ihre Kochstelle.

Wir haben dann eine Fleecedecke gekauft, die nur zwei Euro kostete und gleich noch einen Beutel Reis und Daal (Linsen) dazu. Wir brachten es ihr und sie war überglücklich. Wenn man das bedenkt, mit nur vier Euro konnten wir einen Menschen glücklich machen. Schon beschämend, wenn ich daran denke, wieviel bei uns im Haus ist, das wir gar nicht brauchen und übrig ist. Für manche Menschen würde das alles die Welt bedeuten. Auf dem Foto sieht man die Frau mit der Decke und dem Reis in der Hand. Auf dem anderen Foto sieht man ihre Kochstelle.

Fotos: Margit Ebert

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2 Gedanken zu „Notizen aus Bangladesch – Teil 3

  1. Habe Deinen dritten Teil gleich gelesen, aber den Kommentar vergessen.
    Hat mir gut gefallen, wie die letzten Teile auch. Es schleicht sich beim lesen
    etwas das schlechte Gewissen ein über das was wir meinen alles haben zu müssen.
    Dabei braucht man eigentlich nicht viel um glücklich zu sein. Danke für Deinen
    Bericht.

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